Freitag, 16. Juni 1916 – „Für 2.50 & 3.- muss man schaffen wie ein Ross, man geht fast zugrunde“

Tagebucheintrag von Josef Scherrer-Brisig (1891-1965), Sekretär des Schweizerischen Christlichen Textilarbeiterverbands (1910-1916), später Kantonsrat und Nationalrat, Mitbegründer der Christlichsozialen Bewegung:

[…]

Textil-Versammlung der Firma Ottiker Uzwil. Sitzung abends 7 Uhr im Arbeiterinnenlokal in Oberuzwil. Uzwil

Ich referiere über die Arbeitslosenversicherung der Arbeiterinnen. Anwesend sind 13 Arbeiterinnen und 5 Arbeiter. Letztes Mal waren nochmals so viele Arbeiterinnen anwesend. Die Verhältnisse im Geschäft Ottiker sind keine gute[n]. Man treibt die Arbeiterinnen zur Arbeit. 18 Cts. pro 1000 Stich nach dem Kriege statt 30–32 Cts. vor dem Kriege. Heute hat man 25 Cts. pro 1000 Stich. Für 2.50 & 3.- muss man schaffen wie ein Ross, man geht fast zugrunde. Den Weberinnen sind die Löhne ein wenig erhöht worden. Man drückt die Löhne, trotz grosser Arbeit. – Die Weberinnen sind etwas enttäuscht, weil sie glaubten etwas zu bekommen, ohne der Kasse beizutreten. Die Löhne sind in der Bewähre 16 Cts. gewesen und jetzt 17 Cts. In 10 ½ Stunden Arbeitszeit 3.5 Fr. Der frühere Lohntarif wird nicht mehr gehalten. Der Fabrikant erklärte, wenn die Arbeiter mehr Lohn verlangen, so stecke er die Fabrik bei.

[…]

Ed. Ottiker

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108/1 (Tagebuch) und W 238/09.02-11 (Postkarte von Oberuzwil, erschienen bei G. Schoch, Oberuzwil)

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