Regierungsratsbeschluss 2186

Samstag, 23. September 1916 – Beschwerde: Waisenamt untergrabe väterliche Autorität

Robert Scheitlin aus St.Gallen wehrte sich gegen das Waisenamt Tablat, das die Versorgung zweier seiner Kinder in der städtischen Waisenanstalt beschlossen hatte. Im Regierungsratsprotokoll lässt sich die Begründung nachlesen (Nr. 2186): Es werde mit aller Entschiedenheit bestritten, dass die bezeichneten zwei Kinder verwahrlost oder in ihrem geistigen und leiblichen Wohle dauernd gefährdet seien. Die waisenamtliche Verfügung stütze sich speziell auf einen Polizeirapport; ein eigentlicher Untersuch über die Erziehung der Kinder sei nicht angeordnet worden. Ein einziges Vorkommnis habe zu der waisenamtlichen Massnahme Anlass gegeben. Es seien nämlich in jüngster Zeit dem Vater Scheitlin durch seine Kinder Waren (wie Kupfer und dergleichen) entwendet worden. Als Vater Scheitlin hievon erfuhr, habe er der Polizei Anzeige gemacht. Durch den polizeilichen Untersuch habe es sich herausgestellt, dass die genannten zwei Kinder die dem Vater gehörende Ware anderweitig verkauft hatten. Nach einer nötigen Züchtigung durch dne Vater seien die Kinder zu Hause entlaufen, um im Waisenhaus ohne weiteres Aufnahme zu finden. Rekurrent sei ein solider arbeitsamer Mann, der sich noch nicht das Geringste habe zuschulden kommen lassen. Selbst wenn er nach dem Tode seiner Ehefrau in der Kindererziehung Fehler begangen haben sollte, so sei diese noch keineswegs ein hinreichender  Grund zu einer Verfügung nach Art. 284 Zivilgesetzbuch. Massnahmen gemäss diesem Artikel würden eine direkte Verwahrlosung und dauernde Gefährdung des leiblichen und geistigen Wohles der Kinder zur Voraussetzung haben. Am 5. August abhin habe sich Scheitlin mit Fräulein Lydia Beerli verehelicht, welche alle Gewähr für eine richtige Kindererziehung biete. […] Durch das Auftreten des Waisenamtes Tablat gegen den Vater zu Gunsten der Kinder sei die väterliche Autorität untergraben worden. Die Replik des Waisenamtes und die Erwägungen der Regierung in diesem Fall sowie alle übrigen Beschlüsse der Regierung finden sich hier:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916

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