Montag, 7. Februar 1916 – Ein Gymnasiast blickt auf den Kriegsbeginn zurück

Tagebucheintrag von Ernst Kind (1897-1983), Gymnasiast und späterer Rektor der Kantonsschule St.Gallen:

Schon ist, seit ich das letzte Mal schrieb […] ein Jahr vorbei. Für mich hat dieses Jahr viel enthalten; Krieg ist immer noch, sogar noch mehr, seit sie im Süden auch angefangen haben, die kindischen Hitzköpfe. Den Krieg hätten sie sich ersparen können; ich glaube, sie fühlen das jetzt schon. – Was ich das letztemal schrieb, ist religiösen Inhaltes und hat mich heute eigentlich recht gefreut. Jetzt will ich etwas ganz weltliches behandeln, nämlich […] die Zustände in unserer Schweiz. Fast fühle ich das als Ironie, dieses „unsere Schweiz“. Wie lang heisst das schöne Land, das gewiss nicht schuld ist an den so unschönen Verhältnissen, noch „unsere Schweiz“? Es hat seinen Grund, warum ich so bitter frage. – Ich habe da einen Brief an Willi Köhl, den ich im August 1914 schrieb und nicht abschickte, gefunden und darin einige Sätze gefunden, die ich zwar immer noch für richtig halte, […] deren Inhalt aber, wie ich fürchte, nie zur Ausführung kommt.

Es heisst da z.B.: „Ich halte diesen Krieg beinahe für notwendig und gut. Gewiss nicht, weil ein Krieg immer wieder kommen müsste, was ich nämlich nicht glaube, sondern aus andern Gründen, die ich nicht ausdrücken kann. Ich habe bis jetzt nur unbestimmte Hoffnungen und Ahnungen, dass nach diesem Krieg alles anders werden muss, mit der Zeit gewiss besser.“

Dazu sage ich jetzt, dass ich immer noch hoffe, der Krieg […] werde auf die Menschen einen guten Einfluss haben und sie abschrecken vor neuen Kriegen. Aber wenn auch unsere Generation einen spätern Krieg verdammen wird, so wird es später wieder sein wie vor dem jetzigen Krieg. Der Krieg richtet tausendmal mehr Schaden an durch seine Saat von Hass und Wut, als er Gutes ausrichtet, indem er den Menschen eine bessere Erkenntnis des Friedens gibt.

Dieses hat noch nicht[s] zu tun mit unsern Zuständen in der Schweiz. Es heisst aber an einer andern Stelle dieses Briefes: „Unserm Land ist aber seine Aufgabe vorgezeichnet und wir müssen für die grosse Bestimmung, die ihm in diesem Krieg gegeben worden ist, dankbar sein. Es ist schön, Schweizer zu sein, aber hoffen wir, dass unsere Nation der grossen Friedensaufgabe als ruhige Kulturzufluchtsstätte gewachsen und würdig ist.“

O Jammer, welcher Hohn! Unsere Nation soll der Aufgabe gewachsen sein, Frieden zu vermitteln, und zer[r]issene Bande wieder zu knüpfen. Das ist solange unmöglich, als wir eben keine Nation sind, wir Schweizer. Ich sage nicht mehr in optimistischem Patriotismus, die Schweizer bilden eine einzige Nation, jetzt sage ich vielmehr mit dem grössten Schmerz; Die Schweiz ist ein Land mit einem Bevölkerungsgemisch, mit Angehörigen des deutschen[,] französischen und italienischen Volkes, und sage weiter: und diese Bevölkerung der Schweiz versteht sich gar nicht untereinander, sodass man den Gedanken nicht abschütteln kann, bei Gelegenheit geht die Schweiz eben auseinander, fällt auseinander, wie im Jahre 1798. Wir haben eben, wie ich letzten Herbst in einem Aufsatz schrieb, in der Schweiz einen ungeheuern Nationalstolz, aber absolut kein Nationalbewusstsein.

Dass ich aber den Glauben an die Einigkeit aller Schweizer auch zu Anfang des Krieges nicht so ganz fest besass, beweisen andere Sätze desselben Briefes:

„Die Deutschen sind wirklich ein einzig Volk von Brüdern; sie fühlen es jetzt. Wirklich, wenn ich nicht Schweizer wäre, wollte ich Deutscher sein. Übrigens ist es bei uns so eine Sache mit dem einzigen Volk von Brüdern, welches Wort ja auf uns geprägt ist. Wir wollen Gott danken, wenn er uns vor der grossen, dem Schweizervolk drohenden Gefahr bewahrt, dass infolge der verschiedenen Sympathien in den verschiedensprachigen Gebieten ein innerer Streit im Land entsteht, das […] nach aussen friedlich ist. Ich muss mir wirklich viel Mühe geben, meine durchaus auf eine Seite gehenden Sympathien für mich zu behalten. Unsere Aufgabe ist, uns zu beherrschen, unsere Zunge und unser […] Handeln zu mässigen.“

Wie ein Faustschlag sind dazu die Vorgänge in Lausanne, wo der Pöbel am 27. Januar die Fahne des deutschen Konsulats herunterriss, die zur Geburtstagsfeier des Kaisers ausgehängt war. Man darf ruhig sagen, dass solches bei uns in der deutschen Schweiz nicht möglich wäre, z.B. gegen […] ein französisches Konsulat. Und dennoch halten uns die Welschschweizer für ganz mindere Schweizer, sich aber für die echten. Wenn wir uns aber dagegen fest wehren wollen, geht der Krach los. – Es gibt noch anderes, das bei uns ganz bedenklich ist: Die ungeheure Hetze einer schlechten Anarchistenpresse – als solche zeigen sich jetzt die Sozialdemokraten – gegen die Armee, den General und den Bundesrat. Sie wollen eben durchaus keine gute Armee. Natürlich sagen sie das Gegenteil. Sie wollen eine gute, aber ganz „demokratische Armee“. Das ist der Blödsinn. Gibt es denn eine demokratische Armee? Das gibt es allerdings schon; das sind nämlich die Bande der Franctiseurs; dort geht’s demokratisch genug zu. Aber ein echtes Heer gibts so nie. Wer sich nicht unterordnen will und kann, kann sicher auch nie führen und nie selbständig etwas erreichen. Lieber wollen wir keine Armee als eine demokratische, denn mit einer solchen würden wir im Krieg nur Schande ernten. – dass man aber gegen die Regierung hetzt, ist ein Zeichen von grossem Patriotismus!

Wenn der Krieg noch lang genug geht, kommen wir auch noch hinein, vielleicht nicht, weil man uns vom Ausland dazu zwingt, sondern weil wir uns im eigenen Land so aufführen, dass es nicht mehr anders geht.

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 073/2.1

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