Sonntag, 19. März 1916 – Scharlachfieber im Schülerhaus: Der gegenwärtige Stand

Nachdem Dr. med. Theodor Wartmann (1861-1939) die Kantonsregierung bereits am 28. Februar über die Bekämpfung einer Scharlach-Epidemie im kantonalen Schülerhaus informiert hat, legt er hier einen aktualisierten Bericht vor:

Herr Landammann H. Scherrer, Vorstand des Erziehungs-Departementes des Kantons St.Gallen.

Hochgeehrter Herr Landammann!

Ihrem Auftrag vom 13. ds. gemäss erstatte ich Ihnen kurzen Bericht über Entstehung u. Verlauf der Scharlach-Erkrankungen im Schülerhause sowie über die getroffenen Massnahmen.

Nachdem das Schülerhaus seit seiner Gründung von gehäuftem Auftreten ansteckender Krankheiten glücklich verschont geblieben, sind in letzter Zeit 10 Fälle von Scharlachfieber vorgekommen, welche ernste Störungen des Betriebes herbeiführten u. welche umfassende Maassnahmen [sic] zur Verhütung künftigen Wiederauftretens verlangen.

Statistisches. Am 21. Febr. 1916 erkrankte Roduner Hans, am 22. Febr. Eugen Brassel, am 25. Febr. Franz Hobi und Hermann Kreis [Sohn der Vorsteherin des Schülerhauses], am 26. Febr. Gottlieb Roggwiler, am 27. Febr. Johann Anderegg, am 2. März Walter Amstad, am 6. März Walter Matzinger, am 12. März August Messmer u. am 16. März Rudolf Kreis [Sohn der Vorsteherin]. Im Ganzen ergeben sich 10 Fälle, 2 Knaben von Frau Vorsteher Kreis, 8 Zöglinge des Schülerhauses u. zwar verteilen sich diese gleichmässig auf Kantons- u. Verkehrsschule (je 4).

Entstehung der Epidemie. Da die Erfahrung im Allgemeinen lehrt, dass Scharlach-Patienten in den ersten Tagen ihrer Erkrankung viel weniger ansteckend sind, als während des Schuppungs-Stadiums, da wir ferner schon anfangs innerhalb weniger Tage mehrere Fälle unter unsern Zöglingen auftreten sahen, war der Gedanke naheliegend, dass – wie öfters beobachtet wird – im Hause eine Person vorhanden sei, welche nach unbemerktem Beginn einer ganz leichten Scharlach-Erkrankung sich selbst wohl fühle, aber durch die sich bildende Schuppen einen Ansteckungsherd bilde. Deshalb untersuchte ich Sonntag[,] den 27. Febr.[,] sämtliche Insassen des ganzen Hauses in dieser Richtung u. es wurde ein Zögling (Boner Christian) gefunden, der an einzelnen Körperstellen leicht schuppte; die weitere Beobachtung im Kantonsspitale ergab jedoch, dass es sich nicht um Scharlach handelte, Boner kehrte nach c[a]. 8 Tagen wieder gesund zurück. Ein bestimmter Weg der Einschleppung des ersten Falles sowie der Weiterverbreitung war also trotz aller Bemühungen nicht zu finden, umsoweniger [sic] als auch keineswegs ein engerer Kontakt zwischen den Erkrankten, sei es in der Schule, sei es im Hause bestand. In keinem Zimmer erlebten wir 2 Erkrankungen; auch die beiden Knaben von Frau Kreis können unmöglich einer von dem anderen infiziert worden sein, da der Anfang ihrer Erkrankung 20 Tage auseinander liegt u. als Incubationszeit 4 bis 7, im Maximum 11 Tage allgemein angenommen wird. Wir stehen also vor einem noch ungelösten Rätsel u. müssen uns in dieser Richtung mit manchen analogen Institutionen trösten. Es giebt [sic] fast kein grösseres Pensionat, das nicht einmal ganz gleiche schwere Zeiten erlebt hätte, ohne dass es gelungen wäre, den Weg der Einschleppung der Infektion zu eruieren.

Wichtig ist für uns die Constatierung der Tatsache, dass im Laufe der letzten Wochen in St.Gallen u. Umgebung (Herisau etc.) Scharlachfieber-Fälle gehäuft auftraten; im Januar 1916 sind dem Physikate von St.Gallen [Bezirksphysikat, Bezirksarztamt] 7, vom 1. Februar bis heute 52 Scharlach-Erkrankungen angezeigt worden – eine ausserordentlich hohe Zahl.

Getroffene Massnahmen. Jeder Krankheitsfall wurde sofort in’s Spital evakuiert u. umgehend das entspr. Zimmer durch die städtische Desinfektions-Anstalt desinfiziert. Der Zufall wollte es, dass gleichzeitig mit den Scharlach-Fällen ausserordentlich viele Erkrankungen an einfacher, fieberhafter Angina, 3 ernste Mittelohr-Entzündungen & Gelenkrheumatismen auftraten, Krankheiten, welche sehr oft als Complikation Scharlach begleiten. Es war deshalb nicht leicht, den häufig nur stundenlang dauernden Scharlach-Ausschlag sicher zu controllieren u. anderseits die Gefahr zu vermeiden, einen Schüler unter Scharlachkranke zu versetzen, ohne dass er selbst schon sicher an dieser Krankheit litt. Deshalb ordnete ich frühzeitig die Errichtung einer Quarantäne-Station an, indem wir eine halbe Etage so gut als möglich absperrten u. unter der Pflege eines zuverlässigen Krankenwärters alle genannten Patienten vereinigten. Ausserdem kam uns die Tit. Spitaldirektion in freundlicher Weise dahin entgegen[,] dass ein Zimmer im IV. Hause für die verdächtige[n] Fälle reserviert wurde; wir haben 2 oder 3 Schüler so frühzeitig evakuiert, dass noch kaum ein Ausschlag zu erkennen war, andern Tages zeigten sich sichere Erscheinungen der Erkrankung. Da die sofortige Evakuierung der Ersterkrankten hoffen liess, dass eine Beschränkung möglich sei, ordnete ich im Einverständnis mit den Direktionen der beiden Schulen zunächst eine Consignierung unserer Zöglinge an u. als mehrere Tage ohne neue Fälle verstrichen, wurde sie wieder aufgehoben. Leider wurde unsere Erwartung des Aufhörens der Epidemie nicht erfüllt u. nachdem die eidgen. Postprüfungen [für Schüler der Verkehrschule] zu Ende waren, beantragte u. veranlasste ich die Schliessung des Schülerhauses. Dabei verfolgte ich einmal den Zweck, die Schüler tunlichst weit voneinander zu entfernen u. vor Allem eine gründliche Reparatur sowie Reinigung des Hauses zu ermöglichen. Ich verdanke den beiden Schulen das verständnissvolle [sic] Entgegenkommen bei den zu eingreifenden Massnahmen. Die Räumung des Hauses geschah im Verlaufe von 2 Tagen; sämtliche Schüler wurden vor der Abreise gebadet, ihre während der Ferien nicht notwendig gebrauchten Effekten (Bücher etc.) wurden zurück behalten u. sollen insgesamt in einem Zimmer durch Formalin so gut als möglich desinfiziert werden.

Die Erkrankungsfälle u. die dadurch notwendigen Maassnahmen [sic] haben für die Verwaltung des Hauses schwere, oft kaum zu bewältigende Arbeit gebracht. Ich erachte als angenehme Pflicht zu betonen, dass Frau Vorsteher Kreis mit vorbildlicher Aufopferung u. klarem Verständniss [sic] die Durchführung der Anordnungen trefflich besorgt hat.

Befinden der Kranken. Unsere Zöglinge machten teilweise schwere Zeiten durch u. wiesen auch verschiedene Complikationen auf; heute ist lt. Bericht der Tit. Spitaldirektion glücklicherweise als sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass alle wieder ihre volle Gesundheit erlangen werden.

Weitere notwendige Massnahmen. Bei meiner Inspektion sämtlicher Räume des Schülerhauses hat sich gezeigt, dass an verschiedenen Orten Verhältnisse bestehen, welche auch mässigen Anforderungen der Hygiene nicht genügen. Nach anderweitigen Erfahrungen bei Haus-Epidemien von Scharlach kann nur die gründlichste Renovation u. Reinigung zur Bekämpfung des unheimlichen Feindes führen u. es scheint mir deshalb dringende Pflicht sowie wohlverstandenes Interesse der leitenden Kreise unseres Hauses zu sein, in weitgehender Weise das Nötige anzuordnen. Vor Allem müssen schadhafte Decken, Böden, Wände repariert werden, um die Bacillen züchtenden Schrunden tunlichst zu eliminieren; ferner verlangt die Wissenschaft in solchen Fällen Erneuerung der Bemalung schadhafter Tapeten, sofern diese nicht abwaschbar sind. Als sehr wichtig hat sich ferner eine Verbesserung der Bade-Einrichtung im Keller gezeigt, welche den Anforderungen der Hygiene keineswegs mehr entspricht. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch lebhaft die Anbringung eines Bades in der ersten Etage empfehlen; wir haben z.B. in letzter Zeit mehrfach Gelenkrheumatismen behandelt, welche bei richtiger Bade-Möglichkeit sicher viel rascher geheilt wären; die Institutionen im Keller sind für solche Patienten nicht brauchbar. Auch die Zuführung von warmem Wasser mindestens in die erste Etage hat sich jetzt besonders, aber auch schon früher oftmals bei Erkrankungen der Zöglinge als dringend wünschenswert erwiesen.

Ich hoffe, dass die Tit. Schülerhauskommission meine genannten Anträge angelegentlich unterstützen wird, damit unser Haus zu Beginn des neuen Schuljahres mit gutem Gewissen wieder eröffnet werden kann.

Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich

Ihr ergebener

[Unterschrift] Dr. Wartmann

St.Gallen, 19. März 1916.

Nachbemerkung: Dr. med. Theodor Wartmann (1861-1939), ein Pionier bei der Tuberkulosebekämpfung im Kanton St.Gallen, wirkte als Kantonsschularzt und von 1895 bis 1931 als Kantonsarzt.

Der frühere Vorsteher des Schülerhauses, der Sekundarlehrer Walther Christian Kreis, war im August 1915 im Alter von 41 Jahren verstorben. Seine Frau, Lena Mina Kreis-Pfiffner, übernahm die Leitung der Institution. Kreis war engagiertes Mitglied der Abstinenzbewegung gewesen, so u.a. als Präsident des Alkoholgegnerbundes St.Gallen und bereits in seiner Jugendzeit als Mitgründer der Humanitas Sangallensis, der ältesten Antialkoholverbindung an einem schweizerischen Gymnasium.

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, KA R.130-4g-1 (Bericht von Wartmann), ZA 541/02 (Règlement du Schülerhaus de St.Gall, Pensionat public fondé et maintenu par le canton et la ville de St.Gall, 1916)

 

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