junge Frau mit Hut und Schirm in einem zeitgenössischen Inserat

Freitag, 12. Mai 1916 – Coiffeuse beschwert sich über die Heimatgemeinde Rapperswil

Wie üblich hatte die Regierung in ihrer ordentlichen Sitzung eine ganze Reihe von Geschäften zu erledigen. Vom Anwaltsverband, der seine Interessen zu sichern suchte (Nr. 1145) über die Genehmigung der Eröffnung einer Raiffeisenkasse in Wil (Nr. 1147), Kommunalberichte zu den Gemeinden Rheineck, Walenstadt und Vilters (Nrn. 1151, 1152 und 1153), eine Bodendrainage im Hüttenmoos in Rorschacherberg (Nr. 1155) und die Dorfbachverbauung in Rüthi (Nr. 1159) bis hin zu einem Verweis an die Zivilstandsämter von Steinach und Flawil (Nr. 1157) und die Diskussion über Arbeitslosenunterstützung (Nr. 1160) kam ein bunter Strauss an Themen zusammen.

Auch über die Beschwerde einer Coiffeuse befand der Rat: Mit Zuschrift vom 22. März l. J. [laufenden Jahres] beschwert sich die in Zürich, bezw. nunmehr in Wülflingen, wohnhafte ledige Rosa Helbling, von Rapperswil, gegenüber der heimatlichen Armenbehörde wegen Nichtgewährung der nachgesuchten Unterstützung an die Verpflegungskosten ihres ausserehelichen Kindes. Dieselbe macht geltend, dass sie ihr nunmehr 4-jähriges Kind bis vor einem Jahre immer selbst habe durchbringen und für die notwendigen Verpflegungskosten aufkommen können. Seit 1 Jahre sei ihr dies nicht mehr möglich gewesen; die Eltern, bezw. Grosseltern, des Kindes, bei welchen sich letzteres aufhalte, haben seit Kriegsausbruch infolge reduzierten Verdienstes selbst genug für sich zu sorgen, so dass es ihnen nicht mehr möglich sei, das Kind weiter ohne Bezahlung behalten zu können; die Schwester helfe der Mutter im Haushalte und verdiene nichts, ein Bruder sei fast beständig im Militärdienste gewesen, und die beiden andern Brüder, wovon einer verheiratet und der andere Invalide, haben für ihre Existenz genug zu kämpfen. Sie selbst sei schwächlicher Natur und zudem immer kränklich, so dass sie voraussichtliche bald wieder Spitalbehandlung bedürfe. Zudem sei ihr auf 1. April ihre bisherige Anstellung als Coiffeuse gekündet worden, so dass sie sich um eine neue Stelle bewerben müsse. Ihr bisheriger Lohn habe bis anhin monatlich nur ca. Fr. 90.- bis Fr. 100.- betragen, wovon für Zimmermiete Fr. 25.- und für Pension Fr. 60.- monatlich zum voraus abgegangen seien. Ihr Beruf verlange, anständig gekleidet zu sein, so dass ihr Lohn kaum für die eigenen Bedürfnisse ausreiche, geschweige noch für die Kosten des Kindes. Aus diesen Gründen stellt Petentin das Gesuch, ihr auch weiterhin die seit einiger Zeit gewährte Unterstützung durch die Heimatgemeinde wieder zukommen zu lassen. Der Regierungsrat lehnte das Gesuch u.a. wegen der unsittlichen Lebensführung der Petentin ab. (Nr. 1156)

Ad acta gelegt wurde: Ein Schreiben des Schweizer. Konsulates in Abo, Finnland, vom 28. März abhin betreffend Eintragung der Eheschliessung der Eheleute Scherrer-Öhberg, von Bütschwil, in Mörskom, Finnland, in die hiesigen Zivilstandsregister, weil vom Departement des Innern direkt erledigt. (Nr. 1171)

Alle Regierungsbeschlüsse dieses Tages findet man hier in vollem Wortlaut: 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und P 909 (Bild, St.Galler Tagblatt, Nr. 111, 12.05.1916, Abendblatt, Werbung für Schoop & Hürlimann, Schirmwarengeschäft, Neugasse 20, St.Gallen)

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