Samstag, 15. April 1916 – Frosch-schenkel als Fastenspeisen und Gespräche über den Tod und das Sterben

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Am Sonntag besuchten die Mädchen den Wildpark. Sie haben die jungen Moufflonschafe gesehen. Sie sagten, das seien possierliche Tiere. Aber sie gumpten [hüpften] nicht herum. Sie hielten einen Mittagsschlaf. Sie waren erholungsbedürftig. In der gleichen Abteilung sind 2 Schneehasen. Man nennt sie auch Alpenhasen. Die Mädchen haben sie nicht gesehen. Sie sind im Winter weiss wie Schnee. Wenn der Frühling kommt, wechseln sie ihr Kleid. Sie nehmen die Farbe der Erde u. des Gesteins an. Sie sind so vor den Raubvögeln u. vor den Jägern geschützt. Die Mädchen sahen, dass die Hirsche u. Rehe ihre Haare verlieren. Sie wechseln ihre Haare. Im Winter hatten sie einen dicken Pelz. Jetzt bekommen sie ein leichtes Sommerkleid. Anna Altenburger fütterte einen Hirsch mit Gras. R. Hängi tupfte ihn auf seine Schnauze. Da lief er erschrocken davon.

Familie Bühr erhielt wieder eine Karte von Willi aus Zürich. Er schrieb, er u. seine Genossen seien einen Tag in Zürich geblieben. Sie haben die Stadt angeschaut u. auf dem See gerudert. Hr. Bühr fragte Elsi, ob es in Churwalden auch einen See habe. Elsi nickte mit dem Kopf. Herr Bühr sagte, das sei kein See, es sei nur ein Fröschenweiher. Er fragte mich, ob in Niederurnen ein See sei. Ich sagte nein, nur Klunken [Pfützen], wenn es regne. Er fragte weiter, ob die Katholiken in Niederurnen auch Frösche fangen. Da war Seppli aufgeregt. Jetzt allüberall fangen die Katholiken Frösche. Von der Fastnacht bis Ostern dürften sie kein Fleisch von warmblütigen Tieren essen, nur Froschschenkel u. Fische. Das sind Fastenspeisen.

Seit längerer Zeit lag ein ehemaliger Zögling, Karl Anderegg, im Kantonsspital. Er litt an Lungenschwindsucht. Letzte Woche bekam er noch tuberkulöse Gehirnentzündung. Am Samstag schied er aus dem Leben. Seine Mutter kam. Sie übernachtete in der Anstalt. Morgen Nachmittag wird er auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Karl hatte auch eine taubstumme Schwester, Hermine. Sie war 8 Jahre in der Anstalt. Kurz nach dem Austritt ist sie auch an Lungenschwindsucht gestorben. Sie wurde in Rheineck bestattet. Die Leichname der Geschwister sind getrennt. Ihre Seelen sind vereinigt bei Gott. Herr Bühr fragte uns, ob wir uns vor dem Tode fürchten. Wir sagten: im Gegenteil, wir fürchten uns nicht davor.

Liseli hat Pech gehabt. Die Buchbinderin hat ein Heft von Johann Gemperle zu Liselis Heften gebunden. Es ist schade. Jetzt sind beide Bücher verhunzt. Herr Bühr will sie der Buchbinderin zurückgeben. Sie muss sie ändern.

Hr. Bühr hat uns am Montag beim Mittagessen ein Eilein gezeigt. Rösli hat letzten Sommer 2 Kanarienvögel von Hrn. Tschudi, Waisenvater[,] geschenkt bekommen. Eines von ihnen ist ein Männchen[,] das andere ein Weibchen. Das Weibchen legte das Eilein. Rösli machte ein Nestlein u. legte das Eilein darein. Wenn das Weibchen 3 oder 4 Eier gelegt hat, stellt man das Nest in das Bauer. Dann brüten das Männchen u. das Weibchen die Eier miteinander aus. Nach einiger Zeit schlüpfen junge Kanarienvögelein aus.

Rösli hat am Dienstag vom Schlafsaal aus mit einer Bohnenstange ein Taubennest herabgestupft. Die Tauben gehört [sic] einem Herrn da unten an der Stauffacherstrasse. Er hat seine Freude an den Tauben. Er hat einen Taubenschlag. Einige Tauben fliegen oft an unser Haus. Sie sind wohl schöne u. nützliche Tierlein, aber sie fallen den Nachbarn zur Last, indem sie die Häuser beschmutzen. Immer sind die Gesimse voll Taubenmist. Wenn wir nur die anderen Nester auch herabstupfen könnten!

In der Multergasse kann man etwas Interessantes sehen. In dem Schaufenster eines Hutgeschäftes sieht man eine Aargauerin in der Tracht. Sie flickt Strohhüte. Es läuft ihr gut aus der Hand. Wir haben in der Geographie gelernt, im Kt. Aargau wird Strohhutflechterei getrieben. Warum hat der Ladenbesitzer eine arbeitende Strohhutflechterin ausgestellt? Er ist ein Schlaumeier. Er denkt, viele Leute werden vor dem Schaufenster stehen bleiben u. der Aargauerin zuschauen. Dabei werden sie die ausgestellten Hüte anschauen u. sich entschliessen, in den Laden zu gehen, um einen Hut zu erstehen. Die Aargauerin soll ein Lockvogel sein.

Letzte Woche hat Herr Bühr auf der Bank das Kapital von Liseli geholt. In früheren Jahren hat Hr. Bühr 50 fs. auf die Bank gelegt. Als er es abhob, waren es 63,25 fs. Also hat das Kapitälchen 13,25fs. Zins getragen. Wenn ich später einmal etwas erspare, will ich es auf die Bank tragen. Dort wächst das Kapital.

Am Mittwoch morgens [sic] gingen wir in das Pfarrhaus. Hr. Pfr. zeigte uns die Plätze, welche wir an der Konfirmation einnehmen müssen. Es sind 30 hörende Konfirmandinnen. Herr Pfarrer schenkt uns ein Gebetbuch. Herr Bühr bat ihn um 16 Karten für reservierte Plätze in der Kirche. Er schickte sie unseren Angehörigen.

Am Dienstag bekam Elsi Brügger das Konfirmationskleid. Es war höchste Zeit. Sie hat schon Angst gehabt, es komme überhaupt nicht mehr. Wenn es nicht gekommen wäre, wäre sie in der Tinte gewesen.

Gestern kam Fräulein Scherrer auf Besuch. Am Abend halfen sie u. Frl. Groth Fr. Bühr[,] die Sommerhüte garnieren. Bald wird Fräulein Scherrer nicht mehr in Romanshorn wohnen. In der Woche nach Ostern zügeln [ziehen um] Scherrers nach Zürich mit Sack u. Pack.

Herr Bühr bekam heute einen Brief von einem ehemaligen Zögling. Er ist ein Appenzeller von Trogen. Vor vielen Jahren ist er mit seinem Vater als Käser nach Russland übersiedelt. Der Brief wurde am 19. Febr. abgeschickt. Er braucht fast zwei volle Monate. Er musste eine lange Reise machen über Schweden, um England, durch Frankreich [Wort gestrichen], bis er sein Ziel erreichte.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Tagebuch) und P 909, 02.03.1916 (Inserat aus dem St.Galler Tagblatt)

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