Samstag, 29. Januar 1916 – Der Frühling kommt, man prämiert Dienstboten und „Heidi“ wird Schullektüre für Teenager

Die Tagebucheinträge von Emma Graf, der im Jahr 1900 geborenen Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heute Sprachheilschule) enthalten oft auch Hinweise zur Witterung:

Am Sonntag Nachmittag spazierten die Mädchen über Dreilinden auf den Freudenberg. Dort hat es noch einwenig [sic] Schnee. Sie hatten eine schöne Aussicht. Die Berge u. der Bodensee waren klar. Sie fanden Schlüsselblumen. Herr Bühr erzählte, im Thurgau blühen einzelne Kirschbaumzweige. Wenn das Wetter so weiter mache, gebe es im Februar reife Kirschen, im April reifes Obst. Wir haben dann eine richtige verkehrte Welt. Das Unterste wird zu oberst gekehrt. Dann ist der Frühling zum Herbst geworden. Herr Bühr hat im Scherz stark übertrieben.

Am Samstag Nachmittag bekam ich Besuch von Fr. Dr. Landis. Sie hat mich eingeladen, mit ihr u. ihrer Magd Bertha Michel an die Dienstbotenprämierung [des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins] zu kommen. Am Sonntag Nachmittag gingen wir in den Schützengarten. Dort fand eine schöne Feier statt. Es wurden über 25 Dienstboten prämiert. Dienstboten, welche sich durch besondere Treue auszeichnen, erhalten eine Prämie. Nach 5 Jahren bekommen sie ein Diplom, nach 10 Jahren eine silberne Brosche, nach 15 Jahren eine silberne Uhr.

Emma Bischof u. ich gingen am Montag zu Ritter u. Co. Dort holten wir ein Heftlein Etiketten. Herr Bühr hat Frl. Groth u. Frl. Baur die Jugendbibliothek der Anstalt gegeben; sie möchten sie ordnen, etikettieren u. mit Nummern versehen. Wenn sie geordnet ist, wird sie in einen Kasten von Frl. Wachters Schulzimmer versorgt.

Am Montag war Herr Oberst Hungerbühler da. Er besuchte die erste u. die zweite Klasse. Nachher kam er zu Hrn. Bühr. Er fragte ihn auch, ob wir schon angefangen haben[,] im Heidi [Buch von Johanna Spyri] zu lesen. Aber Herr Bühr musste ihm antworten, leider sei es bisher noch nicht möglich gewesen. Wir werden so bald als möglich dahinter gehen.

Am Dienstag war Frl. Rothmund da. Herr Bühr diktierte ihr einige Briefe. Besuche kamen in das Bureau; Frau Oberst Steinlin u. Frau Ehrhard kamen. Da musste Frl. Rothmund sich aus dem Büreau zurückziehen. Sie hatte einen Arm voll Jahresberichte. Als sie in die Oberklasse kam, erschrak sie, weil wir Unterricht hatten. Sie wollte sich wieder zurückziehen. Da nötigte Frl. Wachter sie, herein zu kommen. Sie ordnete die Berichte. Es sind Berichte von schweizerischen Anstalten, welche Herr Bühr im Lauf der Jahre bekommen hat. Sie haben sich in einem Kasten angehäuft. Jetzt sollen sie einmal geordnet werden.

Am Dienstag kam Emma Strimm, eine frühere Magd der Anstalt auf Besuch. Sie hatte einen vierwöchigen Krankenpflegekurs in Sarnen gemacht. Sie befindet sich jetzt zu Hause. Im März kommt sie wieder nach St.Gallen. Sie fand eine Stelle bei Hrn. Dr. Galli. Sie ist dort als Zimmermädchen u. hilft auch dem Doktor.

Am Donnerstag Nachmittag kam ein Arzt zu Hrn. Bühr. Er ist ein Holländer. Vor Ausbruch des Krieges wohnte er in St. Petersburg. Durch den Krieg wurde er in die Schweiz getrieben. Er landete in Herisau. Der Holländer ist ein Ohrenarzt u. praktiziert dort. Er sagte zu Hrn. Bühr, er habe eine sehr feine Maschine; mit dieser könne er Schwerhörige u. Taubstumme hörend machen; die Maschine habe 5000 Fr. gekostet. Herr Bühr erwiderte aber, er glaube ihm nicht. Der Arzt sagte, Herr Bühr solle Schwerhörige u. taubstumme Schüler zu ihm bringen. Er lud ihn auch ein, einmal die Maschine anzuschauen u. zu prüfen. Herr Bühr sagte, er könne jetzt nicht reisen, weil er noch nicht ganz gesund sei; er wolle dann im nächsten Sommer kommen.

In der Stadt kann man gegenwärtig eine Riesin von Schweden sehen. Sie ist 2,30m hoch wie unser Schulzimmer. Die Fabrikarbeiter u. Fabrikarbeiterinnen sind am neugierigsten. Sie wollen alles sehen. Im Tagblatt hat sich jemand den Scherz erlaubt zu schreiben, der Riese, welcher vor einiger Zeit in St.Gallen war, u. die Riesin wollen sich verloben u. verheiraten; sie wollen in Amerika ein Häuschen bauen.

 Hinweis: Inserat und Artikel zur „Riesin von Schweden“ finden sich im Beitrag zum 27. Januar 1916.

Am gleichen Tag traf sich auch die Regierung zu einer ausserordentlichen Sitzung mit einem einzigen Traktandum:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und A 451/7.4.03 (Bild) sowie ARR B 2-1916

2 Kommentare zu “Samstag, 29. Januar 1916 – Der Frühling kommt, man prämiert Dienstboten und „Heidi“ wird Schullektüre für Teenager

  1. Ich finde diese Idee mit den Einträgen von jedem Tag sehr spannend.
    Sie gibt einen Einblick in das Leben von damals, aber auch eine Möglichkeit zu einem
    Vergleich mit heute. Besonders spannend am 29.1.1916 mit
    dem Wetter und den Schlüsselblumen auf dem Freudenberg, gerade heute
    am 30. Januar 2016 also gut 100 Jahre später. Die Geschichte mit der Maschine des holländischen
    Arztes zum „hören“ ist ein Hinweis, wie schwer es auch schon damals Erfinder und ihre
    Erfindungen hatten, um sich „durchzusetzen“.
    Was mich besonders berührt ist: wie die Aufzeichnungen dieses Mädchens einen sehr
    guten Einblick über Vorgänge und Situationen von damals ermöglichen und damit für die
    Einordnung auch dessen, was heute geschieht. Ein richtiger „Lehrblätz“ fürs Zeitgeschehen.

  2. Ich arbeite an der Sprachheilschule St. Gallen und ich finde es sehr interessant diese Einträge lesen zu können von einer ehemaligen Schülerin.

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