Dienstag, 7. März 1916 – Auch mit Süssmost kann man lustig sein

Eines der wichtigsten Anliegen der Abstinenzverbände war die alkoholfreie Obstverwertung. Mittels Aktionen produzierten viele Ortsvereine jeweils im Herbst für Privathaushalte Süssmost. Dazu gab es mehrere Verfahren, die sich aber nicht alle gleich gut eigneten. Vielfach verdarb der Most, weil bei der Herstellung oder beim Abfüllen der Hygiene nicht genügend Beachtung geschenkt worden war.

 4. Bericht über die Tätigkeit des Kantonalkomitees [des Blauen Kreuzes].

Referent ist Herr Pfr. Pestalozzi. Derselbe hebt hervor:

a) Die Erstellung der Statistik, wobei sich erstmals ein kleiner Rückschlag von 9 Mitgliedern erzeigte. (Total 1791 gegenüber 1800 im Vorjahr).

b) Die Abordnung des Herrn Schläpfer in Sargans an eine in Zürich stattgefundene Konferenz behufs Beratung über die Neugestaltung unserer Vereinigung.

c) Die Wahl der Abgeordneten an die schweiz. Delegierten-Versammlung in Neuchâtel.

d) Die Bemühungen der Herrn Schläpfer, Hörler & Ammann für die Errichtung von Soldatenstuben in Sargans, Teufen, Gossau, Flawil;

e) Die Wahl des Herrn Beusch an Stelle des wegen Zeitmangel zurückgetretenen Herrn Neuenschwander als Mitglied der Hoffnungsbundkommission [Jugendorganisation des Blauen Kreuzes].

f) Die Mitwirkung beim Versuch bezl. [bezüglich] der Herstellung von alkoholfreiem Most.

g) Die Vorbereitungen für die kant. Delegierten-Versammlung. Als versuchsweise Neuerung ist hiebei eingeführt worden die Verlesung des Kantonalberichtes an das Zentralkomitee, sowie die Diskussion über die obligatorischen Vereinsberichte vom 1. September, wogegen dann aber die Separatberichte von einzelnen, speziell hiefür bezeichneten Vereinen fallen gelassen wurden;

h) Verschiedene Vereinsbesuche durch den Kantonal-Präsidenten & andere Kommissions-Mitglieder;

i) Wahl eines kantonalen Berichterstatters für das Vereinsorgan, gemäss spezieller Anordnung des Zentralkomitees. Als solcher ist bestimmt worden Herr J. Bolt, Privatier, Rosenheimstrasse 7 Langgasse St.Gallen.

Sodann wurde noch anerkennend erwähnt die Hebung der Schwierigkeiten in Rorschach und Heiden, sowie insbesondere auch die interimistische Uebernahme der Vereinsleitung in Gossau durch Herrn Eggenberger in Herisau & derjenigen in Walzenhausen durch Herrn Feurer in St.Gallen. Herr Eggenberger soll zudem den im deutschen Kriegsdienst befindlichen Vereins-Präsidenten von Gossau, Herrn Maurer, sogar einmal persönlich besucht haben, was diesen begreiflicherweise ganz ausserordentlich gefreut habe.

[….]

10. Allgemeine Mitteilungen & Diskussion über die Jahresberichte.

Nach Verlesung des Kantonalberichtes wird speziell auf die beiden Jahresberichte von Straubenzell & Buchs vom 1./9.14 aufmerksam gemacht, in welchen sehr wertvolle Anregungen enthalten sind. – So sollen in Straubenzell besondere Plakate für die beiden Bahnhöfe angeschafft & spezielle Werbekarten beschlossen worden sein, sowie den Herren Aerzten in der Gemeinde verschiedene Blaukreuzschriften für die Wartezimmer zur Verfügung gestellt werden. – In Buchs soll eine eigene 10gliederige Werbekommission ernannt worden sein, an welche zu je 2 Mitgliedern ein bestimmtes Qua[r]tier der Gemeinde zugeteilt worden sei, & welche allmonatlich über ihre Tätigkeit an den Vereinsvorstand zu rapportieren habe. Diese Neuerung soll sich sehr gut bewährt haben. In der hierauf eröffneten Diskussion hierüber gibt zunächst Herr Beusch die wichtigsten Gründe bekannt, welche zu diesem Vorgehen veranlasst haben. Vor allem sei man zu der Erkenntnis gekommen, dass die bisherige, gewöhnliche Arbeit nicht mehr genüge & ein Mehreres getan werden müsse. Dann sei vielen ihre freie Arbeit zur Last geworden & hätten sie alles dem Vorstand bezw. Präsidenten überlassen. Die Mitglieder dieser Werbekommission seien nun viel arbeitsfreudiger geworden & sollen durch ihre Arbeit am meisten für sich selber gewonnen haben. Wenn auch nicht jeder, welcher besucht werde, zum Eintritt in den Verein bewogen werden könne, so habe man doch immer Fühlung mit den Betreffenden & kommen dieselben auch hie & da etwa an einen Vortrag. Herr Feurer findet, der Antrieb zu solcher Arbeit sollte freiwillig & von innen heraus kommen. Ein jeder eigne sich auch nicht dazu. – Herr Pfr. Pestalozzi gibt hierauf nähere Auskunft über das im St.Galler-Verein praktizierte Verfahren. Die Herren Vetsch & Büchi in Bruggen machen auf die daselbst eingeführten sogenannten Männerabende aufmerksam. – Herr Hörler hat bez[g]l. den Werbekommissionen die gleichen Befürchtungen wie Herr Feurer. Er findet, wer sich innerlich zu solcher Arbeit berufen fühle, tue dies von selbst & ein anderer könne der Sache erst mehr schaden als nützen. Herr Michel macht noch speziell auf die Macht der Fürbitte aufmerksam, & Herr Ammann fügt noch bei, wie schwierig es oft sei, bei solchen Besuchen die richtigen Anknüpfungspunkte zu finden. Da es inzwischen bereits halb 12 Uhr geworden, erklärte der Vorsitzende, dass die Diskussion nun abgebrochen werden müsse. Das sei aber keine verlorene Zeit gewesen. Jeder könne nun aus diesen sehr lehrreichen Ausführungen seine Schlüsse selber ziehen & das für seine Verhältnisse Passende herausnehmen.

Hieraus wurde die Vormittag[s]sitzung mit dem Gesang des Liedes Nr. 15 & mit Gebet von Herrn Pfr. Buxtorf geschlossen.

Während des gewohnten St.Galler Bratwurstessens, welches auch diesmal wieder im eigenen Heim eingenommen wurde, berichtete noch Herr Pfarrer Lüscher in ausführlicher Weise über seine gemachten Erfahrungen bez[g]l. der Herstellung & Aufbewahrung von alkoholfreiem Most. Die weitaus meisten Versuche seien geraten; wo dies nicht der Fall gewesen sei, habe es an den verwendeten Fässern gefehlt. Von den angeschlossenen 50 Stk. Patenthahnen sollen circa 38 verkauft worden sein, sowie in Grabs & im Custerhof [landwirtschaftliche Schule in Rheineck] sogar spezielle Kasse stattgefunden haben. Die Weiterverfolgung dieser Angelegenheit sei nun Sache des kantonalen Abstinenten-Verbands, welcher bekanntlich das Patent für diese Erfindung erworben habe. Der Vorsitzende verdankte Herrn Pfr. Lüscher seine Ausführungen & gehabten Bemühungen bestens & fügte bei, dass es natürlich für die ganze Abstinenzbewegung ein grosser Gewinn wäre, wenn bez[g]l. der Obstverwertung eine richtige Lösung gefunden werden könnte.

Hierauf gab Herr Pfr. Högger in Heiden noch einige Aufschlüsse über die stattgefundene Vereinigung der dortigen beiden Abstinenzvereine. Es sei eigentlich keine Vereinigung gewesen, sondern ein direkter Anschluss vom Abstinenten-Verein an das Blaue Kreuz. Als der Referent seinerzeit nach Heiden gekommen sei, habe er sich verpflichtet, die Leitung des Abstinenten-Vereins zu übernehmen, aber schon damals sei eine Vereinigung mit dem Blauen Kreuz in Aussicht genommen gewesen. Letzten Herbst nun, bei Anlass des Wegzuges von Herr[n] Pfr. Keller, sei diese Idee verwirklicht & er als neuer Präsident gewählt worden. Die grösste Freude darüber habe der Sprechende selber empfunden, weil er auch schon früher im Blauen Kreuze war; es soll ihm gewesen sein wie eine Heimkehr. Bei der ersten Versammlung habe er über das Bibelwort gesprochen, „Herr ich bin zu gering aller Barmherzigkeit & Treue, die Du an mir getan hast.“ Er habe dadurch den Leuten schon am Anfang zeigen wollen, auf was für einem Boden er stehe, damit sie wussten, woran sie waren. Das sei halt doch der beste Zusammenhalt der Blaukreuzler, & in diesem Sinne werde nun auch in Heiden weiter gewirkt werden.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Zeit während des Mittagessens auch noch verschönert wurde durch einige gesangliche & musikalische Darbietungen von einer Anzahl Mitgliedern unserer beiden Gesang[s]vereine, was den Betreffenden allen auch von dieser Stelle bestens verdankt sei.

[…]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 091 (Auszug aus dem Protokoll der Delegiertenkonferenz des Kantonalvereins des Blauen Kreuzes) und ZMH 89/002 (Briefkopf von 1909)

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