Montag, 15. Mai 1916 – Res sacra miser! Oder: das entsetzliche Kriegstheater

Frühlingssession des Grossen Rates, Auszug aus der Eröffnungsansprache des abtretenden Grossratspräsidenten, Dr. C. Reichenbach, Schulratspräsident von St.Gallen:

Meine Herren Kantonsräte!

Sie werden es mir erlassen, in meinem kurzen Begrüssungsworte auch heute wieder den Blick über die Grenzen unseres Landes hinaus auf das entsetzliche Kriegstheater zu werfen. Etwas Neues ist ja leider nicht zu sagen, und was wir am liebsten hören würden, lässt wohl noch längere Zeit auf sich warten. Auch im eigenen Lande machen sich die Folgen der so stark divergierenden Meinungen noch allzusehr fühlbar, und es hat den Anschein, dass es noch viel ruhigerer Überlegung und gegenseitigen Entgegenkommens bedarf, wenn unser Land aus den Vorkommnissen der letzten Zeit nicht dauernd schweren Schaden leiden soll. Gehen wir nun aber auch mit unsern Sympathien für die einzelnen kriegführenden Mächte zum Teil weit auseinander, so haben wir uns sofort wieder einig gefunden auf einem Gebiet, das unserm Volk und Land zur Ehre gereicht und das allen Schweizern ein willkommenes und geläufiges ist, dem der Nächstenliebe. Res sacra miser! Das Unglück ist eine heilige Sache! In diesem Sinne haben wir die kranken und verwundeten Soldaten ohne Unterschied ihrer Nationalität im ganzen Lande mit offenen Armen empfangen, und wir hoffen, dass sie bei uns ihr schwer erschüttertes geistiges und körperliches Wohlbefinden wieder finden werden. Wo sollten diejenigen, die ihr Bestes, ihr Leben und ihre Gesundheit für das Vaterland geopfert haben, besser aufgehoben sein als da, wo vor mehr als 50 Jahren das „Rote Kreuz“ gegründet worden ist!

Meine Herren Kantonsräte!

Unsere Traktandenliste weist nicht weniger als vier neue Gesetzesvorlagen auf, eine gewiss erhebliche Zahl für die heutigen Zeitverhältnisse. Sie werden uns jedoch in der laufenden Session kaum länger beschäftigen. Dagegen harren das Gesetz über das Unfallversicherungsgericht und dasjenige über die Stadtverschmelzung ihrer Erledigung in der II. Lesung. Was das letztere betrifft, darf gesagt werden, dass die Kommission sich mit gutem Erfolge alle Mühe gegeben hat, zu einem allseitig befriedigenden Resultate zu kommen, und dass man bei allen Parteien redlich bemüht war, die politischen Gesichtspunkte möglichst auszuschalten, um der zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit gewordenen Stadtverschmelzung zum Durchbruch zu verhelfen. Es ist nun zu hoffen, dass auch der Grosse Rat das Werk seiner Kommission sanktionieren und dasselbe die Klippe des Referendums glücklich umschiffen wird.

Den freundlichen Ostergruss, den uns die hohe Regierung in Form eines Finanzprogrammes zugeschickt hat, verdanken wir bestens. Es wird sich zeigen, inwieweit dasselbe vor ihren und des Souveräns Augen Gnade finden wird. Ohne Zweifel bedarf unsere kantonale Finanzlage der ernstesten Aufmerksamkeit und müssen Mittel gesucht werden, aus der Defizitsperiode herauszukommen. Es muss aber dafür gesorgt werden, dass der Weg hiezu ein gangbarer wird, damit es unserm Herrn Finanzminister nicht nach dem französischen Sprichworte geht: “Qui trop embrasse, mal êtraint!“

[…]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZA 005 (Grossratsprotokoll) und ZMA 18/01.08-15 (Autounfall in St.Gallen, 1913: Der Grosse Rat diskutierte in seiner Sitzung vom 15. Mai 1916 u.a. über die Einrichtung eines Unfallversicherungsgerichtes)

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