Samstag, 5. Februar 1916 – Eine gehörlose Schülerin blickt auf die vergangene Woche zurück

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Am Sonntag bekam Herr Bühr ein Trauerzirkular. Alfred Knaus, unser früherer Mitschüler, ist gestorben. Herr Bühr weiss nicht, woran. Er vermutete, dass Alfred an Lungenentzündung erkrankt u. rasch gestorben sei. Herr Bühr hat den Vater angefragt, woran er gestorben sei. Er hat auch einen Kranz auf sein Grab geschickt. Als Alfred in der Anstalt war, hatte er auch einmal eine schwere Lungenentzündung durchgemacht. Man befürchtete schon damals, er müsse sterben. Vor 2 Jahren starb seine Mutter. Sie hatte ihn sehr lieb. Bei dem Vater hätte er es wahrscheinlich nicht so schön gehabt. Jetzt sind seine Mutter u. er wieder beieinander. Wir mögen es ihm wohl gönnen.

Am Montag hatten wir Frost. In der Nacht vom Montag auf Dienstag hat es einwenig geschneit. Eine ganz dünne Schicht Schnee bedeckte den Boden. In einem Konfektionsgeschäft an der Neugasse ist ein Skifahrer ausgestellt. Der Boden des Schaufensters ist mit einer dicken Lage Salz bedeckt. Es sieht dem Schnee täuschend ähnlich. Einmal lebte ein König im Königreich Bayern [gemeint ist Ludwig II. von Bayern]. Dieser war geistesgestört. Er lebte sehr verschwenderisch. Einmal sagte er mitten im Sommer, er wolle schlittenfahren. Die Diener u. Beamten sagten zu ihm, sie können nichts machen, es habe keinen Schnee. Da liess der König die Strassen mit Salz bestreuen. Es wurden viele tausend Säcke voll Salz verbraucht. Der König konnte schlittenfahren. Aber es war eine teure Schlittenfahrt. Später wurde er sehr geisteskrank. Er stürzte sich in einen See u. ertrank.

Am Montag trat Lydia Henseler aus. Sie wurde vom Vater in der Anstalt abgeholt. Lydia war nur 3 Wochen bei uns. Sie hat in der ersten Klasse ziemlich gute Fortschritte gemacht. Herr Bühr zeigte dem Vater, was sie in der Schule gelernt hat. Der Vater bedauerte, dass er das Kind heimnehmen musste. Die Mutter ist schuld daran. Es hat ihr in der Anstalt nicht gut gefallen. Sie hat behauptet, Lydia habe im Sprechen viel verlernt. Herr Bühr schreibt dann an den Schulrat u. der Jugendkommission von Rorschach. Man darf Lidya [sic] nicht ohne Unterricht aufwachsen lassen. Wir hoffen, sie komme bald wieder oder werde in eine Schwachsinnigenanstalt versorgt.

Letzte Woche war ein Herr bei Hrn. Bühr. Er sagte zu ihm, er habe zu Hause einen Luftballon, ob wir ihn wollen. Frieda u. ich holten ihn. Es ist ein ziemlich grosser, runder Ballon. Er ist ziemlich schwer u. ist aus Blech. Wir können mit ihm nicht viel anfangen. Man kann ihn nicht steigen lassen, nur anschauen. Herr Bühr glaubt, er hing einmal in irgend einem Schaufenster. Herr Bühr schenkt ihn den Knaben. Sie sollen ihn irgendwo an der Decke aufhängen oder kaput[t] machen. Am Tage vorher war auch ein Herr da. Er brachte etwas Besseres, nämlich eine Gabe von 1000 Franken von der schweizerischen Mobiliarversicherung. Da hat Herr Bühr geschmunzelt. Am Dienstag überbrachte er die Summe unserem Kassier, Hrn. Diethelm. Auch über sein Gesicht lief ein Schmunzeln. Herr Bühr ist in vielen Versicherungen.

Am Mittwoch war Hr. Dr. Wenner im Hause u. besuchte Hans. Hans hat ausser der vierten Krankheit [Scharlach- oder Röteln-Infektion] auch einen leichten Brustkatarrh. Der Arzt verschrieb ihm Wybert-Tabletten [ein Hustenmittel]. Ein Apotheker, namens Wybert, hat sie gemacht. Er verdient viel Geld. Er hat eine Fabrik errichtet. Dort macht man nur Wybert-Tabletten. Manche Leute glauben, die Wybert-Tabletten seien nur für W[e]iber, weil sie gerne schlecken. Herr Bühr gab uns ein Täfelchen. Sie schmeckten uns gut; Hans schmecken sie nicht. Er sagte, sie beissen auf der Zunge. Jedesmal, wenn er eine Tablette nehmen muss, gibt es Tränen.

Am Abend des gleichen Tages bekam Herr Bühr einen Brief von Josef Bigger. Er ist ein kleines schwarzes Kerlchen mit zugekniffenen Äuglein. Familie Bigger hat bei Lugano ein Heimetli gepachtet. Der Brief ist miserabel geschrieben. Einen so miserabeln Brief hat Herr Bühr in seinem Leben noch nie gesehen. Die Mutter hat ihn aufgesetzt u. Josef hat ihn einfach abgeschrieben.

Herr Bühr bekam am Donnerstag Bericht von Alfred Knaus Vater. Er schreibt, Alfred sei Ski gefahren, er habe in der Nacht darauf über Leibschmerzen geklagt. Der Vater hat geglaubt, es sei eine einfache Erkältung. Die Schmerzen seien immer heftig[er] geworden. Alfred bekam Blinddarmentzündung u. nachher noch Bauchfellentzündung. Man konnte ihn nicht mehr reparieren, weil der nächste Spital zu weit weg ist.

Am Abend gingen einige Lehrerinnen u. Frau Bühr in das Konzert der Mädchen-Realschule. Trudi Bühr durfte auch zuhören. Rösli Bühr u. Anna Thurnheer sangen mit. Um halb 7 Uhr assen sie u. kamen erst um halb 11 Uhr zu [sic] Hause.

Was das gestern ein Sturm! War das ungemütlich! Er schüttelte die Bäume u. warf die Häuser fast um. Man konnte fast die Türen nicht mehr aufmachen, so drückte der Föhn. Der Beobachter auf dem Säntis hat es gut vorher gesagt; er meldete Föhn. Nachher gebe es Westwind mit Niederschlägen.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Tagebuch) und W 291/09-1.10 (Werbekarte)

 

Kommentare zu “Samstag, 5. Februar 1916 – Eine gehörlose Schülerin blickt auf die vergangene Woche zurück

  1. Lese die aufschlussreichen Beträge im Zeitfenster2016 jeweils mit grossem Interesse. Mittlerweile hat sogar der Sarganserländer das Thema aufgegriffen (heutige Ausgabe).

    In diesem Sinn freue ich mich auf weitere spannende Beträge, vor allem natürlich auch auf jene zum Sarganserland. Herzliche Grüsse aus dem Süden des Kantons (wo die Sonne auch im Winter scheint).

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