Sonntag, 2. April 1916 – Schnee-ballkrieg und Hüttenwitze: Der SAC auf Clubtour

Das wunderbare klare und sonnige Wetter der letzten Märztage zog die meisten Skifreunde nochmals hinauf in die Schneegefilde, um dem scheidenden Winter den Abschiedsgruss zu bringen. Vielen Dank darf der strenge Herr dieses Jahr von uns nicht erwarten, für sein launisches Wesen u. […] […], aber ein gutes Ende nimmt allen Groll hinweg.

So fanden sich für die beschlossene Clubtour am Samstag abend 7 S.A.Cler und ein Gast im Zug 5.17 auf der Fahrt nach Buchs ein, trotzdem im Laufe des Tages der so hochgepriesene Pizol schon ein gutes Dutzend Clubfreunde weggelacht hat. Die schon so oft befahrene Strecke durch das Rheintal bot uns heute ein schönes Bild, der Frühling ist hier schon eingezogen, die Matten haben ihr Winterkleid abgestreift[,] und auf dem jungen saftigen Grün tummelt sich schon Jungvieh, während die Schneedecke vielerorts noch bis zur Talsohle reicht.

Gleich nach Ankunft um 8 Uhr in Buchs gings nach Einkauf einiger Notwendigkeiten für Bretter u. Magen, den bekannten Buchserberg hinauf. Der leichte Aufstieg auf der breiten und gutunterhaltenen Strasse, welche durch den hochgewachsenen Buchenwald mit wenig Steigung schlängelnd sich hinaufzieht, macht unsere Last von Sack und Hölzer[n, Skis] auf dem Rücken erträglich. Es ist eine Lust[,] in der lauen Vorfrühlingsnacht mit den [sic] funkelnden Sternenhimmel zu wandeln und zu atmen, um allen [sic] Werktagssorgen los zu werden.

Scharfe Augen nehmen schon erste Schneespuren gewahr, wenn auch nur einzelne Flecken an schattigen Halden, so rücken wir doch langsam den heutigen Ziele, dem vorbestellten Nachtquartier zu. Nach zweistündigem Marsche stehen wir um 10 Uhr vor dem hell beleuchtetem [sic] Sommerfrische Waldrand, ein kleines Oberländerhaus östlich vom Kurhaus gelegen. Der Besitzer[,] unser Gastwirt[,] ist über unsere Ankunft nicht wenig erstaunt, da er angeblich durch ein Missverständniss [sic] glaubte, wir treffen heute nicht mehr ein, sind auch alle Vorbereitungen[,] die zu unserem leiblichen Wohl hätten gemacht werden sollen[,] unterblieben. Zum grössten Bedauern Aller musste nun der Heisshunger vom Vorrat aus dem Rucksack gestillt werden, da ausser Brot und einigen Käseresten unser Gastgeber nur noch Thee [sic] u. Alkoholfreie Getränke auffinden konnte.

Gemütlich wurde es im warmen Stübli doch, wenn auch der gute Wein, der vermutlich vom Wirt heimlich[,] wie einer unserer Vertrauten meinte[,] [unlesbar] gehalten wird, unser[e] Kehlen nicht benetzen durfte, wurde ein Liedchen ums andere gesungen und die allerneusten Hüttenwitze vom Stapel gelassen. Erst gegen 12 Uhr brach man allmählich zum aufsuchen [sic] des Nachtlagers auf. Die Betten fanden allgemein Gefallen, nur das Meinige hatte einen Kapitalfehler, das ich allerdings als letzter in Besitz nahm.

Seine Maximalnutzlänge betrug 1735, während meine Grösse im Dienstbüchlein mit 181m eingetragen steht. Aus der misslichen Situation half mir mein kürzerer Schlaf- und Sangesbruder. Habe nochmals besten Dank, Du hast mich vor den schrecklichsten Träumen bewahrt.

Ein sonnenstrahlender Morgen begrüsste um 6 Uhr das Doppelquartett zur Tagwache. Alle frohen Mutes ziehen wir, vorerst die Hölzer noch auf dem Rücken, da die letzten sonnigen Tage den Schnee schon weit hinauf vertrieben haben[,] den Waldweg hinaus, bis zum Waldrand. Erst auf 1200m werden die Ski auf steinhartem Schnee angeschnallt, die winterliche Bekleidung bei der schon am morgen früh herrschenden Wärme entledigt und im Bummeltempo geht’s ohne die kleinsten Skispuren zu hinterlassen, über die ausgedehnten Alpen von Untersäss bis zu den obersten Hütten der Malbunalp. Bei kurzer Rast mit Schneeballkrieg daselbst, geniessen wir den werdenden Tag. Der schöne Ausguck über die Waldwipfel in’s Tal hinunter, das verklärte Visavis, das Massiv der drei Schwestern in frischem Morgenglanze fesselt alle. Um die Fernsicht noch besser zu geniessen[,] traversieren wir noch einige Halden. Höher u. höher steigen die einzelnen Gruppen. Gegen 10 Uhr lagern alle im Kreise auf dem ausgesuchten Sattelpunkt Sisitzgrat [Sisizgrat] am Fusse vom Margelkopf u. Glanaköpfe [Glannachopf]. Ein guter Znüni stärkt uns auf den letzten Teil des Aufstiegs. Wir haben unser Ziel[,] den zuckerigen blendend weissen Kegel, die Rosswies mit dem ganzen Aufgangstrace direkt vor Augen und manchem, dem das wunderbare Znüniplätzli allzugut gefallen wollte, musste zur Einsicht kommen, dort oben ist es noch schöner. Im Hui hangen schon 7 Mann an verharschter Halde[,] und im vorsichtigen Tempo wird die kurze Abfahrt genommen. Ein Teilnehmer zieht es vor[,] als Wache vom Siestaplätzli zurückzubleiben, auf letzterem auch wir Säcke und überflüssige Kleider abgelegt hatten. Nach 5/4stündigem Aufstieg in geschlossener Gruppe, gelangen wir in kleinen Serpentinen auf Rosswiesgipfel 2335m 12½ Uhr an; Ueberrascht [sic] von der aussergewöhnlichen Rundsicht.

Immer u. immer wird man vom erhabenen Gefühl überwältigt, am hohen Ziel scheinbar alles zu seinen Füssen zu haben, um die Königin des Welttalls [sic] über sich auf das bare Haupt strahlen zu lassen.

Keine Worte sind beim ersten Anblick zu finden, drum geniesst jeder für sich mit erhobenem Herzen allein. Allmählich wird orientiert, die nächste Umgebung genau betrachtet, nach Osten den verwitterten Faulfirst mit seinen scharfen Schattenkantenen [sic] in den Schneemulden, nach Südosten ziehen die verzackten Gräte mit den Gärtliköpfen, hinter diesem, die höchste Spitze der umliegenden Gipfel der Alvier, welcher heute auch Sonntagsbesuch hat. Hinter diesen Kulissen die herrlichen, unzähligen Spitzen mit den bekannten Massiven der Bünder u. Vorarlberge. Nach Süden ein senkrechter Absturz von beinah 600 m auf die schön gebettete Sen[n]isalp, drüben über dem Seeztal das günstige Skigebiet von Flumserberg u. Spitzmeilengebiet. Links davon der vielbesuchte Pizol, wo unsere Clubfreunde auch all das Schöne geniessen. Die Fernsicht ist so klar, dass wir von blossem Auge Spuren über den Gletscher wahrnehmen können. Hinter u. nebeneinander türmen sich all die Bekannten auf, Sardona, Segnes[,] Ringelspitze, Vorab[,] Tödi u. viele andere.

Der westliche Abschluss bildet der wilde Gamsberg, nördlich erhebt sich majestätisch unser Säntis hinter ihm das Flachland u. der Bodensee im leichten Dunstschleier verhüllt. Der Abschied von all diesen Schönheiten wird nach Möglichkeit hinausgeschoben, trotzdem die günstige Abfahrt mit dem erweichten Schnee genussversprechend wird. Einige Volkslieder und Jodler ertönen noch in die vollständige Windstille hinaus. Als die letzten Töne „Ihr Berge lebt wohl“ als Abschiedsgruss von All geschautem verklungen sind, fährt bereits der Erste mit kühnen Schwüngen den Kegel hinunter. Alle folgen miteinander nach, bewegtes Leben setzt am Hange ein, hat’s doch jeden im ersten steilen Teil, nach gewohnter Art hingelegt. Eine rasende Abfahrt wäre doch etwas verwegen gewesen, da die Beschaffenheit des Schnees nicht ungünstig, aber doch ungleich war. So wendete jeder seine bewährte Technik an, und nur zu bald sind alle in der Mulde vor der Gegensteigung zum Ruheplätzli. Es war eine schöne Abfahrt. Ein Blick rückwärts zeigt unsere Spuren, durch diese wird das flächige Gelände interessanter. Der zu traversierende steile Hang wird genau vertikal von der Mittagssonne beschienen, so dass der kurze Aufstieg die einzige Strapaze des ganzen Tages wurde. Oben finden wir den Wachposten auf seinem Platz. Mit Hochgenuss hat er die Abfahrt verfolgt und während unserer Abwesenheit den fast schneefreien Margelkopf bestiegen. Es folgt ein Lagerleben nach alter Art, die raffiniertesten Leckerbissen werden da gekostet, trotz aller Einschränkungen durch den gewaltigen Krieg, dessen Stimme durch fernes dumpfes Dröhnen grosser Geschütze, bis an unser Ohr hier oben in den freien Bergen rühren mag. Auch unsere Unterhaltung lenkte auf kurze Zeit auf das gewaltige Völkerringen ein, aber den Schuldigen allen Unheils konnten wir auch nicht ermitteln.

Um ½4 Uhr wurde zur Thalfahrt [sic] aufgebrochen. Bei der ersten Abfahrt vom Sattel hat unser Wachtoffizier durch einen Sturz eine leichte Verstreckung sich zugezogen, konnte aber nach kurzer Zeit, nun auch etwas sachte, die Weiterfahrt mitmachen. Auf dem leicht erweichten Schnee laufen die Hölzer rasend, oft des Guten zu viel. Schattenhalb blieb der Schnee hart, was die Abfahrt etwas beeinflusste. Eine Skispitze hat trotz guter Führung halbwegs ihren Anforderungen nicht mehr Stand gehalten, ist aber von unserem Tourenchef in meisterhafter Weise rasch repariert worden. Nur allzubald ist [es] mit der schönen Abfahrt zu Ende. Wir stehen mit unseren Hölzern plötzlich auf dem trockenen Rasen, über diesen wir mit schwerfälligem Skitritt spazieren, um den letzten Teil der Abfahrt durch den Wald zum Kurhaus noch auszunützen. Ungern werden die Hölzer wieder auf die Schultern genommen und im Tempo geht’s unter Ausnützung aller Abkürzungen die Halden u[nd] Hohlwege hinunter in den Buchenwald[,] dessen Kühle sehr wohltuend auf den erhitzen Köpfen wirkte. In Buchs reichte die Zeit noch für eine kleine Stärkung. Der 6 Uhr Zug von Sargans brachte einen ganz besetzten Wagen sonn[en]verbrannten [sic] Gesichter, meistens Clubfreunde von der Heimfahrt vom Pizol. Ein jeder von uns fand auch noch ein Plätzli im gleichen Wagen, in welchem nun ausschliesslich junge Männer mit hohen gleichen [sic] Sinn für die schöne Bergeswelt beisammen sind und das gesonnte Herz im schönen Liede jubeln lassen. Für uns alle war der heutige Tag ein hoher Feiertag, als schöner Abschluss der Winterwanderungen auf Skiern. Im Besonderen möchte ich unser heutiges Ziel, die Rosswies[,] ein höchst günstiger Skiberg, leicht bis zum Gipfel mit dem Hölzern erreichar, mit Rund- u. Fernsicht wie uns kein Appenzeller u. anderer St.Gallerberg mehr bieten kann, nur bestens für die nächsten Winter empfehlen. Eventl. Unterhandlungen unserer Sektion mit dem Kurhaus- u. Pensionsbesitzer auf dem Buchserberg würde vielleicht zu einem Abschluss betr. Schlafgelegenheit zur Winterszeit auf ca 1000 m Höhe führen, was die Tour sehr erleichtern würde.

Ein letzter Gruss u. Händedruck am Bahnhof[,] und einzelne Gruppen ziehen noch zu einem Trunk, oder direkt an ihren heimischen Herd, Alle voller Bewusstsein[,] den Schatz[,] den sie von den Bergen mitgebracht[,] im Herzen tragen, hilft wieder über manchen Stein im Alltag hinweg und zehren heute noch von dem unerfasslichen Kleinod.

St.Gallen im Mai 1916                Fritz Küpfer.

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 023 (SAC St.Gallen; Bericht über die Clubtour auf Rosswies am 1. und 2. April (Text), Titelblatt des Tourenberichts mit einer Zeichnung von Fritz Küpfer (Bild))

 

 

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