Samstag, 22. Juli 1916 – Die Sekundarlehramtskandidaten besuchen Burgen und Schlösser am Rorschacherberg und baden im Alten Rhein

Bericht von der Burgenexkursion am 22. VII. 16.

1155 fuhr der Zug in St.Gallen ab. Im Eisenbahnwagen wurden die Berichterstatter gewählt. Man beschloss nämlich 2 zu wählen, einen für die Burgen und einen für das Übrige. Für das Erstere wählte man Zuppiger, für das Letztere Weinmann. Eilig gings nun an Wiesen und Feldern vorbei und bald langten wir in Goldach an. Wir marschierten nun durch das Dorf. Herr Hausknecht machte uns darauf aufmerksam, wie sich hier die Toggenburger- und Thurgauerhäuser treffen. Links an der Strasse steht nämlich ein grosser thurgauischer Fachwerkbau, daneben ein altes Toggenburgerhaus mit Butzenscheiben. Als wir aus dem Dorfe kamen, tauchte plötzlich der Bergfried des Möttelischl[osses]., halb versteckt hinter den Bäumen auf. Wir langten bald darauf vor dem Tore des Burggrabens an. Hier liegt ein sogenannter „Punteliasgranit“, der in der Eiszeit vom Tödi mitgenommen wurde. Im Schlossgarten erzählte uns Herr Hausknecht die Geschichte (näherer Berichterst. Zuppiger) Nachher marschierten wir weiter, und bald sah man nur noch den Turm, dann verschwand auch dieser, denn wir waren in einen Wald getreten. Es dauerte nicht lange, so hatten wir ihn durchkreuzt. Da bot sich ein ganz neues Bild. Unten sah man den blau-grünen Bodensee und Rorschach und am Bergabhang die weissgetünkten Mauern des St.Annaschlosses. Auf einem schmalen Fusspfade gelangten wir auf die Strasse, die nach dem Schlosse führt. Wir betrachteten es zuerst und suchten uns dann ein schönes Plätzchen aus. Auf diesem erzählte uns Herr Hausknecht wieder die Geschichte (nähere Berichterst. Zuppiger). Dann zogen wir unter fröhlichem Singen weiter. Die Lieder liessen aber noch viel zum Wünschen übrig! Etwa nach einer halben Stunde langten wir beim Schloss Wartensee an. Herr Hausknecht sagte uns, dass das Schloss keine bedeutende Geschichte habe. Es sei jetzt in privaten Händen, und darum könne man nicht hinein gehen. Auf dem Abhange desselben hielten wir eine Rast. Der, in Rucksä[c]ken mitgebrachte „Zvieri“ war bald verschlungen, und nun gings im Sturmschritt den Abhang hinunter bis nach Staad. Links und rechts sah man nicht selten kleine Wiesen, auf denen Fischernetze ausgebreitet waren. Wir näherten uns allmählich der Landzunge, auf der man nach der Rheinmündung gelangen kann. Wir konnten jedoch nicht auf dem Fusspfade gehen, denn es war alles überschwemmt. Die Maisfelder standen meistens einige Centimeter unter Wasser. Nach und nach mussten wir auf dem Damme gehen, denn links und rechts davon hatte das Wasser eine beträchtliche Höhe erreicht. Endlich kamen wir an der ersehnten Stelle an, denn der Tag war heiss, und ein kühles Bad tat einem wohl. Bald plätscherten wir in den alten Rhein hinaus. Hie und da verspürte man einen heftigen Schmerz an den Füssen, denn die Schilfstoppel wirkten nicht gerade angenehm an den Füssen. Im Rhein draussen spielten wir „Fangis“. Als wir uns genug getummelt hatten, kehrten wir wieder zurück. Wir waren aber stark mit Schlamm bespritzt, der beim herumspringen [sic] aufgewühlt wurde. Nach dem Ankleiden stand in der Wirtschaft Sirup und Brot bereit. Während des Essens schrieben wir Hedy einige Karten. Nachher machten wir einige Spiele. Guggi fiel dabei in eine grosse Pfütze, und wurde pudelnass. Natürlich wurde er tüchtig ausgelacht. Nur zu schnell rückte die Zeit vor und wir mussten schon den Rückweg antreten. In Staad wollten wir noch das Schloss Warteck [Wartegg] besichtigen. Da aber die Bahnschranken für 10 Minuten geschlossen waren, gingen wir der Seestrasse entlang. In Rorschach machten wir nochmals eine kleine Rast am Ufer des Sees und betrachteten noch den prächtigen Sonnenuntergang. Dann stiegen wir in den Zug, und fuhren unter fröhlichem Singen wieder heim.

Der Berichterstatter:

A. Weinmann IIÜ. [2. Klasse der Übungsschule]

Ernst Hausknecht2

Dr. phil. Ernst Hausknecht-Derendinger (1883-1928) unterrichtete Deutsch, Französisch und Geschichte an der Übungsschule für angehende Sekundarlehrer in St.Gallen. Die Ausflüge, die er mit den Lehramtskandidaten unternahm, waren geprägt von seinen Erfahrungen und seiner Einstellung als Präsident des Bezirksturnverbandes von St.Gallen und Umgebung sowie als Präsident des Schweizer Wandervogels (Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen) und als Initiant der Ortsgruppe St.Gallen dieser Vereinigung.

Vergleiche zu seiner Person auch die Beiträge vom 23. Februar und  20. März!

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, B 012/5.2 (Bericht) sowie ZMA 18/02.09-02 (Mötteli-Schloss zwischen Goldach und Rorschacherberg, um 1920; Foto Editione Art. Perrochet Matile, Lausanne) und B 012/8.1.24 (Porträt Ernst Hausknecht)

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