Mörschwil, Dorfpartie um 1912

Freitag, 8. September 1916 – Sieben Wochen Halsring mit Hörnli und karges Vesperbrot: Zustände im Armenhaus Mörschwil

In ihrer Sitzung vom 8. September 1916 befasste sich der Regierungsrat u.a. mit der Beschwerde eines Armenhausinsassen der Gemeinde Mörschwil (Nr. 2070): Am 18. Juli 1916 erschien der seit Jahren in seiner heimatlichen Armenanstalt Mörschwil versorgte ledige Anton August Hanimann, Knecht, geboren 1854, beim referierenden Departement [des Innern], sich darüber beschwerend, dass er nun schon zirka 7 Wochen beständig, d.h. Tag und Nacht, den sogenannten Halsring mit Hörnli tragen müsse, und zwar auf Anordnung des dortigen Armenpflegers, […] der ihm das besagte Instrument nach seiner polizeilichen Einlieferung in die Armenanstalt – Hanimann war einige Zeit vorher aus der genannten Anstalt entwichen – angelegt und den zum Oeffnen desselben benötigten Schlüssel mit der Bemerkung zu sich genommen habe, es werde ihm das „Geschirr“ nach dem Heuet abgenommen werden.

Aus dem vom Departement mit dem Rubrikaten aufgenommenen Einvernehmsprotokoll ist zu entnehmen, dass Hanimann als der einzige geeignete Insasse der Armenanstalt das Anstaltsvieh, wie überhaupt die landwirtschaftlichen Arbeiten der Armenanstalt zu besorgen hat, dass er sich über das karge Vesperbrot während der Heuzeit, das nur in Most und Brot, ohne die übliche Zulage von Käse oder etwas anderem bestanden habe, beklagt, dass an seinem an den Armenpfleger gestellten öfteren Ansuchen um Befreiung von dem Halsring nicht entsprochen worden sei, und dass ihm niemals ein nur kleines Trinkgeld für ein Sonntagsvergnügen verabfolgt werde, im Falle der Gewährung eines solchen käme ihm das Entlaufen aus der Anstalt nicht in den Sinn.

Das referierende Departement verfügte die sofortige Befreiung des Hanimann vom Halsring durch den zur Stelle herbeigerufenen Armenpfleger.

Beim Halsring mit Hörnli könnte es sich um das auch „Elefantenrüssel“ genannte Züchtigungsinstrument gehandelt haben, wie es im Forschungsbericht von Sibylle Knecht „Zwangsversorgungen. Administrative Anstaltseinweisungen im Kanton St.Gallen 1872-1971“ auf Seite 98 beschrieben ist:

http://www.staatsarchiv.sg.ch/home/forschungsprojekt/_jcr_content/Par/downloadlist_0/DownloadListPar/download_0.ocFile/Staatsarchiv_Forschungsbericht.pdf

Welche Version der Armenpfleger zu dieser Geschichte zu erzählen hatte und alle übrigen Traktanden, mit denen der Regierungsrat an diesem Tag konfrontiert war, sind im folgenden nachzulesen:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und W 238/02.04-12 (Ansichtskarte, Strassenpartie in Mörschwil um 1912, Edition Photoglob Co. Zürich, No. 4283)

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