Sonntag, 16. Januar 1916 – Aus dem Leben einer unverheirateten Tante

Marie Lutz berichtete in einem Brief an ihre Schwägerin über ihr Tun und Treiben. Dem Brief nach zu schliessen war Marie Lutz aus dem Kloster Menzingen ausgetreten. Sie lebte danach bei den Familien ihrer Geschwister, wo sie sich mit Handarbeiten und Kinderhüten beschäftigte. Später arbeitete sie als Lehrerin in Thal.

Fanny Lutz-Giger, die Schwägerin der Briefschreiberin, war seit 1911 mit Gebhard Lutz (1870-1946) verheiratet.

Eine Nichte der beiden war offenbar zur Kur in Davos.

St.Gallen, 16. Januar 1916.

Liebe Fanny!

Soeben sind Paul, Ida und ich zurückgekehrt vom Bahnhof. Obwohl ich es Gebhard auch mündlich auftrug, Dir für Deinen lieben Brief zu danken, so will ich es doch auch noch auf diesem Wege tun.

Wir stummen Lutzen sind doch nicht ganz so kalt, können es aber nicht so gut sagen und mir fehlt manchmal auch das richtige Courage dazu. So wollte ich Dir zuletzt immer noch etwas sagen; die letzte Gelegenheit wäre noch in der Rheinecker-Kirche gewesen, doch ich muss einen unheimlich engen Hals haben, dass es nicht heraus wollte.

Nun möchte ich Dich bitten, die gute Erinnerung, die ich meinerseits ganz mitnehme, auch mir zu erhalten, trotzdem ich Dich durch meine Zerstreutheit und mein unfreundliches Benehmen oft erzürnt habe. Ich danke noch einmal für Alles und besonders auch für die freundliche Aufnahme, die ich nach meiner Fahnenflucht von Menzingen im Trüetterhof gefunden. „Vergelts Gott a da chlina Chinde.“

Familie von Gebhard und Fanny Lutz-Giger mit Hilfskräften bei der Weinlese in Thal, 1925
Familie von Gebhard und Fanny Lutz-Giger mit Hilfskräften bei der Weinlese in Thal, 1925

Am letzten Montag bin ich erst abends hier angelangt. Während ein Bahnbeamter in Rorschach stets rief: Goldach, N. St. Finden einsteigen II. Perron guckte ich ins Blaue & liess meinen Zug abdampfen.

Am Dienstag Nachmittag gingen wir zu Onkel Othmars. Nach Uzwil ging ich nicht, teils wegen dem Häckelspitz [sic] & weil Theres[1] fand, es passe nicht, wenn ich auch nicht mehr [nach] R’wil [Rapperswil] gehe. Am Freitag circa 4 Uhr wurde der Spitz dann auch wirklich fertig, worüber ich anfangs selbst sehr froh war & was ich gerne überall hin telephoniert hätte, wo Herr Spitz schon gesehen wurde. Am Samstag nach dem Kaffee kam mir plötzlich der Klupperlisack [Sack für Wäscheklammern] in den Sinn; darum ist jetzt die rote Garnitur noch so unvollständig.

Am Dienstag Abend waren Theres & Anton bei Herrn Ruckstuhls eingeladen. Ich schlief dann bei den Kindern[,] bis Theres kam. Paul merkte aber den Personenwechsel, als um ½ 2 Uhr die gut geschlafen habende Tante von der heimkehrenden Mama abgelöst wurde.

Am nächsten Dienstag kommt Tante Mathilde von Davos zurück; Theresli schrieb ganz vernünftig, dass sie sich drein schicken & dennoch kurgemäss leben werde. Im Notfall würde sie halt wieder „gock gock“ schreiben. Auf heute schrieb sie ein schönes Kärtchen mit der Anrede „allerliebstes Mütterlein.“ Gestern Vormittag war ich bei Jgfr. Mauchle, welche im Verlaufe der Woche auch 1mal hier war.

Nun Adieu mit vielen herzlichen Grüssen an Klein & Gross im Trüetterhof, besonders an Dich von Deiner dankbaren Marie Lutz. 

[1] Theresia Messmer-Lutz (1872-1942), Schwester von Marie Lutz.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 289/20-2 (Text) sowie W 289/23-03.06 und W 289/23-01.17 (Bilder)

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