Montag, 14. Februar 1916 – Der Grossratspräsident erörtert die aktuelle Lage

Ausserordentliche Frühlingssession des Grossen Rates, Eröffnungsansprache von Grossratspräsident Dr. med. Karl Reichenbach (1854-1940), von 1882 bis 1925 Arzt in St.Gallen:

Meine verehrten Herren Kantonsräte!

Ich begrüsse Sie herzlich zur ausserordentlichen Tagung des Grossen Rates. Seit unserer letzten Versammlung im November ist die Lage des Landes keine günstigere geworden. Wohl sind wir bis heute vor der Kriegsgefahr verschont geblieben, aber die indirekten Folgen der furchtbaren Zeit machen sich je länger, je intensiver fühlbar. Eine schwere wirtschaftliche Krise droht speziell der Ostschweiz und ihrem Stickereigebiete, und wir sehen von Tag zu Tag mit grösserem Bangen den kommenden Zeiten entgegen. Wenn es nicht gelingt, unserer Industrie in Bälde die dringend notwendigen Rohstoffe zuzuführen, werden Sorge, Not und Hunger in manches Haus einziehen. Beinahe machtlos stehen wir dieser drohenden Gefahr gegenüber; sollte sie wirklich eintreten, dann mögen sich st.gallischer Opfersinn und st.gallische Nächstenliebe in nie gesehener Weise zeigen und das Wort „Einer für alle und alle für einen“ zur Tat und Wahrheit werden.

Neben dieser bedenklichen wirtschaftlichen Misslage lastet das drückende Gefühl innerer Zwistigkeiten und Missverständnisse lähmend auf uns allen. Beunruhigung und Beklemmung bedrücken unser Volk, und mit Bangen frägt man sich, wohin soll das führen?

Wohl läge es nahe, den Ursachen dieser unheilvollen Lage nachzugehen und zu fragen, wer trägt die Schuld daran? Wir wollen uns davor hüten; allzuviel ist schon geschrieben und gesprochen worden, das hat die Sache nur schlimmer, nicht besser gemacht. Da helfen nur Ruhe und gegenseitiges Vertrauen und die Überzeugung, dass wir alle ohne Ausnahme das Wohl unseres geliebten Vaterlandes im Auge haben. In diesem Sinne richten wir von der Ostmark des Landes unsern Blick nach der Westschweiz, deren Vaterlandsliebe nicht weniger heiss ist als die unsere, und bitten sie, mit uns zusammen auf den innern Frieden im Schweizerlande unser ganzes Wollen und Können zu richten und mit all unserer Kraft dafür zu wirken. Vor allem aus wollen wir unsere welschen Miteidgenossen bitten, unserer obersten Landesbehörde dasselbe unbegrenzte und unerschütterliche Vertrauen entgegenzubringen, das wir zu ihr haben. Möge unser Bundesrat mit der gleichen Kraft und Würde und mit der gleichen Unparteilichkeit das Steuer weiterführen wie bisanhin [sic], und wenn er es nicht allen recht machen kann, so möge er sich des alten Sprüchwortes erinnern: „Allen Leuten wohlgetan, soll sich niemand unterstahn“.

Wenn wir von dieser Stelle aus in Erinnerung an seine Wirksamkeit in Stadt und Kanton St.Gallen demjenigen Mitgliede des Bundesrates, das wir mit Stolz „das unserige“ nennen, einen speziellen Gruss und Dank senden, so tun wir es in dem Bewusstsein, dass seine staatsmännische Klugheit, seine unbeugsame Rechtlichkeit, sein glühender Patriotismus viel dazu beitragen werden, das gefährdete Staatsschiff in ruhige See zu leiten.

Mit diesen wenigen Worten erkläre ich die Sitzung für eröffnet!

Bei dem im Text erwähnten St.Galler Bundesrat handelt es sich um Arthur Hoffmann (1857-1927). Der Jurist war von 1911 bis 1917 Mitglied der Landesregierung. Er stand zunächst dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement vor. Von 1912 bis 1913 leitete er das Militärdepartement. Nach seinem Jahr als Bundespräsident (1914) übernahm er das Politische Departement.

GefängniszellentürGefängniszellentür, im frühen 19. Jahrhundert im Runden Turm beim Regierungsgebäude eingebaut. Die ehemaligen Zellen dienen heute der kantonalen Verwaltung als Materiallager bzw. als Toilette.

Gleichentags traf sich auch die Regierung zu einer ausserordentlichen Sitzung. Sie beschloss unter anderem, wie Gefängnissträflinge während ihrer Haft zu beschäftigen seien (Entscheid Nr. 423):

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZA 005, ARR B2-1916 (Texte), Q 1/27 (Zellentür), AGR B 1 (Titel Grossratsprotokoll)

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