Donnerstag, 5. Oktober 1916 – Die Arbeiter gehen nicht zum Coiffeur, dieser macht Verluste und erhöht die Preise

Jakob Jäger wurde am 25.01.1874 in Stein am Rhein (SH) geboren. Er machte eine Lehre als Zimmermann und zog 1900 nach St.Gallen, wo er gewerkschaftlich aktiv wurde. Von 1903 bis 1910 war er Präsident des Zentralverbandes der Zimmerleute der Schweiz. Sein Nachlass kam als Teil des Unia-Gewerkschaftsarchivs ins Staatsarchiv St.Gallen.

Im folgenden Schreiben geht es um das Coiffeurgewerbe. In St.Gallen existierte in der Brühlgasse eine Coiffeur-Gewerkschaft, die von den Arbeitern frequentiert werden sollte. Da in Arbeiterhaushalten das Geld in Kriegszeiten knapp war und die Arbeiter teilweise wegen Dienstverpflichtungen abwesend waren, beklagten die Coiffeure eine Frequenzeinbusse:

St.Gallen, den 5.X.16

Werte Genossen!

Der Verwaltungsrat der Coiffeur-Gewerkschaft Brühlgasse 39 hat in seiner Sitzung vom 27.IX. beschlossen ab Montag, den 2. Oktober den Tarif II in Anwendung zu bringen. Maassgebend [sic] war in erster Linie die Steigerung der Materialpreise für den Service um 50 bis 100%. Zweitens muss in Folge der bestehenden Teuerung eine höhere Löhnung der Angestellten eintreten. Und drittens wird das Geschäft seitens der Genossen noch immer nicht in der Anzahl besucht, welche notwendig ist, damit das Unternehmen für die Dauer gehalten werden kann.

Seit der Zeit des Krieges arbeiten wir mit einer Unterbilanz. Diese muss unbedingt wieder gehoben werden, was nur geschehen kann durch zeitgemässe Regulierung der Bedienungspreise u. bessere Frequentierung durch unsere Genossen[.] Würden diese mehr vom Genossenschaftswesen durchdrungen sein, so hätten die Unterzeichneten nicht immer und immer wieder Veranlassung mit einem Appel [sic] für die Genossenschaften an die Genossen heranzutreten.

Wenn diese überhaupt eine Ahnung davon hätten, wie geringschätzig sie von den Coiffeur-Meistern, deren Geschäfte sie ihrem eigenen vorzuziehen belieben, taxiert werden, namentlich in Zeiten von Streiks etc und welch heftige Gegner die Coiffeurmeister der Arbeitergenossenschaft gegenüber sind[,] so sind wir der Ueberzeugung, dass die Genossen ihre Genossenschaft nicht so in Stücke [im Stiche] lassen würden.

Alles das in Erwägung gezogen wird Euch, Genossen, veranlassen, dem Preisaufschlag keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen und Eure Genossenschaft nach wie vor fleissig in Anspruch zu nehmen.

Mit Genossengruss zeichnet

per [Stempel] Coiffeur-Genossenschaft St.Gallen

(sig) Emil Schweizer, Kassier (sig) Jakob Staudenmeier, Präsident

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 240/1.3-10 (Korrespondenz im Nachlass von Jakob Jäger (1874-1959))

hinterlasse einen Kommentar