Sonntag, 26. März 1916 – Das Blech wird rar, und die Heilsarmee besucht die Taubstummenanstalt

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Am Sonntag machten die Mädchen einen weiten Spaziergang an Wittenbach vorbei, über Kronbühl u. Heiligkreuz, durch die Langgasse u. auf der Doufurstrasse [sic] heim. Das Wetter war sehr schön. Viele Leute waren auf den Beinen. Es hat überall schon Blumen in Hülle u. Fülle. Die Mädchen haben auch gegrast, also ob sie daheim einen Stall voll Kühe hätten. – Am Nachmittag durfte ich mit Seppli ihre Schwester im Spital besuchen. Ihre Mutter war schon dort, als wir kamen. Wir sahen, dass Vreneli totenblass aussah. Vreneli schläft jetzt im Schlafzimmer der Krankenwärterin. Wir waren nur kurze Zeit bei ihr. Dann gingen wir hinaus. Als wir […] draussen im Gang waren, kam ein Krankenwagen. Ein Knabe wurde in den Spital verbracht. Er hat meines Wissens Blinddarmentzündung.

Am Abend vor 7 Uhr kamen 3 Salutistinnen [Mitglieder der Heilsarmee] in unseren Hof. Eine hatte eine Zupfgeige (eine Gitarre). Sie wollte uns ein Lied singen. Sie glaubte, wir hören es. Frl. Müller aber sagte, wir seien taub. Da sang sie nicht. Die Heilsarmee tut viel gute Werke. Sie rettet Trinker u. gefallene Mädchen. Sie baut Häuser für die armen Leute, die keine Wohnung haben. Sie baut Volksküchen, wo die armen Leute billiges Essen kaufen können. Woher nimmt sie das Geld? Sie bettelt es zusammen. Ich möchte keine Salutistin sein. Ich möchte nicht gerne in einer Uniform mit der Zupfgeige herumlaufen auf den Strassen u. in den Wirtschaften fromme Lieder singen. Ich will aber die Heilsarmee nicht verspotten. Ich will sie achten. Die Salutisten u. Salutistinnen haben Mut u. tun viel Gutes.

Am Montag sagte ich in der Schule wieder einmal „mutzte“ anstatt musste. Hr. Bühr sagte, ich sei ein guter Mutz. Da erzählte er uns, die Bären im Bärengraben haben Junge bekommen. Sie haben sie mit Haut u. Haar aufgefressen. Hr. Bühr sagte, ich dürfte nicht zu den Mutzen gehen. Sonst würden sie mich rübis u. stübis auffressen bis auf den Stiel.

Bertha Schär bekam am Dienstag Besuch von ihrem Vormund. Sie hat keine Eltern mehr. Sie ist Herrn Scherre[r]s Mündel. Der Vormund ist der Stellvertreter ihrer Eltern. Herr Scherrer wollte sehen, ob Bertha Fortschritte mache. Wenn sie 18 Jahre alt, ist sie volljährig. Aber sie wird nie mündig, weil sie schwachsinnig ist. Die Töchter werden mit 18 Jahren volljährig, die Söhne mit 20. Wer sich aber nicht brav hält, wird unter Vormundschaft gestellt.

Am Dienstag war der Frühlingsanfang im Kalender. In der Natur draussen hat der Frühling schon vor einiger Zeit angefangen. Unsere Spalierbirnen blühen bald. Unsere Kastanienbäume sind voll Knospen. Sie springen bald auf. Im April gibt es Blätter. Da unten in einem Garten neben dem kleinen Park steht ein Baum in voller Blüte. Die Tage werden immer länger. Die Sonne geht immer früher auf u. immer später unter. Am 21. Juni haben wir dann den längsten Tag.

Diese Woche brachte das Bahnfuhrwerk eine Kanne flüssige Seife. Es sind 10 kg. 1 kg kostete 90 Rp. Die Blechkanne kostet 2 fs. Herr Bühr will sie wieder zurückschicken. Er bezahlt nur 9 Fr. Der Fabrikant ist sehr froh, wenn er die Blechkanne wieder bekommt. Er schrieb, es habe Mangel an Blechkannen. Das Bahnfuhrwerk brachte eine Kiste Nudeln u. eine Kiste Makkaroni. Es sind zusammen 98 kg. 1 kg kostet jetzt 82 kg [sic, wohl Verschreiber für Rp.].

Am Dienstag machte Willis Klasse den Letzispaziergang. Sie gingen nach Arbon. Am Morgen glaubte man, das Wetter sei ordentlich. Als am Nachmittag um 1 Uhr die Buben abmarschierten, fing es leicht an zu regnen. Es machte so fort bis am Abend. Die Buben waren dennoch guter Dinge. Willi musste mit seiner Trommel vorausmarschieren u. kübeln.

Am Mittwoch schrieben wir die Wunschzettel für die Ostern. Jedes Mädchen durfte Schokolade, Ostereier, ein Haarband u. ausserdem noch etwas Besonderes wünschen. Ich wünschte mir Stecknadeln oder ein Taschenmesser. Nächste Woche muss Herr Bühr den Kommissionsdamen den Wunschzettel schicken. Sie werden miteinander beraten, ob sie unsere Wünsche erfüllen können oder nicht. In erster Linie werden sie ihr Portemonnaie zu Rate ziehen.

Am Nachmittag stattete Seppli [ihrer Schwester] Vreneli einen kurzen Besuch ab. Es geht ihr nicht gut. Frl. Doktor glaubte am Dienstag, sie liege in den letzten Zügen. Sie telephonierte der Mutter. Diese kam herbei, um ihrem Kinde im Sterben beizustehen. Aber Vreneli lebt immer noch. Es kann aber nicht mehr lange gehen, bis sie von ihrem Leiden befreit ist. Der Tod bedeutet für sie eine Erlösung.

Am Donnerstag Abend zwischen 5-6 Uhr regnete es. Der Regen ging bald über in Hagel. Es fiel[en] aber keine grossen Körner. Solche Niederschläge nennt man Riesel. Es rieselte.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Tagebuchtext) und ZMH 64/103e (Briefkopf der Seifen-, Soda- und Fettwaren-Fabriken, Lachen b. St.Gallen und Zug, 1913)

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