Rechnung einer Papeterie in St.Gallen, 1917

Samstag, 10. Juni 1916 – Angst vor „flottanten Elementen“: Regelung des Armenwesens im Krieg

Die Sozialfürsorge oblag in der Schweiz teilweise bis weit ins 20. Jahrhundert den Bürgerorten (Heimatgemeinde). Während des Ersten Weltkriegs wurde diese Regelung zugunsten der sogenannten wohnörtlichen Armenpflege aufgehoben. Eine diesbezügliche interkantonale Vereinbarung von 1914 sollte per 1. Juli 1916 auslaufen. Der Präsident der schweizerischen Armendirektorenkonferenz berief deshalb für den 16. Juni eine Konferenz nach Olten ein, um über eine Verlängerung dieses Konkordates zu beraten. Der Regierungsrat des Kantons St.Gallen  befürwortete dieses Vorhaben: Die Bestimmung, dass ein Unterstützungsbedürftiger sich nur dann auf die Vereinbarung berufen konnte, wenn er seit 1. Juli 1914 im Kantone wohnte, wurde in einer Zeit aufgestellt, wo noch niemand mit einer so langen Dauer des Krieges rechnete; man wollte dadurch sich der Zuwanderung flottanter Elemente erwehren. Heute aber erscheint es als Härte, einen Hilfsbedürftigen deshalb abzuweisen, weil er nicht bereits seit einem so weit zurückliegenden Zeitpunkt, wie es nunmehr der 1. Juli 1914 ist, im Kantonsgebiet wohnt. Diese Bestimmung bedarf tatsächlich einer Abänderung, speziell auch im Hinblick auf solche Arbeiter, die einer Arbeitsgelegenheit willen den Wohnsitz gewechselt haben und dieses löbliche Bestreben, sich ohne fremde Hülfe durchzubringen, nicht in der Weise büssen sollen, dass, [sie] wenn sie wieder arbeitslos werden, der armenpolizeilichen Heimschaffung ausgesetzt sind. (Nr. 1376)

Ausserdem genehmigte der Regierungsrat dem Staatsschreiber Othmar Müller-Widmer einen zweiwöchigen Erholungsurlaub im Juni (Nr. 1393) und beriet über folgendes:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und ZMH 64/236 (Briefkopf der Papeterie A. Hungerbühler, St.Gallen, 1917)

Zum Fürsorgewesen und der Frage der sogenannten wohnörtlichen Armenpflege vgl. den Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D25809.php

hinterlasse einen Kommentar