Adressbuch

Freitag, 27. Oktober 1916 – „eine Animierwirtschaft schlimmster Sorte“: Prostitution in der Stadt St.Gallen

Unter dem Titel Jacob Kocera in St.Gallen; Entzug des Wirtschaftspatentes beriet der Regierungsrat folgenden Sachverhalt (Nr. 2452): Der Stadtrat und das Bezirksamt von St.Gallen beantragten, dem Wirt zum Gasthaus Blume an der Schmidgasse 11 das Wirtschaftspatent zu entziehen. Sie begründeten das Begehren: Der Patentinhaber sei seit Kriegsausbruch im Kriegsdienste. Die Wirtschaftsführung habe seit dieser Zeit in den Händen der Ehefrau, Anna Kocera, geborene Windele, gelegen. Schon zur Zeit, da Kocera das Gasthaus selber führte, seien Klagen über die Wirtschaftsführung eingegangen, die Eheleute wegen Kuppelei in Strafuntersuchung gezogen und zu den Kosten von Fr. 27.20 verurteilt worden. Seit Abwesenheit des Ehemannes lasse die Wirtschaftsführung noch mehr zu wünschen übrig. Wegen Überwirtens und schlechter Führung des Fremdenbuches sei die Wirtin des öftern bestraft worden; von einer klaglosen Wirtschaftsführung könne nicht mehr gesprochen werden. Aus einer jüngst geführten Untersuchung gehe hervor, dass der Trunksucht in skandalöser Weise Vorschub geleistet werde. Die Kellnerinnen hätten gelegentlich bis 10 Eierkirsch trinken müssen; auch die Wirtin gebe zu, 6 bis 7 Schnäpse hintereinander getrunken zu haben. Die Herren hätten reichlich Flaschenwein bezahlt, wobei die Kellnerinnen tüchtig mittrinken mussten; dabei sei den Gästen die Möglichkeit eines nachfolgenden Geschlechtsverkehrs in Aussicht gestellt worden. Die Wirtschaftsführung in der „Blume“ müsse eine skandalöse genannt werden; es sei eine Animierwirtschaft schlimmster Sorte, […]. 

Wie der Regierungsrat in obiger Sache entschied und womit er sich sonst noch befasste, lässt sich hier nachlesen:

 

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und P 770 (Offizielles Adressbuch von Gross-St.Gallen 1916, S. 173, Beitragsbild)

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