Samstag, 8. April 1916 – „Der herrlichste aller Berufe“

Die Kantonsregierung und die Landwirtschaftliche Gesellschaft des Kantons St.Gallen hatten 1896 gemeinsam die landwirtschaftliche Schule Custerhof in Rheineck gegründet. Dieser wurde 1915 eine bäuerliche Haushaltungsschule angegliedert. Auch 1916 wurde zur Teilnahme an den Kursen aufgerufen. Der „St.Galler Bauer“ berichtete darüber:

Hauswirtschaftsschule Custerhof-Rheineck.

(Mitteilung des kantonalen Volkswirtschaftsdepartementes.)

Die Hauswirtschaftsschule Custerhof-Rheineck hat den Zweck, Töchtern vom Lande in kurzfristigen, nicht teuren Kursen die Kenntnisse, die ein bäuerlicher Haushalt erfordert, zu vermitteln. Ausser den Hausgeschäften soll auch der Feldgemüsebau, die Geflügel- und Schweinehaltung, ihrer Wichtigkeit entsprechend, behandelt werden. Für das laufende Jahr sind wiederum zwei vierteljährliche Sommerkurse vorgesehen. Der erste Kurs beginnt am 25. April und endigt am 15. Juli, der zweite beginnt Ende Juli und schliesst Mitte Oktober. Tüchtige Lehrkräfte bürgen für einen gediegenen Unterricht und beste Einführung in die praktische Haushaltung.

Aufgenommen werden nur Töchter, die mindestens 17 Jahre alt, gut beleumdet und befähigt sind, dem Unterrichte zu folgen. Für Kost und Logis sind bei Beginn des Kurses 100 Fr. zu entrichten. Dagegen kann unbemittelten, tüchtigen Schülerinnen das Kostgeld ganz oder teilweise erlassen werden.

Das Unterrichtsprogramm kann bei der Custerhof-Direktion in Rheineck bezogen werden, die gerne bereit ist, jede wünschbare Auskunft zu erteilen. Sie nimmt auch die Anmeldungen entgegen und zwar für den ersten Sommmerkurs bis zum 17. April l. J.

(Siehe Inserat der letzten Nummer.)

Bereits in der vorangehenden Ausgabe war im St.Galler Bauer (Heft 13, 01.04.1916, S.194-197) ein Werbetext für den Kurs 1916 erschienen, verbunden mit allgemeinen Überlegungen zur Ausbildung der Frauen in der Landwirtschaft:

Die Ausbildung der Bauerntochter

Die schweizerischen bildungsbeflissenen Bauernsöhne haben in den letzten Tagen ihre Fachschulen verlassen, um den Sommer über im Schweisse ihres Angesichtes auf der heimatlichen Scholle ihr Brot zu verdienen. Die Lehren der Anstalt werden sie bei allen Arbeiten begleiten, hier Anregung bringend, dort das Verständnis vertiefend. Diesen kraftstrotzenden Bauernburschen wird ihr Beruf ganz neu erscheinen. Jetzt gibt die vertraute Arbeit auf einmal so viel zu denken und zu vergleichen, was man nie für möglich gehalten hätte. Manches, das früher als einfach erschien, wird heute mit aller Sorgfalt erwogen. Überall auf Schritt und Tritt wird man zu neuen Gedanken angeregt. Man rechnet und erwägt. Das früher für einfach gehaltene Gewerbe bietet dem zum wirtschaftlichen Denken trainierten Geiste eine Fülle von Aufgaben, die gar nicht leicht zu lösen sind, die die konstante Anspannung der geistigen Kräfte erfordern. Und trotz dieser weit grösseren geistigen Arbeit ist der Beruf nicht mühsamer, sondern schöner geworden. Man beginnt, das Schaffen der Natur zu verstehen. Die früher gehörten Theorien sieht man in dem unendlich interessanten Wirken der Natur bestätigt. Sie selbst führt uns mit der besten Lehrmethode in ihr Werden ein; sie entwickelt einen Anschauungsunterricht, der Gedanken und Gefühle in ihren Bann zieht. Sie ist ja die beste Lehrmeisterin. Wer solcher Lehre nicht zu folgen sucht, passt nicht in den herrlichsten aller Berufe, mitten in das keimende und blühende Leben hinein. Dahinein gehört nur der, dessen Geist und Gefühle auch lebendig sind, der sich mit dem Walten der Natur eins fühlt, weil er auch ein Teil dieser Schöpfung ist, leben, blühen und Früchte tragen will. Das angestrengte Denken im landwirtschaftlichen Berufe ist daher keine Last. Es wird im Gegenteil zu einer unversiegbaren Quelle der Freude, es ist ja auch Leben und Entwicklung, sicherlich die höchste Funktion jeglichen Lebens. Und weil das so ist, so kann der Lohn solchen Strebens auch nicht ausbleiben. Wo ein geschulter, verständnisvoller Geist der wackeren, schwieligen Hand die Wege weist, da wohnt der Friede und der Erfolg.

Wo aber die freundliche Stimme der verständnisvollen Bauersfrau nicht erklingt, da ist das volle und wahre Glück doch nicht zu Hause. Es mag wohl ein rationeller Betrieb erstehen, dem Bauer fehlt aber doch die rechte Hand, die das häusliche Glück gestaltet, den Garten erblühen lässt und die feine Fürsorge, die die kleineren und doch so wichtigen Sachen des Betriebes regelt. Es fehlt ihm vor allem aber auch das Frauengemüt, das Gegensätze ausgleicht und in das gemeinsame Leben der Bauernleute den Sonnenschein des Familienglückes ausbreitet. Die Aufgaben der Bauersfrau sind daher so bedeutungsvolle, dass auch die Tochter im Hinblicke auf ihren zukünftigen Beruf erzogen und gebildet werden muss. Versagen wir ihr die Fachbildung, so nehmen wir ihr die beste Gelegenheit zur Vorbereitung für ihren Beruf.

Vielfach vernehmen wir die Klage, dass Bauerntöchter dem schönen elterlichen Berufe den Rücken kehren, den Angestellten oder Handwerker dem Bauersmanne vorziehen, für das Schalten und Walten im grossen Bauernhaushalte kein richtiges Verständnis mehr haben. Ist es angesichts dieser Tatsachen am Platze, dass man durch Strenge und Schimpfen den leidigen Zustand zu heben sucht?

Wir glauben nein. Der Zweck könnte auf diese Art und Weise doch nicht erreicht werden. Hier gibt es nur zwei Mittel, die zum Ziele führen. Das eine heisst Förderung der Prosperität der Landwirtschaft im allgemeinen und das andere gründliche und verständnisvolle Ausbildung der Bauerntochter. Sie ist so heranzubilden, dass sie die Bedeutung ihrer Aufgabe erfasst und derart in die Materie einzuführen, dass sie ihren hehren Beruf kennen und lieben lernt. Wenn wir die Bauerntochter soweit bringen, dass sie den Elternberuf nicht nur achtet, sondern liebt, dann haben wir das Problem gelöst. Berufsliebe ist aber beim intelligenten Menschen nur dann möglich, wenn er den Beruf gründlich beherrscht, wenn er sein feineres und tieferes Wesen erfasst und die Bedeutung und den Erfolg seiner Leistungen am Volksganzen zu messen versteht. Wenn er einsieht, dass er am grossen Mechanismus ein brauchbares Rädchen darstellt, dann erhält die Arbeit die richtige Weihe und das Leben einen schönen Zweck. Ein solches Leben verdient gelebt zu werden.

Die bäuerlichen Hauswirtschaftsschulen, die in Verbindung mit den landwirtschaftlichen Instituten stehen, haben diese Aufgabe zu erfüllen. In diesem Gedanken ruht der Kern des ganzen Lehrplanes.

Die bäuerliche Hauswirtschaftsschule unseres Kantons am Custerhof in Rheineck wird am 25. April ihre Tore dem dritten Kurse öffnen. Es ist zu hoffen, dass unsere währschaften Bauernfamilien ihre Töchter der Lehranstalt anvertrauen. Die Bauerstochter soll ihre Bildung nicht in einem Dameninstitute, sondern in der bäuerlichen Hauswirtschaftsschule erlangen, die auf Bauernboden verpflanzt ist und Erdgout atmet.

Sch. [vermutlich Traugott Schneider-Bugg (1886-1961), Direktor des Custerhofs, Präsident der Landwirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons St.Gallen von 1914-1924, später Kantonsrat]

Die Fotografie zeigt den vierten Kurs der Bäuerlichen Hauswirtschaftsschule Custerhof 1916. In der Mitte hinter dem Tisch sitzt Nina Schneider-Bugg (1888-1926), die zusammen mit ihrem Ehemann, Traugott Schneider, die neue Ausbildung für Bauerntöchter aufgebaut hatte.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 248/82 (Text: St.Galler Bauer, 3. Jahrgang, Heft 14, 08.04.1916, S. 209; Bild: St.Galler Bauer, 4. Jahrgang, Heft 7, 17.02.1917, S. 105)

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