Der Kutscher der Familie Wenner, Antonio Cosimato, in Fratte di Salerno, ca. 1916

Montag, 24. Januar 1916 – Fritz Wenner kehrt nach Italien zurück. Die Reise mit Handgepäck über den Simplon ist schneller als die Gotthard-Route.

Fritz Wenner, Textilindustrieller in Fratte di Salerno mit St.Galler Wurzeln, war auf der Rückreise von einer Geschäftsreise in die Schweiz. Er war seit 1913 mit Maria Wenner-Andreae verheiratet und Vater von zwei kleinen Knaben, Giovanni (genannt Gianni, 1914-2010) und Diethelm (genannt Dimi, 1915-1996).

Gina Andreae (1891-1977) war die jüngste Schwester von Maria Wenner. Sie verheiratete sich 1922 mit dem Juristen Fritz Bek und lebte in Bern.

Silvia Wenner (1886-1968) war die jüngste Schwester von Fritz Wenner. Sie war ab 1925 mit Hermann Ochsenbein (1888-1947?) verheiratet. Ochsenbein arbeitete ab 1916 Spinnereidirektor bei der Firma Roberto Wenner in Fratte.

Fritz Wenner schrieb aus Mailand.

Meine herzliebste Maria

Endlich kann ich Dir wieder einmal ohne Bedenken u. Furcht vor Censur etc. schreiben u. Dir vor allem meine glückliche Ankunft von gestern Abend hier melden. Eben erhielt Vater Deine Zeilen, aus denen wir mit grosser Freude u. Dankbarkeit entnehmen, dass es Dir u. den beiden Schatzelchens u. allen in Fratte gut geht. – Auch hier traf ich alle Lieben gesund u. wohl u. recht aufgeräumt an. – Gina sieht blass aus u. Mutter sagt mir aber, dass man uns Gina gerne so bald als möglich auf Besuch geben möchte; ich denke es passt Dir auch u. kannst Du darüber an Mutter schreiben. Weisst Du[,] es ist nicht ausgeschlossen, dass ich kaum nach meiner Heimkehr jetzt Ende dieser Woche gleich nach einigen Tagen wieder für eine Sitzung nach Mailand werde reisen müssen u. zwar wegen Onkel Robert; aber bestimmt weiss ich es nicht, wahrscheinlich finde ich hierüber etwas in Fratte vor. Wenn es so ist, so werde ich Gina mit nach Hause bringen können. Was sagst Du wohl zu alle dem?

Von meiner Schweizerreise werde ich dann mündlich ausführlicher erzählen können. Heute habe ich nun hier einige Besuche zu machen u. morgen nachmittag will ich nach Turin zu Onkel Emil reisen. Am Mittwoch abend gedenke ich die Reise nach Rom fortzusetzen, den Donnerstag dort zuzubringen u. am Abend spät abzureisen, um am Freitag vormittag um 9¼ Uhr in Salerno einzutreffen. Wenn das Auto frei ist, so könnte es mich an der Bahn abholen, sonst schickt mir Papa vielleicht den Wagen. Gepäck habe ich ja keines ausgenommen meinen Handkoffer. – Gestern ging an der Grenze alles sehr glatt vonstatten. Ich reiste also via Simplon u. konnte darum leider die Bekannten in Lugano u. Locarno nicht noch aufsuchen, aber es hätte mir eben einen grossen Zeitverlust gebracht, wenn ich wieder die Gotthard-Route genommen hätte. –

Nun freue ich mich schrecklich[,] wieder zu Euch Lieben zu kommen u. zu hören[,] wie es Euch in dieser Zeit ergangen ist, u. was für Fortschritte die Kleinen gemacht haben. Wenn Du wüsstest, mein liebes Frauchen, wie meine Gedanken so viel bei Dir sind u. wie oft ich Dich im Geiste fest umarme! Ich gehe jetzt in die Stadt u. will Dir einen telegraphischen Gruss senden. Übermittle ihn dann auch den l. Eltern u. Silvia. Empfange Du selbst mitsamt unsern Söhnchen einen, (nein tausend) herzinnige Küsse von Deinem treuen Maritino Fritz. Alle Deine Lieben hier senden ebenfalls innigste Grüsse.

Fritz Wenner hatte in der Schweiz Erbschaftsangelegenheiten der Familie Pfister zu regeln (vgl. Beitrag vom 12. Januar). Die Familie Pfister war Miteigentümerin von Wenners Schwesterfirma Aselmeyer & Pfister. Diese fusionierte 1916 mit der Firma Schlaepfer Wenner zur CORISAL (Cotonifici riuniti di Salerno). Ausgelöst worden war dieser Vorgang durch den Krieg. Man versuchte damit, den deutschen Einfluss in der auf italienischem Boden angesiedelten Firma zu verringern. Wenners Reise in die Schweiz sollte den Zusammenschluss der Firmen vorbereiten. (Mitteilung von Markus Kaiser)

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/69B.19.09 (Bild)

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