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Mittwoch, 2. August 1916 – Haushaltsbudget einer grossen Mittelstandsfamilie

Wie man es auch machen kann.

Eine Haushaltungsrechnung einer Familie des sogenannten Mittelstandes zur Kriegszeit, nämlich vom Jahre 1915.

(Eingesandt.)

Im Morgenblatt der „Ostschweiz“ vom 31. Juli 1916 ist eine Arbeit, „Eine Volksstimme zur heutigen Zeitlage“ enthalten, die unbedingt etwas genauer betrachtet werden muss. Es geschieht dies im Interesse unserer gesamten Volkswohlfahrt und auch im Interesse einer christlichen Lebensauffassung, die allein zur Gesundung unserer heutigen Zeitverhältnisse die nötige Kraft in sich enthält. Damit ist durchaus nicht gesagt, dass nicht jede Arbeit des Lohnes wert sei, oder dass man dem Mitmenschen das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein absprechen möchte. Doch darf nicht vergessen werden, dass wir heute in einer Weltfastenzeit, einer Zeit der Prüfung und der Besinnung stehen, in der aber die Grundlage zu einer höheren Lebensauffassung, zu einer wahren Wertung des Tatsächlichen gelegt werden muss, um so unser Geschlecht wieder zu heben. Grundfalsch ist wohl die Ansicht, dass das Glück des Menschen in der Erfüllung seiner Wünsche[,] und wären es auch nur angewöhnte Bequemlichkeiten und Gewohnheiten, liegt; sondern, das bekannte Wort des griechischen Weltweisen: „Wer am wenigsten bedarf, ist der Gottheit am nächsten“, ist wohl heute noch wahr, so unzeitgemäss es auch klingen mag. Waren denn etwa unsere Väter weniger glücklich, als unser heutiges Geschlecht, das teilweise nur noch für Vergnügen und Genuss zu haben und zu begeistern ist? Unsere Kultur und unsere Ansprüche an das Leben sind im Laufe der letzten Jahrzehnte derart gestiegen, dass sie weder mit den zur Zeit vorhandenen Mitteln noch mit den zum Leben tatsächlich Notwendigen im richtigen Einklang stehen. Es ist nun wohl verfehlt, wenn wir eine Besserung der Verhältnisse nur in der Erhöhung der Einnahmen und nicht auch in der Beschränkung der Ausgaben, im Zurückschrauben der ungesunden Lebensansprüche erblicken. Wie das zu verstehen ist, soll folgende Haushaltungsrechnung aus den genauen Aufzeichnungen einer Beamtenfamilie mit sieben meist schulpflichtigen Kindern stammend, zeigen. Es ist nachfolgende Aufstellung keine graue Theorie, sondern erlebte und durchlebte Wirklichkeit. Um die beiden Jahresrechnungen leichter vergleichen zu können, folge ich dem Gange genannter Aufstellung. Also:

Haushaltungsrechnung einer neunköpfigen Familie im Kriegsjahr 1915. 

Wohnungsbedürfnisse:    
Wohnung, 5 Zimmer Fr. 850.-
Beleuchtung und Heizung 305.20
Haus- und Küchengeräte 76.62
Bekleidung und Wäsche:    
Eltern und Kinder inkl. Schuhe 479.88
Steuern:    
Einkommen und Vermögen 304.-
Zeitungen und Literatur 25.-
Vereine: Sterbeverein, pol., Gesang- und Krankenpflege 26.-
Versicherungen:    
Lebensversicherungen und Krankenverein 230.-
Unüberschätzbare Ausgaben:    
Diverse Ausgaben und Geschenke, Vergnügen auch das Taschengeld des Vaters inbegriffen 145.50
Lebensbedürfnisse im Haushalt selbst:    
Brot und Mehl 396.24
Milch, Butter, Käse und Eier 736.67
Spezereien und Teigwaren, Aepfel und Kartoffeln 459.27
Fleisch, Geflügel und Fische 90.15
Getränke und Spirituosen 4.50
Betten und Wäsche, inkl. Wäscherin 107.-
Arzt und Apotheke und Pflegekosten 92.-
Jahresausgaben: Fr. 4377.38

 Auch diese Zahlen sprechen eine beredte Sprache. Nicht umsonst klagen wir eben über teure Zeiten, in denen besonders der Vater einer grossen Familie nicht auf Rosen gebettet ist. Aber, wenn wir die Zahl der Kinder in beiden Verhältnissen ins Auge fassen, so ist aus diesen Aufstellungen doch zweifellos ersichtlich, dass mit weiser Sparsamkeit und haushälterischem Sinn, allerdings gewiss nicht ohne materiellen Schaden diese Zeitschwierigkeiten überwunden werden können. Man darf eben nicht vergessen, dass mancher Mann des Mittelstandes kaum mit einem Einkommen von genannter Höhe von Fr. 2800 rechnen kann, und dass heute manche Betriebe und Geschäfte mit Defizit arbeiten. Wenn man nun in diesen schwierigen Zeiten auch auf Vergnügen im landläufigen Sinne verzichten oder auch Ferien im stillen häuslichen Kreise machen muss, so ist das noch lange kein Unglück. Ziehen wir in diesem Punkte wieder das herrliche Buch von Bischof Keppler „Mehr Freude“ zu Rate und es blühen uns in der schlichten Einfachheit des häuslichen Lebens und auch in der wundervollen Natur unserer so herrlichen Gegend mit den schönen Spaziergängen, deren Ziel nicht immer eine Wirtschaft zu sein braucht, die reinsten und edelsten Freuden. Wir sind eben auch in dieser Hinsicht von den wahren Quellen und üppigen Tristen [sic] edelsten Frohsinns abgekommen, um unsern Drang nach Freude an trüben oder doch so spärlich fliessenden Wassern zu stillen. Ein Blick auf unsere halberwachsene Jugend genügt, um dies zu beweisen. Obige Zahlen dieser Aufstellung zeigen aber auch, dass es ein staatserhaltender Gedanke ist, wenn man mit allen Mitteln und Kräften dafür sorgt, dass heute mehr als in jeder andern Zeit, jeglicher Wucher auf dem Gebiete der Volksernährung wie auch auf wirtschaftlichem Gebiete, unmöglich gemacht wird. Wenn sich heute noch Arbeitgeber und Finanzinstitute auf Kosten des Mitelstandes und der Arbeiterschaft bereichern, ihre Reserven stärken und gegen unverschuldete Not keine Rücksicht kennen, dann richten sich diese Kreise selbst und die Nemesis wird, wie in allem was irdisch ist und auch die Geschichte beweist, nicht ausbleiben. Da gibt es für unsere Regierungen und Räte Volkskraft zu schützen und zwar mit allen gesetzlichen Mitteln und der Zeit entsprechenden Vollmachten.

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Das im Artikel erwähnte, am 31. Juli publizierte Haushaltsbudget betraf eine dreiköpfige Arbeiterfamilie (zwei Erwachsene, ein Kind). Diese Familie hatte ein Jahreseinkommen von Fr. 2800. Dem standen Ausgaben von Fr. 3223.40 gegenüber.

Aufgelistet sind im Artikel u.a. folgende Ausgaben: Pro Woche konsumierte diese kleine Familie 9 kg Brot, 14 l Milch, ½ Pfund Butter und Fett sowie am Samstag abend eine Flasche Bier. Dazu kam pro Monat ½ kg Kaffee. Der Jahresbedarf an Kartoffeln und Äpfeln ist mit je 200 kg ausgewiesen. Zum Thema Fleisch und Wurstwaren heisst es: Fleisch, Sonntag mittag Fr. 2.25, abends Rest vom Mittag und Zuschuss von 60 Rp., Montag fleischlos, Dienstag Fleisch Fr. 1.60, Mittwoch fleischlos, Donnerstag Fleisch Fr. 1.20, Freitag fleischlos, Samstag Wurstwaren Fr. 1.20, für Fleisch in der Woche Fr. 6.85 oder im Jahr Fr. 356.20.

Der Vater erhielt ein wöchentliches Taschengeld von Fr. 2.50: […] daraus hat er zu bestreiten zweimal Rasieren, Haarschneiden, Konsumation bei Versammlungen, Sitzungen, Zigarren, Tabak, ebenso inbegriffen sind in diesem Sackgeld allfällige Auslagen an Sonntagsspaziergängen mit Frau und Kind […].

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 907 (Die Ostschweiz, Nr. 178, 02.08.1916, Morgenblatt, Text) und P 913 (Rorschacher Zeitung, 22.07.1916, Nr. 169, Anzeige für Konservengläser)

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