Sonntag, 9. April 1916 – Prächtiges Wetter, grosse Wäsche und ein Ausflug in den Wildpark

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Am Sonntag spazierte Herr Bühr mit seiner Familie nach Peter u. Paul. Er erzählte uns, er habe vor einiger Zeit im Tagblatt gelesen, die Moufflonschafe haben Junge bekommen. Es sind 3 Stück; es seien possierliche Tierlein. Der Artikelschreiber bemerkte dazu, es sei doch ein gewaltiger Unterschied in der Entwicklung eines jungen Menschen u. eines solchen Tierchens. Ein solches Tierlein kann einen Tag nach der Geburt schon herumgumpen u. selber Futter suchen u. mit den anderen spielen, während ein junger Mensch 1-2 Jahre braucht, bis er laufen kann. Die Familie Bühr sah auch einige junge Steinböcke u. ein junges Rehböcklein. Es hatte wahrscheinlich seine Mutter verloren. Der Wärter kam. Er hatte eine Saugflasche mit Milch in der Hand. Er rief: „Wo ist der Bubi, komm, komm, Bubi.“ Das Rehböcklein gumpte herbei u. trank die Milch. Es war schnell fertig damit. Das war ein lustiger Anblick. – Wir Mädchen machten einen schönen Spaziergang nach Abtwil über St. Josephen u. über die Hängebrücke heim. Als wir über die Brücke kamen, schwankte sie. Einige Mädchen waren ängstlich.

Am Montag wurde Anton Vogler aus dem Spital entlassen. Der Sanitäter Hr. Giger muss weiter mit ihm üben, bis der Arm wieder beweglich ist. Die Ärzte haben immer noch nicht herausgefunden, was Anton eigentlich fehlt. Auf der photographischen Platte sieht man keinen Bruch.

Am Dienstag hatten wir keine Schule. Es war prächtiges Wetter. Wir hatten grosse Wäsche. Die Vorhänge vom ganzen Haus, die Tischdecken, die Bettüberwürfe u. andere Sachen wurden gewaschen. Am Abend war alles fix u. fertig, bis auf das Bügeln.

Am Donnerstag u. gestern kamen die Glätterinnen u. legten die letzte Hand an.

Wir haben wieder eine neue Patientin, Frl. Müller. Sie wurde von der Influenza gepackt. Vielleicht kommt jetzt die ganze Lehrerschaft an die Reihe. Als ich erzählen wollte, dass Frl. Groth auch nicht ganz wohl sei, da sagte Herr Bühr, ich soll schweigen. Man dürfe dem Wolf nicht rufen, sonst komme er.

Am Donnerstag u. gestern haben wir Leintücher gesäumt u. gezeichnet. Frau Bühr hat 62 m Stoff gekauft. Es gab 26 Leintücher. Zu einem Leintuch braucht es rund 2,40 m. Wir sind jetzt fertig damit.

Am Montag hatten wir von 2 Geistlichen Besuch. Zuerst kam der katholische Religionslehrer, Hr. Pfr. Bärlocher. Er hat jetzt gerade Ferien. Er will alle Klassen besuchen, um zu lernen, wie man die Taubstummen unter[r]ichtet. Kaum war er hinausgegangen, da kam Herr Pfr. Hauri. Er prüpfte [sic] uns Konfirmandinnen. Nächsten Mittwoch nach 7 Uhr gehen wir in das Pfarrhaus. Hr. Pfr. will uns die Plätze zeigen, welche wir bei der Konfirmation einnehmen müssen.

Die Familie Bühr bekam gestern eine Karte von Willi aus Zürich. Willi macht mit den Pfadfindern eine grosse Fussreise. Sie marschierten nach Ermatingen, nach Stein a/Rh., Schaffhausen, Eglisau, Brugg u. nach Zürich. Heute marschieren sie am Zürichsee entlang nach Rapperswil. Vor einiger Zeit schickte er eine Karte von Mammern. Er schrieb, er habe in einem Kurhotel 3 Stierenaugen [Spiegeleier] 2 Portionen Fleisch u. eine Flasche alkoholfreien Wein in seinen Magen befördert. Die Pfadfinder haben eine Woche lang schönes Wetter gehabt. Das Glück hat ihnen gelächelt. Heute haben Willi u. Hans den Geburtstag. Willi kann ihn in Rapperswil feiern.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Tagebuch) und ZMA 18/01.09-01 (Ausschnitt aus einer Ansichtskarte, Postkarten-Verlag Künzli, Zürich, Dep. No. 1122, 1903)

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