Dienstag, 4. Januar 1916 – Tanzverbot für die Fastnacht

Beschluss des Regierungsrates des Kantons St.Gallen betreffend Einschränkung der Belustigungen und öffentlichen Tanzanlässe während der Fastnacht 1916.

Vom 4. Januar 1916.

Landammann und Regierungsrat

Des Kantons St.Gallen,

Gestützt auf den Beschluss des Grossen Rates betreffend die durch die Kriegslage erforderten Massnahmen vom 15. September 1914[1],

Unter Hinweis auf Art. 9 des Gesetzes betreffend die polizeiliche Handhabung der Sonntagsruhe vom 4. Januar 1886[2]

und Art. 8 und 37 des Gesetzes über die Betreibung von Wirtschaften vom 6. August 1905[3],

beschliessen

  1. Öffentliche Tanzanlässe sind nur an zwei Tagen der Fastnacht gestattet, und zwar innert der Zeit vom Fastnachtsonntag bis Fastnachtdienstag; innert diesem Rahmen bleibt die Bestimmung der zwei Tage für das Gebiet einer jeden Gemeinde dem Gemeinderate überlassen. Für diese Tanzanlässe darf eine Freinachtbewilligung bis längstens morgens 2 Uhr erteilt werden. Der Gemeinderat ist befugt, für seine Gemeinde die öffentlichen Tanzanlässe auf einen der genannten drei Tage einzuschränken oder ganz zu verbieten.
  2. Maskengehen und Maskeraden jeder Art (also auch Maskenbälle, öffentliche und in geschlossener Gesellschaft), ferner Fastnachtaufzüge, Confettiwerfen, Abbrennen von Feuerwerk auf öffentlichen Strassen und Plätzen, sogen. Kappenfeste und Bockabende und dergleichen sind gänzlich verboten.
  3. Für Theateraufführungen, für musikalische Unterhaltungen, sowie für andere Vereinsanlässe mit Tanz, sofern zu den letzteren nicht öffentlich eingeladen wird, dürfen die Gemeindebehörden Freinacht nur bis längstens nachts 12 Uhr gewähren; es sei denn, dass diese Anlässe an einem der Tage stattfinden, an denen nach Ziffer 1 öffentliche Tanzanlässe gestattet sind, in welchem Falle Freinachtbewilligung bis längstens morgens 2 Uhr erteilt werden kann.
  4. Ausser den in Ziffer 1 Abs. 2 und Ziffer 3 vorgesehenen Fällen dürfen bis auf weiteres Freinachtbewilligungen im Sinne von Art. 37 Abs. 3 des Wirtschaftsgesetzes nur in den Fällen erteilt werden, wo es sich um wohlbegründete Gesuche handelt und die öffentliche Ruhe und Ordnung dadurch in keiner Weise gestört wird.
  5. Sämtliche Polizeiorgane werden beauftragt, dafür zu sorgen, dass Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnungen und Verbote verhindert und zur Anzeige gebracht werden.
  6. Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnungen und Verbote werden mit einer Geldbusse von Fr. 5.- bis Fr. 150.- durch den Gemeinderat bestraft.

St.Gallen, den 4. Januar 1916.

Der Landammann:

Hauser.

Im Namen des Regierungsrates,

Der Staatsschreiber:

Dr. O. Müller.

[1] Amtsblatt 1914, II, Seite 399, und Ges.-Sammlg., Bd. XI, N.F., Nr. 47.

[2] Ges.-Sammlg., Bd. V, N.F., Nr. 4.

[3] Ges.-Sammlg., Bd. IX, N.F., Nr. 37.

Nachbemerkung: Eine Reaktion des Wirteverbandes des Kantons St.Gallen auf diesen Beschluss findet sich unter dem Beitrag vom 19. Januar 1916.

Die Regierung hatte in ihrer Sitzung vom 4. Januar insgesamt 25 Beschlüsse gefasst:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B 2-1916 (Text, Beilage zum Protokoll des Regierungsrates) und ZOF 002/01.69 (Bild, undatiert, zwischen 1900 und 1920)

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