Murg am Wallensee, 1908

Montag, 20. März 1916 – „Obwohl in Zeiten des politischen Kampfes etwas hitzig, besitzen doch die Männer am Wallensee ein warmes Schweizerherz“

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein schrieb man „Wallensee“ und „Wallenstadt“. Erst in den 1950er Jahren setzte sich die heutige Schreibweise durch.

Vom Wallensee.

(Einges.) Es gehört seit Jahren zu einem der wesentlichen Programmpunkte des freisinnig-demokratischen Gemeindevereins Quarten, durch öffentliche Vorträge über aktuelle Themata während der stillen Winterszeit der Bevölkerung Gelegenheit zur Anregung und Belehrung zu verschaffen. Es ist erfreulich, konstatieren zu dürfen, dass diese, der Volksaufklärung dienenden Anlässe sich stets einer regen Beteiligung aus allen Kreisen erfreuen, und dass das Interesse dafür sich in stetem Wachstum befindet.

Als letzten Sonntag Herr E. Hausknecht von St.Gallen, der sich uns in sehr verdankenswerter Weise zu einem Referate über das Thema „Die Erziehung des Staatsbürgers“ zur Verfügung gestellt hatte, sein Votum im Gasthaus zum „Hirschen“ in Murg begann, sah er sich einem bis auf den letzten Platz besetzten Saale gegenüber. Namentlich erfreut hat uns der flotte Aufmarsch der Jungmannschaft von 18-20 Jahren, die trotz des schönen Frühlingswetters es sich nicht nehmen liess, einige Stunden der Belehrung zu opfern.

Die sympathische, von warmer Vaterlandsliebe durchdrungene Vortragsweise, die in jedem Satz ausstrahlende Liebe zu unserer heranwachsende Jugend, der feste Glaube an die Bestimmung der kommenden Generation, unser Schweizerhaus für alle wohnlich einzurichten, liessen in der Brust eines jeden Zuhörers ein Gefühl der Freude zurück. Die Art und Weise, wie sich der Pädagoge die Ausbildung des jungen Staatsbürgers in der vaterländischen Geschichte und ihre Einwirkung auf das allgemeine Wissen, auf die Pflege nationalen Denkens und Empfindens, auf die Stärkung eines festen Willens, mit Rat und Tat sich jederzeit der Allgemeinheit, dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen, vorstellt, war weit über das erhaben, was wir so oft von berufenen und unberufenen Aposteln dieses vaterländischen Evangeliums hören und gehört haben. Wenn der Referent seine Staatsbürger aus den Werken eines Gottfried Keller hervorzauberte und sie uns lebendig vor Augen stellte, so hat der Schreiber nicht minder den Geiste eines Heinrich Pestalozzi verspürt, der neben dem kalten Wissen die Ausbildung von Herz und Gemüt, warmes Empfinden für die soziale Not unseres Volkes treu gepflegt wissen will. Nicht neue staatliche Institutionen sind zur Ausbildung des Staatsbürgers nötig. Diese Aufgabe kann und soll gelöst werden durch treues Zusammenarbeiten von Elternhaus, Schule, Jugendverbänden und gemeinnützigen Vereinen. Alle zur Erziehung unserer Jugend Berufenen sollten sich die Hand bieten, um das Erdreich für den Samen der Vaterlandsliebe, des nationalen und sozialen Denkens richtig vorzubereiten, die zarte, aufkeimende Pflanze zu hegen und zu pflegen und dem erstarkenden jungen Baum den Halt zu geben, der ihn befähigt, einen festen Willen in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Der anhaltende Beifall, der den 1½stündigen Ausführungen des Herrn Referenten folgte, zeugte dafür. Dass er jedem Zuhörer zu Herzen gesprochen hatte.

An der Diskussion beteiligten sich sowohl die anwesenden Lehrer und Laien sehr lebhaft, sämtliche in voller Zustimmung zu den Thesen des Herrn Referenten. Den Nagel auf den Kopf getroffen hat ohne Zweifel Herr Kantonsrat und Gemeindeammann Andr. Zeller, wenn er erklärte, die strittige Frage über die Lösung des Problems des staatsbürgerlichen Unterrichtes sei durch die heutige Veranstaltung ja glänzend gelöst worden, haben wir doch alle während zwei Stunden staatsbürgerlichen Unterricht genossen, wie er fruchtbarer nicht gedacht werden könne. Sein Votum galt der Vermehrung solcher Ausbildungsgelegenheiten und dann namentlich der Pflege des Familienlebens und des Zusammenhaltens der einzelnen Familienmitglieder.

Nachdem der Männerchor Murg die Versammlung noch mit einem patriotischen Lied erfreut hatte, schloss der Präsident des Gemeindevereins, Herr Gemeinderatsschreiber Hug die schöne Tagung, indem er nochmals dem Herrn Referenten den wärmsten Dank für die uns gebotene Belehrung aussprach und die zahlreiche erschienene Jungmannschaft zu dem an den Tag gelegten Interesse beglückwünschte. Wenn wir uns diesem Danke anschliessen, möchten wir auch die Leitung des freisinnig-demokratischen Gemeindevereins darin einbezogen wissen und sie zur öftern [sic] Betätigung auf diesem dankbaren Gebiete ermuntern. Obwohl in Zeiten des politischen Kampfes etwas hitzig, besitzen doch die Männer am Wallensee [sic] ein warmes Schweizerherz, wie es angesichts unsere wild-romantischen Natur nicht anders denkbar ist.

H.L.

Das Thema staatsbürgerliche Erziehung beschäftigte in der Zeit um den Ersten Weltkrieg viele Pädagogen. Aber auch die Frauenbewegung sah sie als ein Mittel an, bei der weiblichen Bevölkerung das Interesse für Politik und das Funktionieren eines Staatswesens zu wecken. Ihr Fernziel war, allen mündigen Staatsbürgerinnen das Frauenstimm- und –wahlrecht zu verschaffen. Der Bund Schweizerischer Frauenvereine liess deshalb von zwei Mitgliedern entsprechende Schriften erstellen: Hedwig Bleuler-Waser verfasste „Funken vom Augustfeuer. Anregungen zur nationalen Erziehung in der Schweizerfamilie“ (Bern 1916) und Emma Pieczynska-Reichenbach das französische Pendant „L’ABC de l’éducation nationale au foyer domestique. Quelques suggestions offertes aux femmes de bonne volonté par l’Alliance de Sociétés féminines suisses“ (Genf 1917).

Hinweise: Zu Ernst Hausknecht-Derendinger gibt es weitere Beiträge unter dem 23. Februar, dem 22. Juli und dem 9. Oktober. Zu Andreas Zeller vergleiche den Beitrag vom 10. April.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 909 (St.Galler Tagblatt, Nr. 67, 20.03.1916, Morgenblatt), W 238/05.08-14 (Ansichtskarte von 1908 aus dem Verlag Josef Schönenberger, Wil) und A 097/030.3 (neue Schreibweise von Walenstadt)

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