Dienstag, 19. September 1916 – Diskussionen in der kantonalen Lebensmittelkommission

Tagebucheintrag von Josef Scherrer-Brisig (1891-1965), Sekretär des Schweizerischen Christlichen Textilarbeiterverbands (1910-1916), später Kantonsrat und Nationalrat sowie Mitbegründer der Christlichsozialen Bewegung. Neu ist Scherrer auch Mitglied der kantonalen Lebensmittelkommission:

Kantonale Lebensmittelkommission nachmittags 3 Uhr im Regierungsgebäude St. Gallen.

Kartoffelversorgung. Höchstpreise Produzenten, Wiederverkäufer, für en gros & mi-gros festgesetzt worden.

Es ist eine Zentralstelle für die Kartoffelversorgung geschaffen worden, der ausschliesslich der Import übertragen worden ist. Es besteht Aussicht im Oktober und November Kartoffeln zu bekommen. Höchstpreise! Die Konto haben nicht mehr so grosse Latitude im Festsetzen der Höchstpreise, nur noch 2 Cts. höher und niedriger als der Höchstpreis.

a. Produzenten                        17 Fr.

b. Wiederverkäufer                 18.-

c. Produzenten direkte Abgeber ab Hof    18.-.

d. Mehr als 50 kg                 20 Cts.

e. Weniger als 50 kg             22 Cts.

f. Detailhandel                     23 Cts.

Koch regt an, mit den Kantonen Thurgau & Appenzell eine Vereinbarung zu treffen, dass die Preise überall gleich hoch zu stehen kommen, da sonst die Kartoffeln wieder abwandern. Dr. Baumgartner bemerkt, er habe mit Eugster Regierungsrat gesprochen, der bemerkte, dass Appenzell Ausserrhoden 12 Cts. mehr wieder machen werde.

Dr. Nägeli. Man soll von einem Zuschlag unter allen Umständen zuwarten. Die Hauptsache ist, dass der Preis für die Produzenten überall ein gleicher ist. Nur muss eine gute Kontrolle der Behörden einsetzen. Für St.Gallen wird die Sache in nächster Zeit besser werden. Private Händler haben auch Kartoffeln von Italien auch hiernach gebracht.

Dr. Engensperger. Die Hauptsache ist, dass die Preise von Produzenten eingehalten werden und dass die Behörde die Märkte richtig kontrolliert. Das Rheintal wird aber bei diesen Preisen kaum Kartoffeln für grössere Gemeinden abgeben.

Maron. Dem Import ist die grösste Aufmerksamkeit zu schenken. Nebst Italien wird auch Deutschland Kartoffeln ausführen. Für die städtische Lebensmittelfürsorge erwartet diese Woche 900 Dutzend [?]. Die Preise sollen nicht erhöht werden. Die Versorgung wird durch den Import erfolgen müssen. Der Versorgung hängt auch vom Wetter ab. Man soll auch Reserven anlegen, auch der Kanton, nicht nur die Gemeinden.

Gabathuler. Den Höchstpreis nicht erhöhen. 17.- franko Verladung ist genügend. Bekommen wir die Kartoffeln so, so brauchen wir keine Erhöhung. Die Einkaufsorganisation muss sofort geschaffen werden, sonst fliessen alle Kartoffeln wieder nach Zürich. Der landwirtschaftliche Genossenschaftsverband kann die Konzession für den Einkauf verlangen und wer Kartoffeln will, kann sich an den Verband wenden. Man könnte so auch den Zwischenhandel ausschalten. Der Höchstpreis soll weder erhöht noch erniedrigt werden. Die Versorgung soll für kein Gebiet frei gegeben werden.

Dr. Engensperger. Wenn Lebensmittelkommissionen die Konzessionen wollen, so soll das kantonale Volkswirtschaftsdepartement solche Gesuche empfehlen. Die Gemeinden und Fürsorgekommissionen sollen ersucht [werden,] Einkäufe machen [zu] können. Man soll die Frage studieren, ob nicht der Kanton auch ein Lager anlegen sollte.

Dr. Baumgartner. Der Kanton soll für die kleineren Gemeinden Kartoffeln anschaffen. Die grossen Gemeinden wären dabei auszunehmen.

Dr. Ambühl. Für das Toggenburg und das Fürstenland muss gesorgt werden.

Koch. Die Regierung des Kantons Thurgau hat eine Umfrage an alle Gemeinden gestellt, wieviele Kartoffeln sie brauchen. Wir könnten das auch machen.

Maron. Eine Organisation muss geschaffen werden. Der kantonale Genossenschaftsverband soll die Sache an die Hand nehmen.

Dr. Nägeli befürchtet, dass die Händler sich nun rasch auf die Jagd machen und Kartoffeln einkaufen. Da ist eine richtige Verteilung erschwert.

Gabathuler. Die Ernte wird in 3 Wochen ziemlich beendigt sein. An die Gemeinden soll ein Zirkular gerichtet werden, dass sie über den Sachverhalt orientiert werden. Die Gemeinden sollen angehalten werden, Fürsorgekommissionen zu bestellen und Kartoffeln selbst aufzukaufen. Ebenso sollen die Gemeinden aufgeben, was sie eventuell benötigen. Der kantonale Genossenschaftsverband soll als Zentralstelle bestellt werden. Es soll aber speziell auch für die Bedürftigen gesorgt werden. Der Genossenschaftsverband soll also [für] alles aufkommen. Obstversorgung. Es sind noch keine Höchstpreise festgesetzt worden. Es sind nur Normalpreise.

Süsse frühe Mostäpfel 100 kg 7–8.-

saure                        ‘‘   9–10.-

Kochobst                  ‘‘   14–15.-

Tafeläpfel                  ‘‘  16–18.-

Produzentenpreise, franko Station.

Weniger bemittelte Kreise können versorgt werden, indem Subventionen vom Bund gewährt werden können.

Dr. Nägeli. Die Preise werden kaum eingehalten werden.

Milchversorgung. Eine Erhöhung der Konsummilch tritt im Allgemeinen nicht ein. Dagegen für die Stadt St. Gallen wird der Milchpreis auf 27 Cts. steigen. Die übrigen Milchpreise werden 26 Cts. bleiben.

Fleischversorgung. Es ist ein viel zu grosser Überschuss von Vieh da, etwas muss ausgeführt werden.

Weitere Frage, wie soll der Kanton & die Gemeinde die Lebensmittelversorgung an die Hand nehmen?

Koch regt die Schaffung von Fürsorgekommissionen an, jede Gemeinde soll gezwungen werden, eine solche Kommission zu schaffen.

Dr. Engensperger will möglichst kleine Kommissionen schaffen. Die Fürsorgekommission soll von der Notstandskommission getrennt werden. Der Zwischenhandel soll möglichst ausgeschaltet werden. Zucker sind viele Wagenladungen in den Kanton St. Gallen abgerollt. Die Monopolartikel können durch die Gemeinden nicht bezogen und gehandelt werden, nur für Unbemittelte können die Gemeinden Bezüge machen. Sorge für die Unbemittelten. Keine bestimmten Grenzen für den Bezug feststellen, Abgabe ausschreiben an die Unbemittelten. Die Bedürftigen sollen nicht besonders festgestellt werden, sonst kommen die Leute nicht. Der Kanton soll die Differenz zwischen Selbstkosten und Verkaufspreis zur Hälfte übernehmen.

Vorschlag Dr. Nägeli. Eine Schablonisierung soll nach dieser Richtung nicht erfolgen. Jedoch soll der Staat eine Subvention den Gemeinden geben. Regierungsrat Ruckstuhl will an die Staats-Subventionen bestimmte Bedingungen stellen, vor allem eine Organisation, damit nur Bedürftige berücksichtigt werden können. Suppenanstalten mitbeziehen.

Maron. Die Eierpreise sollten reguliert werden.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108/1 (Tagebuch Scherrer), ZOA 002/07 (Obst- und Kartoffelhandlung von Joh. Buschor in Altstätten um 1910, fotografiert vom Architekten Karl Scherrer)

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