Sonntag, 11. Juni 1916 – „Unsere Kinder haben den Schnupfen, sonst geht’s gut.“

Fanny Lutz-Giger war seit 1911 mit Gebhard Lutz (1870-1946) verheiratet. Sie war Hotelierstochter, ihre Eltern führten das „Giger’s Hotel Waldhaus“ in Sils-Maria, das später von Helen und Oscar Kienberger-Giger übernommen wurde. Helen Kienberger schreibt ihr:

Meine liebe Fanny!

Empfange vielen Dank für Deine letzte Sendung, die Flanell ist sehr schön u. praktisch, nur finde ich es unnötig, dass Du Dir in diesen kritischen Zeiten immer wieder Auslagen für mich machst; Du solltest für Dich weniger sparen u. für Andere mehr! Wir waren 8 Tage fort u. nun ist Oscar [Kienberger] bereits schon auf dem Rigi etabliert; ich gedenke am 20. mit den Kinder[n] dorthin zu reisen. Momentan ist noch grosse Wasche [sic] im Neuhof u. haben wir damit auch zu tun. Mamma geht es Gott sei Dank besser[.] Sie schläft wieder ganz gut, Bärri ist für eine Consultation nicht zu haben, aus Rücksicht für Dr. Jäger, er empfiehlt einen Spezialisten aus Zürich, er meint eine Consultation mit einem Spezialisten wäre für Dr. J. angenehmer wie mit einem Landarzt.

Bei der armen Maly waren wir 2 mal, sie hat mir gesagt wie sehr es sie freuen würde Dich zu sehen, vielleicht machst Du es doch einmal möglich[,] sie zu besuchen. Die Ärmste hat immer noch ihre Wahnideeen z.B. ist fast die ganze Familie gestorben, dann wähnt sie sich anno 1918, Du bist nach ihrer Idee mit H. Brunner in Konstanz verheiratet u. erwartest ein Kleines. Trotzdem Maly wieder viele lichte Momente hat[,] ist ihr Zustand immerhin noch ein sehr ernster, es grenzt mehr an Irrsinn wie nur ein gewöhnliches Nervenleiden u. befürchten Oscar u. ich sehr[,] dass es unheilbar sei. Dr. Brunner war wieder nicht dort, er ist für 10 Wochen im Militärdienst, Dr. Jäger ratet zu einer Consultation mit Prof. [Eugen] Bleuler [1857-1939] damit wir endlich einmal nicht bloss Vermutungen über Maly’s Zustand haben, sondern eine richtige ärztliche Diagnose erhalten. Mama wird nun die Sache an die Hand nehmen u. Dr. Brunner darüber schreiben. Im Allgemeinen ist Maly sehr gerne in Küsnacht, sie wäre mit der Verpflegung u. mit ihrer Pflegerin zufrieden. Sie will weder nach Ragaz noch nach Sils zurück, es wären zuviel traurige Erinnerungen für sie. Oscar hat die Übernahme der Direction im Waldhaus noch nicht bestimmt angenommen, er will Bedenkzeit haben bis zum Herbst, vielleicht ist bis dahin auch der Krieg vorüber u. können sie’s dann ohne uns weiterbetreiben. Hansli ist schon einige Tage im Bett an einer starken Erkältung, er hat sich im Schwimmbad verdorben[,] weil er unvernünftig lang drin geblieben ist. Helen schreibt ganz verzweifelte Briefe aus dem Institut, sie will es einfach durchsetzen[,] dass man sie raus nimmt u. schreibt auch ihrem Papa diesbez. Unsere Kinder haben den Schnupfen, sonst gehts gut.

Innigste Grüsse u. Küsse an Euch Alle von Eurer stets anhängl.

Helen

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 289/20-2 (Brief an Fanny Lutz-Giger (geboren 1876) von Helen Kienberger-Giger aus Bad Ragaz auf Briefpapier des Grand Hotel Rigi-Kaltbad)

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