Niederbueren

Samstag, 25. November 1916 – Pflichtvergessene Mütter und Väter

Vier Regierungsräte trafen sich zu einer Samstagssitzung. Die Herren Hauser, Mächler und Scherrer waren entschuldigt. Die Verbliebenen befassten sich unter anderem mit zwei Familien, für welche die Armenbehörden Massnahmen beschlossen hatten. Im ersten Fall (Nr. 2702) ging es um eine Frau, die ausserehelich Zwillinge geboren hatte, […] welche Kinder sozusagen seit der Geburt auf Kosten der heimatlichen Armenbehörde versorgt werden müssen. Vom Vater dieser Kinder ist nichts erhältlich, da derselbe selbst noch 5 Kinder zu verhalten hat und vermögenslos ist. Der Ortsverwaltungsrat Niederbüren verpflichtete die erwerbstätige Mutter zu einer monatlichen Unterhaltszahlung, was letztere aber ignorierte. Nachdem nun die Heimatgemeinde für die Versorgung dieser beiden Kinder vom Januar 1915 bis heute rund Fr. 1000.- bezahlt, ohne von der pflichtvergessenen Mutter auch nur einen Rappen hieran zu erhalten, hat die Armenbehörde im Sinne von Art.30 des Gesetzes über das Armenwesen beschlossen, die mehrgenannte, zurzeit in Zürich wohnhafte Frau Laura Deucher, geschiedene Grütter, die sich keineswegs um ihre Kinder kümmert und alle Mittel anzuwenden versucht, um der auferlegten Beitragspflicht auszuweichen, in die heimatliche Armenanstalt zu versorgen. Dabei stellt der Ortsverwaltungsrat Niederbüren das Gesuch an uns [d.h. den Regierungsrat], wir möchten die notwendigen Vorkehrungen zur polizeilichen Zuführung der pflichtvergessenen Mutter an die heimatliche Armenbehörde veranlassen.

Im zweiten Fall (Nr. 2708) rekurrierte ein Familienvater gegen die geplante Versorgung zweier seiner Kinder in der Erziehungsanstalt Iddazell in Fischingen. Er begründete seine Beschwerde unter anderem folgendermassen: Der Hauptgrund bestehe jedoch in dem Umstande, dass die Frau des Rekurrenten mit inniger Liebe an ihren Kindern hange. Nun sei aber der Gesundheitszustand der Frau nicht der beste und müsse deshalb die Aufregung, welche die geplante Kinderversorgung ihr brächte, unter allen Umständen ihr erspart bleiben. Andernfalls würde Rekurrent jede Verantwortung bei Verschlimmerung des Gesundheitszustandes der Frau ablehnen und müsste er diesfalls die Gemeinde Widnau dafür verantwortlich machen. Das Waisenamt Widnau seinerseits beurteilte den Fall ganz anders. Erstens bezweifelte es, dass der Beschwerdeführer den Rekurs selber unterschrieben habe. Dieser Vater, einst ein gerne gesehener, ordentlich kreditfähiger Landwirt habe sein Vermögen durchgebracht und die Familie der Armenfürsorge überlassen. Das zeige, dass er es mit seinen Vaterpflichten nicht sehr ernst gemeint habe. Aber auch die Charaktereigenschaften der Mutter, Frau Köppel, seien keineswegs solche, dass ihr die eigenen Kinder fernerhin ohne Risiko zur Erziehung überlassen werden dürften. Sie zähle zu jenen Leuten, die immer bereit seien, Behörden und Obrigkeit zu kritisieren, und zwar geschehe dies in ungebührlich grober Ausdrucksweise. Sie lebe mit ihrem Mann in ehelichem Unfrieden. Schon seit langer Zeit lebe bei der Familie Köppel als Kost- und Logisgänger ein Heinrich Knonauer. Während der Zeit, als Frau Köppel mit Knonauer und ihren Kindern im Fischernholz, Gemeinde Diepoldsau, gewohnt habe, habe sich gegenüber derselben der Verdacht erhoben, dass sie sich in andern Umständen befinde. In der Folge sei im Rhein die Leiche eines neugeborenen Kindes geborgen worden. Der Verdacht habe sich auf Frau Köppel gelenkt; jedoch der Untersuch sei nicht von hinreichendem Erfolg gewesen. Dagegen sei damals vom Bezirksamt Unterrheintal aktenmässig festgestellt worden, dass Frau Köppel mit Knonauer im Konkubinat lebte und dass die Beiden im gleichen Zimmer zusammenschliefen, in dem auch die beiden kleinen Kinder ihre Schlafstätten hatten. Die Ausführungen des Waisenamtes gehen im Protokoll des Regierungsrates noch weiter. Der Rat beschloss schliesslich, die Beschwerde abzuweisen und hielt fest, dass vor allem die Unzuchtsprozedur gegen die Mutter belege, dass die Kinder in ihrem geistigen und sittlichen Wohl gefährdet seien: Namentlich das Beispiel der Mutter war ein verderbliches. Anderseits mangelt es offenbar dem Ehemann und Vater an der nötigen Autorität, um die Seinigen auf die richtige Bahn zu leiten.

Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und W 276/09.10-01 (Ansichtskarte, ca. 1912, Niederbüren, Oberdorf und Unterdorf)

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