Sonntag, 10. September 1916 – „Die Arbeiterschaft will nicht Unterstützungen, sondern eben Arbeit, Verdienst.“

Ostschweizerische Delegiertenversammlung       

Casino – St. Gallen. 10. September 1916.

Christlich-soziales Kartell Rorschach

Leofeier, abends 4 Uhr im Kasino Rorschach.

Ich halte ein Referat über aktuelle Tagesfragen.

Vikar Frick referiert über die Enzyklika Rerum Novarum.

Im Tagebuch eingeklebt ist ein Zeitungsartikel zur Delegiertenversammlung der Christlich-Sozialen Partei im Casino in St.Gallen, den Scherrer erwähnt:

Notstandstagung der ostschweizer. Christlich-Sozialen.

St.Gallen, 1. September

-sk. Im „Casino“ in St.Gallen tagten heute unter Vorsitz von Kantonsrat und Arbeitersekretär Scherrer-St.Fiden die Delegierten der ostschweizerischen christlich-sozialen Arbeiterorganisationen 108 Personen stark zur Besprechung der gegenwärtig drohenden Notlage der Arbeiterschaft und der Massnahmen zur wirksamen Bekämpfung der Teuerung. Die 108 Delegierten vertragen 11,500 organisierte Arbeiter und Arbeiterinnen.

Kantonsrat Scherrer referierte über die gegenwärtige Teuerungs- und Notstandslage und der durch diese bedingten Massnahmen. Der Referent wies einleitend auf die immer schwieriger sich gestaltenden Verhältnisse unserer Import- und Exportverhältnisse hin und die sich dadurch ergebenden Schwierigkeiten für den Arbeiter; eine steigende Erwerbsunsicherheit, zunehmende Arbeitslosigkeit, grosse Verdienstausfälle sind die für das arbeitende Volk sich ergebenden fatalen Folgen der schlechten Industrielage, besonders in der ostschweizerischen Stickereiindustrie. Aber nicht nur der Ausfall an Lohneinnahmen verschlechtert die Existenzverhältnisse der untern Klassen, sondern äusserst drückend wirkt vor allem die stets noch steigende Teuerung. In vielen Arbeiterfamilien sind die Verhältnisse unhaltbar geworden, eine eingetretene Unterernährung in weiten Kreisen kann nicht bestritten werden. Anerkennend wurde hervorgehoben, dass man der Bundesbehörde und den Regierungen für die zur Sicherung der Verproviantierung unseres Landes getroffenen Massnahmen volles Vertrauen entgegenbringe und gewisse sich den Behörden entgegenstellende Hindernisse auch in der Arbeiterschaft nicht übersehen werden. Dagegen hätte ein hin und wieder früheres und energischeres Eingreifen das Volk noch vor manchen andern Schädigungen und Ausbeutungen durch gewissenlose Spekulanten bewahrt. Dringend muss aber verlangt werden, dass die vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen, Höchstpreise u. dgl. auch glatt zur Durchführung kommen und die heute en gros betriebenen Umgehungen derselben durch die kantonalen und kommunalen Behörden energisch und sofort geahndet und bestraft werden. Es sind hier schreiende Missverhältnisse zu konstatieren, die nicht vorkommen würden, wenn besonders alle kommunalen Behörden ihre Pflicht erfüllen würden. Der Referent postulierte mit vollem Recht eine schärfere und durchgreifende Kontrolle der Höchstpreise, Kontrolle der Märkte usf. Um die Verproviantierung des Volkes für den nächsten Winter sicherzustellen, wurde für das ganze Land die Bestandesaufnahme der Lebensmittel verlangt. Ebenso wurde die sofortige Festsetzung von Höchstpreisen für das Obst, wie der Erlass eines Ausfuhrverbots dringend verlangt. Das Obst soll, da besonders die Aepfel eine normale Ernte haben, dem eigenen Volke zu einem anständigen, käuflichen Preise erhalten bleiben. Dem Obstdörren muss besonders infolge des eintretenden Mangels an Kartoffeln besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Für die Lebensmittel soll auch der Verkaufszwang eingeführt werden, da Höchstpreise praktisch nur so lange Wert haben, als genügend Waren vorhanden sind. Die Ausfuhr von Schlachtvieh muss verhindert werden. Gemeinden, Genossenschaften und Privathandel sollen bei Fürsorgeaktionen für die ärmsten Klassen Lebensmittel zum Selbstkostenpreise abgeben. Die Unkosten sind durch die Gemeinden zu tragen.

Im weiteren wurde der entschiedenen, gewerkschaftlichen Aktion gerufen. Besonders soll die Arbeiterschaft den Arbeitslosenkassen grösste Aufmerksamkeit entgegenbringen. Mit Ungeduld erwartet man einmal bestimmten Aufschluss über die längst in Szene gesetzte Notstandsfondsaktion der Stickereiindustriellen. Nach wir vor ist der Arbeitsbeschaffung für die Arbeitslosen dringende Beachtung zu schenken. Die Arbeiterschaft will nicht Unterstützungen, sondern eben Arbeit, Verdienst. Die eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Behörden sollen planierte [geplante] Bauten, Strassen, Bachverbauungen, Bodenverbesserungen jetzt durchführen. Der Arbeit steht dann eine effektive Gegenleistung gegenüber, was bei blossen Unterstützungen nicht der Fall ist. Die Vereine werden angehalten, an jedem Orte eine eigene lokale Notstandskommission zu bilden, der der Referent eine Reihe höchst aktueller und wichtiger Aufgaben zuwies. Wir nennen: Kontrolle der Lebensmittelpreise, monatliche Preisstatistik, Fürsorge für bedürftige Mitglieder und unorganisierte Arbeiter, Schaffung einer kommunalen Beratungsstelle, Strafanzeige bei Höchstpreisübertretungen, regelmässige Berichterstattung über Betriebseinstellungen, Lohn- und Arbeitsverhältnisse, Fürsorgetätigkeit an die zentrale Notstandskommission. –

Schliesslich wurde auch die Bedeutung des Anbaues von Pflanzland für den Arbeiter hervorgehoben. Die Gemeinden sollten Pflanzland den unbemittelten Leuten unentgeltlich überlassen, Samen und Setzlinge zum Selbstkostenpreise überlassen, der Staats sollte auch dem Arbeiter, sofern er nicht Gratisland bebauen kann, eine angemessene Anbauprämie geben. Die Vereine sollen über den Gartenbau aufklärende und schulende Vorträge halten. – Den Hypothekarverhältnissen, die heute besonders drückend wirken für die kleinen Leute, soll ebenfalls vermehrte Aufmerksamkeit zugewendet werden. Rigoroses Vorgehen der Bankinstitute soll dem zentralen Notstandskomitee gemeldet werden, damit die geeigneten Schritte unternommen werden können.

Schliesslich werden die Vereine aufgefordert, während der kommenden Winterszeit nicht müssig zu bleiben, sondern alles einzusetzen, um Not zu lindern und zu verhüten. Wir wollen auf dem Boden der Gesetzlichkeit, des bestehenden Rechts und der bestehenden Ordnung die Interessen des arbeitenden Volkes mit aller Entschiedenheit vertreten und wahren. Wir hoffen dabei aber zum allermindesten eine Unterstützung und Berücksichtigung seitens der Bundes- und kantonalen Regierungen, wie die antinationale, radikale und revolutionäre Sozialdemokratie. Gegen die im „System“ liegende Zurücksetzung der christlich-nationalen Arbeiterschaft ist der laute und nachdrückliche Protest heute doppelt notwendig.

Die lebhaft einsetzende Diskussion, die die Ausführungen des Referenten übereinstimmend und energisch unterstützte, wurde benützt von Gemeinderat Braun, Verbandspräsident der Genossenschaften Konkordia, Kantonsrat Dr. Duft, Sekundarlehrer Pfister, Vikar Kissling, Schönenberger, Sticker, Hutter-Gschwend, Commis, Kantonsrat Bruggmann, Frl. Braun, Schwizer, Sticker, Täschler, Verwalter Eisele, Kantonsrat Klaus u.a.

Die Versammlung nahm hierauf einstimmig eine von Kantonsrat Brielmaier gestellte Resolution an, die den vom Referenten aufgestellten Postulaten zustimmt und das ostschweizerische Komitee beauftragt, die notwendigen Schritte zur Bekämpfung des Wuchers und der Lebensmittelspekulation bei den eidgenössischen und kantonalen Regierungen unverzüglich zu unternehmen und für die Durchführung der Postulate rastlos tätig zu sein.

Das bestehende ostschweizerische Komitee der christlich-sozialen Arbeiterverbände wurde mit Kantonsrat Scherrer an der Spitze einstimmig bestätigt.

Die Christlichsozialen drei Jahre später (Oktober 1919) an der Feier im Casino St.Gallen anlässlich der Nationalratswahlen. Von links nach rechts: Gewerkschaftssekretär Gustav Helfenberger, Albert Rütsche, Dr. Max Rohr, ein Kollege aus Bruggen, Joh. Müller, Dr. Johannes Duft, Josef Bruggmann, Josef Scherrer, Lehrer J. Seitz, Bankdirektor John Merten, Zeughausarbeiter Josef Odermatt, Baumberger (?), Zugführer Bischof, Conducteur Mösle

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108 (Tagebucheintrag) und P 907 (Die Ostschweiz, 43. Jg., Nr. 211 vom 11.09.1916, Abendblatt) sowie W 268/05.01 (Foto der Wahlfeier)

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