Sonntag, 4. Juni 1916 – Pfingstbeitrag und Geschichte zu Rüthi, einem Dorf an der rätoromanischen Sprachgrenze

Die St.Galler Blätter publizierten in ihrer Ausgabe zum Pfingstwochenende ganz verschiedenartige Texte. Darunter findet sich ein sehr ernsthafter, der Bezug nahm auf die Weltlage:

Pfingsten 1916.

Von Paul Luther.

Pfingstglocken läuten über das weite Land. Ich lausche ihrem Klang, still, ernst, bis in die Tiefe der Seele durchbebt. Ich kann den Gedanken nicht wehren, die rückwärts fliegen voll Sehnsucht und Weh, rückwärts in die goldenen Tage der Pfingsten, die einst in unendlicher Schönheit über uns alle ihre Gluten gossen.

Einst – und jetzt! Jetzt tut mir die Sonne weh – ich muss an tausend Gräber denken, über die sie geht, Gräber, in denen schlafen, die einst wie ich geliebt und geschwärmt, wie ich am lieblichen Feste der Pfingsten selig gewesen. Jetzt haben die Glocken so schweren Klang, so voll heisser Angst, so voll herzbrechenden Leids, so voll tiefer Qual.

Dennoch – die Glocken hallen weiter, über Trauer und Weh, über Sehnsucht und Herzeleid, hallen weiter ernst, feierlich, hehr, als wollten sie der Sehnsucht Schrei und des Herzens Qual übertönen, dass alles untergehe im Leben, das nie stille steht, das nimmer aufhört, das immer wieder aufwärtsbricht aus dunklen Tiefen. Ich lausche still ihrem Klang –und leise hebt sich die Decke von meinen Augen, leise weht wieder Friede über meine Seele. Uralt heiliger Glaube steht wieder in meiner Seele auf: der Geist lebt in uns allen und unsere Burg ist Gott! Lebensfülle, die in mir ist, die aus dem grossen Lebensstrom stammt, die reckt sich auf gerade in eiserner Zeit, die schreitet in den neuen Tag, mag er auch durch starrende Lanzen und blanke Schwerter gehen. Gewiss kein Pfingsten in Frühlingstraum und Seligkeit – aber ob nicht anderer Traum auch schön ist, der in unserer Seele glüht? Der Traum vom Land, in dem ein stolzes Geschlecht wohnt, das den Geit der Torheit, der Kleinheit, der Erbärmlichkeit überwand, das den Heiligen und Herrlichen zujauchzt, die es von Höhe zu Höhe führen, die es aufwärts reissen aus Kleinmut und Enge zu weltfroher, glaubensstarker Schaffensfreude?

Pfingstglocken, läutet übers Land und kündigt den neuen Tag, dessen Morgenrot leise glüht, den Tag des Geistes, den Tag der Bruderliebe, den Tag der Kraft! Lass fahren dahin, was einst das Fest goldig verschönt hat, herbe Zeit ist – aber aus dem tiefen Acker, den die Not gepflügt, wachsen Menschen, die dennoch das Leben in ihren Dienst zwingen, die mit ihren Augen hinter all dem Sturm, der sie umtost, doch still leuchtende Sterne schauen, die sie segnen.

In der gleichen Ausgabe der St.Galler Blätter wurde aber auch die Geschichte von Rüti, verfasst vom Volkskundler Oswald Gächter, publiziert. Gächter hatte diesen Text, in dem es vorrangig um die Siedlungsgeschichte des Dorfes am Rand der rätoromanischen Sprachgrenze ging, ursprünglich als Vortrag in einer Veranstaltung des Historischen Vereins des Kantons St.Gallen vom 19. April 1916 vorgelesen. In seinen Ausführungen erklärte er die Herkunft bestimmter, noch gebräuchlicher Mundartausdrücke:

[…]

Muggatenna, ital. Mughetto = Maiblume (Primula elatior Jacq.)

Föla, rätorom. Feile = beim Buttersieden zurückbleibende Hefe,

Lätsch “ latsch = Schlinge,

Zappie, “ zappa = Werkzeug zum Fortrutschen der Rundhölzer,

Zenggara, rom. tschuncar = entzweischneiden; kl. Teil der Heubühne,

Lumela, ital. lama = Messerklinge,

Lei, rom. altfranz. lei, loi = Art und Weise ([„]es het kei Lei!“)

Pippa, lomb. pipa = Fasshahn,

Guntebiss, churwelsch cugnada = eiserner Keil mit Ring zum Holzziehen,

Zigg, obereng. un zic = etwas, ein wenig (Beigeschmack)

Brend, rätorom. marenda = Vespressen,

Plumpe = grosse, genietete Schelle, scheint nur rätisch zu sein, nebst zahlreichen andern, verbreiteteren. […]

Gächter versuchte durch sprachwissenschaftliche Herleitung auch Flurnamen zu erklären:

[…]

Amatschils = am Matschels (Berg).

Buolt, rom. [romanisch] boval, bual = Herstatzung. Vgl. Bovel.

Broata, “ prada = Wiese

Bützel, “ puteus = Brunnen, Pfütze.

Dezzen, “ dazi = Zoll, der mit der uralten Grenze im Begriffe verbd.

Fora = Wasserloch; urkundlich stets die Fora. Vgl. Plofora = Felsloch.

Grofefeld, rätorom. grava = Sandboden, Geschiebe.

Gruppa, “ groppa = hinterer Teil eines Pferderückens.

Hoggaberg, “ croch = der Hacken, auf Zickzackwegen erreichbar.

Iselisteg, rätorom. Isla = Au.

Kamor, ursprünglich Cá mayor und Cá minor, hiess bis 1890 auf den Blättern des Siegfriedatlasses Tristenkopf.

Kasten, mittellat. Costa = Egg, im Tyrol und Tessin häufig.

Matschels = Berg.

Mola, rätorom. Mulin = Mühle ( oder mola = Schleifstein).

Planggi, Planggner, rätorom. Plaunca = felsige Halde, steil.

Plona, Plöli, von planum = Ebene.

Plosaberg, eng. Blais = i. G. zu Plangg sanft ansteigende Grashalde.

Platta = Platte, ebene Fläche.

Durch seine Forschungen kam Gächter zum Schluss:

Die angeführten Ortsnamen deuten auf Neubesiedelung durch die Römer hin. Landstriche, welche noch Wildnis und jedenfalls ganz mit Wald bedeckt waren, wurden ausgerodet, urbarisiert, und auf diese Zeit kann man schliesslich den Ortsnamen Rüti auf runcus = Reute sogar zurückführen, wenn man will. Auffallen aber muss, dass mit dem Ausläufer des Kobelsteins = Hirschensprung abwärts die romanischen Ortsnamen eigentlich aufhören, während sie aufwärts zahlreicher werden und jenseits des Rheins häufig sind.

Von Norden her kam damals schon der „Unterluft“ wie heute; aber auch ein neuer, deutscher Volksstamm, dessen Blutes wir sind, stiess vom Bodensee und Oesterreich her zu uns.

[…]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 945 (St.Galler Blätter für Unterhaltung und Belehrung aus Kunst, Wissenschaft und Leben, Jg. 1916, S. 179 und S. 183) und W 238/04.01-03 (Bild, Verlag: H. Dinkelacker, Altstätten)

hinterlasse einen Kommentar