Donnerstag, 28. September 1916 – Die Gewerkschaften auf Mitgliederwerbung

Jakob Jäger wurde am 25. Januar 1874 in Stein am Rhein (SH) geboren. Er machte eine Lehre als Zimmermann und zog 1900 nach St.Gallen, wo er gewerkschaftlich aktiv wurde. Von 1903 bis 1910 war er Präsident des Zentralverbandes der Zimmerleute der Schweiz. Sein Nachlass kam als Teil des Unia-Gewerkschaftsarchivs ins Staatsarchiv St.Gallen.

Im folgenden Schreiben geht es um die Mitgliederwerbung für die Gewerkschaften:

Zentralverband der Zimmerleute der Schweiz.

An die Sektionsvorstände!

Werte Kameraden! Wie s bisher fast in jeder Nummer unseres Berufsorgans betont und auch jedenfalls von den Delegierten der letzten Generalversammlung noch besser erläutert worden ist, müssen wir es als dringendste Pflicht betrachten, das Tätigkeitsfeld unseres Verbandes wieder zu erweitern und die Zahl der Mitglieder zu heben.

Unsere Lebenshaltung ist bereits soweit heruntergedrückt, dass eine weitere Verschlechterung nicht mehr erträglich ist. Würde eine solche eintreten, so kommen unsere Berufskollegen in die Gruppe jener Proleten, die den letzten Rest von Energie verloren haben und sich aus eigener Kraft nicht mehr auf ein höheres Kulturniveau schwingen können.

Das müssen wir um jeden Preis verhindern. Und wir können es verhindern, wenn wir ein reges Organisationsleben entfalten. Ueberall, wo nur die geringste Aussicht ist, eine Lohnerhöhung zu erhalten, sollten die Mitglieder aufgefordert werden, eine solche zu erlangen. Die Organisationsidee muss mehr in die praktische Tat umgesetzt werden. Das imponiert auch am ersten die unorganisierten Berufskollegen, die zu gewinnen wir keine Opfer und Mühe scheuen dürfen.

In der letzten Vorstandssitzung haben wir uns mit der Frage befasst, wie wir die Agitation beleben und die Sektionen am besten unterstützen können. Nach Erwägung aller Umstände haben wir gefunden, dass am ersten Erfolge zu erwarten sind, wenn wir die Agitation möglichst in der Stille, aber um so energischer betreiben. Wir denken uns die Sache so:

Die Sektionen sammeln in den nächsten Tagen die Adressen der unorganisierten Zimmerleute und schicken uns dann dieses Material zu. Dabei teilen sie uns mit, wann und wo die nächste Versammlung ist und unter welchen Bedingungen sie bereit sind, die in Frage kommenden unorganisierten Kameraden wieder aufzunehmen. Wir werden dann, gestützt auf diese Angaben, für jede Sektion ein besonderes Einladungsschreiben machen und dieses mit noch anderem Agitationsmaterial an die Unorganisierten senden.

Wo Aussicht vorhanden wäre, einige oder eine Anzahl der Unorganisierten in die Versammlung zu bringen, oder wo eventuell auch die Mitglieder einmal wieder Lust haben, ein Referat über unsere beruflichen und wirtschaftlichen Verhältnisse anzuhören, sind wir gerne bereit, einen Referenten aus unserem Berufskreise für die geplante Versammlung zustellen [sic]. Wo dieses hingegen nicht gewünscht wird, sollte die Einladung doch stattfinden. Kommen einige der Eingeladenen, so wird es überall fähige Mitglieder geben, die den Leuten den Kopf waschen und ihnen die Notwendigkeit der Organisation erklären können. Im anderen Falle wird aber Arbeit und Porto auch nicht unnütz sein, da die Unorganisierten doch einmal wieder an ihre Pflichten gegenüber ihren Nebenarbeitern erinnert worden sind.

Wir sind bereits in dieser Weise vorgegangen und haben ganz erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. Dabei ist natürlich nicht gesagt, dass die Sektionen nicht noch mehr leisten müssen. Die beste Agitation ist und bleibt die mündliche auf den Arbeitsplätzen und in der Wohnung. Die Hausagitation wird aber sicher bedeutend mehr Erfolg haben, wenn sie in dieser Weise vorbereitet worden ist. Auch die Hausagitatoren werden sich eher finden, wenn sie so quasi nur nachsehen müssen, wie unser Agitationsstoff aufgenommen worden ist.

Wir erwarten also, dass die Frage in der nächsten Versammlung ernstlich behandelt wird und in der Hoffnung, recht bald Aufträge und Material zu erhalten, zeichnet

mit kameradschaftlichem Gruss

Der Zentralvorstand.

Basel, den 28. Sept. 1916.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 240/1.3-10 (Korrespondenz im Nachlass von Jakob Jäger (1874-1959)) und A 151/4.3-34-07-42 (Bau der Thurbrücke zwischen Brandholz und Giselbach in der (heutigen) Gemeinde Ebnat-Kappel, 1913)

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