Maria Wenner auf der Eingangstreppe zu ihrem Haus in Fratte di Salerno

Mittwoch, 12. Januar 1916 – Elternsorgen: schlaflose Nächte wegen Kindern mit Verdauungs-beschwerden

Fritz Wenner, Textilindustrieller in Fratte di Salerno in Süditalien mit St.Galler Wurzeln, befand sich auf Geschäftsreise in der Schweiz. Dabei benutzte er die Gelegenheit, Verwandte und Bekannte zu besuchen und einige persönliche Angelegenheiten zu erledigen.

Fritz und Maria Wenner-Andreae waren seit 1913 verheiratet und Eltern von zwei kleinen Knaben, Giovanni (genannt Gianni, 1914-2010) und Diethelm (genannt Dimi, 1915-1996). Ihretwegen konsultierte der Vater einen Arzt in der Schweiz und liess sich Ernährungsempfehlungen geben.

Fritz Wenner schrieb aus dem Hotel Savoy in Zürich. Die Postzustellung war unzuverlässig, und der Brief musste durch die Zensur.

Meine liebe Maria

Am Montag morgen telegraphierte ich Dir, um meine u. Alexens glückliche Ankunft zu melden. Ich habe bis heute abend keine Antwort von Dir erhalten u. ist wohl wieder etwas verloren gegangen. – Ich hoffe nur[,] Ihr seid alle wohl u. lasst Euch nichts fehlen.

Von hier habe ich Dir nichts besonderes zu melden, als Euch allen die Grüsse von allen unseren Verwandten u. Bekannten[,] die ich sehe zu übermitteln. Die Cousinen Clara und Quinta sind in Zuoz wohin ich gedenke für Samstag u. Sonntag zu reisen, um sie zu besuchen. Gestern war ich in St.Gallen und Rorschach u. traf die Vettern Otto und Albert Wenner. Ihre Frauen u. Kinder waren in Bern u. Zürich u. sah ich somit nicht. Morgen gehe ich nach Baden zu Braun Boveri u. am Freitag nach Schaffhausen in den Erbschaftsangelegenheiten der Kinder Pfister.

Du siehst meine Tage sind ausgefüllt u. ich brauche mich nicht zu langweilen. –

Heute nachmittag war ich bei Dr. Mende [?] und hatte eine lange Unterredung mit ihm. – Wegen Gianni sagte er[,] die Sache wegen der Verdauung habe nichts auf sich. Man solle möglichst vermeiden[,] Milch allein zu geben, u. am morgen etwas Nestlé Mehl oder Bengers‘ Food oder so was beimischen, dadurch werde die Milch leichter verdaulich u. der Stuhlgang erleichtert. Am Mittag dürfe er nicht mehr wie ca. ¼ Liter Hafersuppe bekommen, da es sonst seinen Magen zu sehr erweitere. Am Abend sollte er nicht wieder etwas schleimiges oder pappiges bekommen, sondern z.B. Pastina nur abgesotten mit etwas Butter u. Salz condito u. dazu gekochtes Obst, eventuell auch aus Gläsern Pfirsiche etc. damit sein Stuhlgang erleichtert werde. –

Wegen Dimy fand er nichts unrichtig. Nur meint er[,] man sollte ihn während des Tages ganz genau jede 2½ Stunde zu trinken geben u. nur solange, als er wirklich Appetit bekundet. Das Übergeben kommt wie er meint mehr von überladenem Magen. Er meint[,] der Kleine würde sich so sehr bald daran gewöhnen[,] Nachts längere Pausen zu machen. Am Tag müsse man ihn im Anfang zu den genauen Stunden für die Ma[h]lzeiten wecken, sehr bald erwache er dann von selbst. Wenn er fertig getrunken habe[,] dürfe er nicht im selben Zimmer mit Dir bleiben. Nux vom.[1] sei gut; anstatt Ipec. [?] würde er Camomilla 30 abends geben.

Deinen Brief habe ich erst heute erhalten. Ich war schon am Montag beim Photographen gewesen. –

Ich bin leider noch nicht dazu gekommen[,] zu Dr. Heftis zu gehen u. habe daher auch den Alex nicht wieder gesehen; hoffentlich gelingt es mir jetzt dann doch einmal. Das Wetter ist hier nicht besonders kalt, meistens bedeckt, u. Schnee liegt so zu sagen keiner auf dem Land. –

Ich sage Dir adieu, meine l. Mogliettina u. denke sehr viel an Dich u. an unsere lieben Kleinen. Grüsse mir die l. Eltern u. Silvia recht sehr u. sei Du selbst von Herzen umarmt u. geküsst von Deinem Dich innig liebenden Maritino Fritz Wenner.

[1] Nux vomica: Brechnuss, pflanzliches Arzneimittel, heute nur noch in der Naturheilkundepraxis verwendet.

Silvia Wenner (1886-1968) war die jüngste Schwester von Fritz Wenner. Sie war ab 1925 mit Hermann Ochsenbein (1888-1947) verheiratet. Ochsenbein arbeitete ab 1916 als Spinnereidirektor bei der Firma Roberto Wenner in Fratte.

Am gleichen Tag hatte auch die St.Galler Regierung eine Sitzung. Ihre Sorgen waren anderer Natur:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/74.33 (Bild) sowie ARR B 2-1916

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