Donnerstag, 30. März 1916 – Die Not der Arbeiterschicht: „Wäre ich ein Mann und nicht eine Frau mit schwacher Kraft, […]“

Das Budget einer Wehrmannsfrau.

Die Frau eines Schweizer Wehrmanns schreibt unserm Berner Parteiblatt:

Ich möchte nachfolgende Rechnung zur Veröffentlichung übermitteln und dabei zugleich an irgendwelche bürgerliche Dame die Bitte richten, mir auseinanderzusetzen, wie ich mich in der heutigen Zeit mit meinen Kindern überhaupt noch über Wasser halten soll.

Mein Mann steht nun neun Monate an der Grenze. Ich bin lungenkrank und kann deshalb nicht an einen Erwerb denken, umso weniger, da ich noch zwei kleine Kinder habe. An Militärunterstützung werden mir Fr. 3.40 pro Tag ausbezahlt. Das macht im Monat 102 Franken.

Davon gehen ab:

für Miete                                          Fr. 37.-

für elektrisches Licht                      Fr. 1.90

für Gas (durchschnittlich)              Fr. 2.-

für Holz und Kohlen (bei grösster Sparsamkeit)                   Fr. 1.50

Total                                                 Fr. 44.90

Bleiben also im Monat für Nahrungsmittel Fr. 57.10. Das macht auf den Tag für drei Personen die grosse Summe von Fr. 1.92 oder pro Person 64,3 Rp. Auf den 1. Mai will aber unser Hausbesitzer mehr Mietzins haben. Die Bauern wollen noch mehr Geld für ihre Milch. Dann stellt sich meine Rechnung noch ungünstiger. Hin und wieder kommen sowieso noch Auslagen für Wolle dazu, denn mein Mann braucht im Militärdienst nicht wenig Socken. Auch die Wäsche zerreisst. Die Kinder müssen Schuhe und Strümpfe haben, von den Kleidern nicht zu reden. Die mache ich schon längst von alten, oft recht dünnen, abgelegten Kleidern meines Mannes und von mir. Mein Mann steht jetzt neun Monate an der Grenze, und bis er zurückkommt, wird es wohl ein Jahr sein. In dieser Zeit habe ich gespart, jeden Rappen zweimal umgedreht, bevor ich ihn ausgab, nur um keine Schulden machen zu müssen. Wenn ich daran denke, dass Tausende von Wehrmannsfrauen ähnlich oder gleich traurig dastehen, so frage ich mich: Können wir denn gar nichts tun, um unser Leben menschenwürdiger zu gestalten? Müssen wir nur hungern und zusehen, wie sich die reichen Leute satt essen, während unsere Männer und Väter an der Grenze stehen? Lohnt es sich denn überhaupt noch, eine solche „Heimat“ zu verteidigen? Wer solches erlebt hat wie ich, monatelang fast keinen Tag sich satt gegessen hat, nur, um nicht betteln oder stehlen gehen zu müssen und den Kindern genügend Brot geben zu können, weiss, dass es dringend notwendig wäre, im eigenen Lande aufzuräumen. Wäre ich ein Mann und nicht eine Frau mit schwacher Kraft, es wäre mir nicht zuviel, Tag für Tag das darbende, hungernde Arbeitervolk aufzuklären, ja direkt aufzuhetzen: Stellt den letzten Mann, schliesst eure Reihen, um gegen den Feind zu kämpfen, aber nicht gegen den äussern, das ist nicht der schlimmste.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 908 (Volksstimme. Sozialdemokratisches Tagblatt für die Stadt St.Gallen und die Kantone St.Gallen, Appenzell und Thurgau, Nr. 76, 30. März 1916) und W 238/09.15-42 (Produktionsgebäude und Arbeiterwohnhäuser der Stickerei A. Gätzi in Engelburg bei St.Gallen)

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