Montag, 25. Dezember 1916 – „Roselis Weihnachten im Kriegs-jahr“: Weihnachtsgeschichte von Jakob Bührer (1882-1975)

Jakob Bührer gehörte zu den Mitgründern des Schweizerischen Schriftstellervereins. Er kannte die Auswirkungen der Armut, war er doch selber in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Ab den 1930er Jahren wurde er wegen seiner gesellschaftskritischen Einstellung und seines Übertritts in die Sozialdemokratische Partei von der bürgerlichen Presse boykottiert.

Roselis Weihnachten im Kriegsjahr.

Von Jakob Bührer

Roseli Morgenthaler wischt im Hause des Kaufmanns Müller die Treppe. Das elektrische Licht brennt, denn hinter dem grossen, vom Geländer schräg durchschnittenen Fenster liegt noch graue, neblige Morgendämmerung. Alle Augenblicke fährt das Holz an Roselis Besen geräuschvoll in die Treppenwinkel. Da öffnet sich oben ein Türspalt, und eine scheltende Stimme ruft: „Aber Roseli, mach doch nicht solch einen Spektakel!“

Roseli fährt zusammen; wie die Türe wieder ins Schloss geklinkt ist, streckt es sich, reibt sich die Augen mit dem Handrücken und muss gähnen, ganz laut, so dass es von unten und oben widerhallt. Jetzt rasch, rasch, den Besen wieder zur Hand und und nun leise, leise. Aber noch ist es in seiner Arbeit nicht auf dem untersten Tritt angelangt, so ruft die Stimme von oben schon wieder: „Aber Roseli, es ist doch schon lange Tag, warum lässest Du das Licht brennen! Wieviel Mal muss man dir das Gleiche wiederholen?“

Roseli knipst das Licht aus, wischt den Staub von der untersten Stufe in die Schaufel und steigt mit ängstlichem Herzen in die Wohnung des Kaufmanns Müller hinauf. Was wird es alles wieder schlecht besorgt, wieviel wird die „Madame“ wieder auszusetzen haben! Am Morgen ist sie immer so schlecht gelaunt.

Auf dem Küchentisch steht in einer blauen Tasse der Kaffee eingeschenkt und daneben liegt ein grosses Stück Butterbrot. „Iss, Roseli, aber rasch, du musst noch Kohlen holen, und es ist bald Zeit!“ Und in ihrem blauseidenen Morgenrock verschwindet Frau Müller durch die Türe. Die blaue Tasse sieht so gemein aus, und drin im Esszimmer hat Roseli vorhin den Tisch gedeckt mit Porzellan und Silber, wunderschön. Es schluckt und druckt an seinen Brocken, die fast nicht hinunter wollen.

Einige Minuten später trabt es, die Schultasche am Arm, die Vorstadt entlang. Am kalten Egg begegnet ihm der Gusti Uehlinger; der fährt mit der Hand nach oben, aber mitten in der Bewegung hält er inne und kratzt sich am Gesicht. Er hat die blaue Gymnasiastenkappe herunterreissen wollen, wie immer, wenn er bisher dem Roseli begegnete; aber da ist ihm wohl im letzten Augenblick Roselis altes, verschabtes Mäntelein aufgefallen, und dann hat er auch wieder das andere gewusst.

„Ach, dieser Krieg,“ seufzt Roseli, und nachdenklich und unfroh kommt es in der Schule an.

Der Lehrer, ein alter stiller Herr mit einer sanften, tiefen Stimme und ganz hellblauen Augen, in die man nicht sehen kann, wenn man irgend etwas Unartiges oder Nachlässiges kurz hinter oder vor sich hat, hebt eine Kriegskarte an die Wandtafel und erläutert, dass wieder eine bedeutende Veränderung der Heeresstellungen auf den Kriegstheatern vor sich gegangen ist. Dann erzählt er eine kleine Geschichte, die er von einem Verwundeten gehört habe:

„In einem deutschen Lazarett dicht hinter der Front lag eine Anzahl Schwerverletzter, darunter auch zwei Leutnants. Der eine stöhnte von Zeit zu Zeit furchtbar. Da rief ihm der andere zu: „Herr Kamerad, können Sie nicht ein bisschen stiller sein?“- „Herr Kamerad,“ kam es mühsam zurück, „mit einer Kugel im Bauche kann man nicht stille sein!“ Am andern Morgen waren beide tot!

Die Augen der Mädchen hafteten starr an den Lippen des Lehrers. Die kleine Geschichte hatte ihnen das blutige Geschehen da draussen mit furchtbarer Augenblicklichkeit vor die Sinne gestellt. Viel und oft hatte ihnen der Lehrer von dem gegenwärtigen Kriege erzählt; aber bald hatte es sie nicht viel mehr interessiert als die Geschichte von den alten Griechen und Römern. Wohl sprach man ja aller Wegen und Enden von nichts anderem als von dem Krieg; aber gerade das stumpfte die Vorstellung ab und keines machte sich einen lebhaften Begriff von dem, was da irgendwo weit draussen geschah. Die kleine Episode aber, die einzelnen Leidenden, die sich in der Sterbestunde noch mit „Herr Kamerad“ anredeten, das vermittelte der Klasse einen tiefgehenden Begriff von dem ungeheuren Mass von Leiden, das derzeit über die Welt ausgestreut wurde.

Roseli Morgenthaler hatte sich heimlich zwei Tränen abgewischt. Kurz vor dem Stundenschluss frägt der Lehrer: „Wie wärs, wenn wir einmal unsere Eindrücke und Erlebnisse in diesen Kriegstagen zu Papier bringen würden? Ich meine natürlich nur die bedeutendsten.“ Mit Begeisterung wird der Vorschlag aufgenommen, und man beschliesst, am ersten Schultag nach Weihnachten die Aufsätze einzuliefern.

In der Pause wird auf dem Schulhof lebhaft beraten, was man schreiben könnte; aber bald stellt sich heraus, dass das Thema seine Schwierigkeiten hat. Was hat man denn im Grunde erlebt, [sic] In den ersten Augusttagen war eine grosse Aufregung. Aber seither? Ein paarmal Vorbeimarsch der Truppen; der General im Automobil, Flieger über der Stadt, eine Menge Uniformen, alte und neue … im Grunde genommen alles nichts „Bedeutendes“. Nur das Roseli Morgenthaler meint zu Bethli Meier: „Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben.“ – „Ja,“ macht das Margreth Frey, „das hat leicht, dem ist halt auch sein Papa im Dienst gestorben!“ – „Eben.“ – „Natürlich.“ – Und sie sind alle aufgeklärt, warum das Roseli über das schwierige Thema ein ganzes Buch schreiben könnte. Mit der Erinnerung erwacht auch wieder das Mitleid mit der frühen Waise. Aber dem Dörli Froschauer ist es unbequem, dass das Roseli wieder im Mittelpunkt der Unterhaltung steht. „Ich wüsste einen Titel für Roselis Buch,“ wirft es hochmütig dazwischen. – „Welchen?“ [„]Was denn für einen?“ fragt es durcheinander. „Die Memoiren des Abwaschmädchens der Madame Müller!“ Alle lachen, und mit einer kleinen Bewegung ihres schlanken, feinen Halses wirft das Dörli sein zierliches Gesichtchen mit den beiden dünnen, tiefschwarzen Augenbrauen über den dunkeln Sternen in die Höhe und verschwindet im Schulhause. Die meisten folgen ihm. Nur das Bethli bleibt bei Roseli zurück. „Was für ein Hochmutsnarr!“ macht es und schiebt seine Hand unter Roselis Arm. Hässlich, mager, voll gelber Flecken ist diese Hand, die jetzt auf Roselis Arm liegt, und nun schaut es der Besitzerin der Hand ins Gesicht, in ein Paar kleine, boshafte Aeuglein, die unter einer niederen, gelbfleckigen Stirne liegen. Schmierigbraune Haare ziehen über ein braunes Schädelchen nach einem formlosen kleinen Knötchen am Hinterkopf. Man erzählt sich hässliche Sachen von dem Bethli, alle meiden es. Und das will nun Arm in Arm mit ihm, dem Roseli, gehen, seine Freundin werden! Roseli macht sich los und rennt ins Schulhaus.

Am Mittag eilt es zu Müllers, nimmt in der Küche sein Mittagessen ein und hat dann eine Menge Geschirr abzuwaschen, mit dem es just vor Schulbeginn fertig wird. Abends hat es für Müllers noch einige Gänge zu besorgen. Gegen sechs Uhr kommt es nach Hause. So geht das nun schon über einen Monat. „Wie geht es dir, Roseli?“ ist immer die erste besorgte Frage der Mutter über die Nähmaschine, an der sie Militärwäsche schneidert, weg, wenn das Roseli eintritt.

„O, es geht sehr gut, Mutti,“ hat sich das Roseli angewöhnt zu sagen, angewöhnt in jener Nacht, da die Mutter stundenlang geweint, als es geklagt hatte, es glaube, es halte es nicht aus bei Müllers. „Müllers meinen es doch so gut mit uns, so gut!“ hatte die Mutter immer wieder gesagt, und das war ja wahr. Es fehlte nur an Roseli. „Gelt, es ist doch zum Aushalten?“ lächelte die Mutter auch heute wieder. „O ja, warum denn nicht?“ und Roseli machte sich in die Küche.

Aber als es einige Stunden später in seinem Bette lag, die Mutter und die beiden Brüderlein ruhig schliefen, meinte es doch, es sei nicht mehr zum Aushalten. Und doch, was war denn heute geschehen? Der Gusti hatte es nicht gegrüsst, das hochfahrende Dörli hatte das hässliche Wort von dem „Abwaschmädchen der Madame Müller“ aufgebracht und das verachtete Bethli hatte seine Freundschaft gesucht. Das war alles. Was war denn das gegenüber dem Schlag, als die Nachricht kam, der Vater sei im Dienst verunglückt, als die Mutter vor Schreck und Leid hatte zusammenbrechen wollen. Damals war es so mutig gewesen, hatte die Mutter getröstet! Und wie schön war das gewesen, als es nach dem ersten Monat bei Müllers der Mutter drei schöne, harte Fünffrankenstücke hatte auf den Tisch zählen können? Warum war es heute mit einemmal so schwach? Die Armut war doch gar nichts so schlimmes. Oder doch? War es nicht, als ob sie einen in einen Abgrund hinunterstiesse, in dem man rettungslos, haltlos immer tiefer hinunterglitt? War nun nicht schon der Gusti Uehlinger und alle, die einmal eine Gymnasiastenmütze getragen hatten, aus seinem Gesichtskreis verschwunden? Stand das Dörli Froschauer, mit dem es noch diesen Sommer Arm in Arm durch die Stadt spaziert war, nicht unerreichbar hoch über ihm, und nur das verachtete Bethli hatte noch etwas mit ihm gemein? Das war das Grauenhafteste, dass die Armut einem auch die Stellung im Leben und in der Zukunft anwies! Selbstverständlich musste Roseli im Frühjahr aus der Töchterschule austreten; es musste der Mutter helfen. – Sehr gern! Aber was würde dann aus ihm werden?

Da stöhnt sein Brüderlein laut im Schlaf. „Pst, pst,“ macht Roseli. Aber der Bruder fährt fort zu stöhnen. Da fällt Roseli ein: „Herr Kamerad, können Sie nicht ein bisschen stiller sein?“ Roseli lächelt. Indessen gibt das Bübchen nicht Ruhe, und Roseli muss Licht anzünden und das Kerlchen aus dem Bett heben. Wie es nun mit seinem langen Nachthemd auf dem Thrönlein sitzt, die hellen Locken wild zerstrubelt, wird es ganz wach und frägt: „Roseli, gelt, jetzt kommt dann das Christkindchen und bringt mir eine Trommel und einen Säbel?“

„Freilich,“ beruhigte Roseli.

„Du, aber gelt, das ist sicher wahr? Schwör einmal.“

„Aber gewiss doch, Butzi!“

 Kind mit Spielzeugkanone

Robert Wenner (1909-1979) mit Spielzeugkanone, ca. 1914. Es war lange Zeit üblich, kleine Knaben mit Spielzeugwaffen und -armeen, z.B. aus Zinn (Zinnsoldaten), zu beschenken. Der Wunsch von Roselis Bruder in der Geschichte war deshalb überhaupt nicht abwegig.

Aber er gibt nicht nach, bis sie die drei Schwurfinger erhoben hat, und nun schläft er, seiner Sache ganz sicher, weiter. Aber wie es nun wieder dunkel und still ist, überkommt Roseli von neuem das Grauen, und diesmal ist es nicht so fest davon überzeugt, dass die Armut nichts gar so schlimmes ist. Für die Erwachsenen, da ging es ja. Es hatte auf den neuen Mantel verzichtet, weil es begriffen hatte, dass es eben nicht möglich war, einen neuen zu kaufen. Aber das Büblein da konnte nicht verzichten, weil es nicht begreifen konnte. Dem Brüderlein seine Weihnachtswunsch nicht erfüllen zu können, tat weh, bitter weh. Und Roseli schluchzte leise in seine Kissen hinein. Aber wie ihm das Schluchzen an die eigenen Ohren klingt, fällt es ihm wieder ein: „Herr Kamerad, könnten Sie denn nicht ein bisschen stiller sein!“ Und wieder steht das Bild vor Roselis Augen, das es heute in der ersten Schulstunde so klar gesehen hat. Es denkt an den Krieg und an das namenlose Leid, das jetzt über die Erde geht, und darüber wird ihm das eigene Leid so nichtssagend, unbedeutend, dass es ihm lächerlich scheint, daran zu denken, geschweige davon zu reden. Und mit diesem Gedanken erwacht es am nächsten Morgen. Und in den folgenden Tagen ist er immer zuvorderst.

An einem Mittag hatte Roseli die Madame Müller etwas zu fragen, das fast nicht heraus wollte und auch ungeschickt zu sagen war. Als es die Frau Müller mit viel Freundlichkeit herausgeklaubt hatte, ward sie ernstlich böse: Sie, die Morgenthalers, hätten doch jetzt kein Geld für derartige Spielereien. Sparen sei jetzt ihre erste Pflicht. Aber da kam Herr Müller dazu; der wollte wissen, um was es sich handle, und Roseli musste noch einmal auspacken. Und Herr Müller lacht und sagt: „Selbstverständlich muss dein Bruder eine Trommel und einen Säbel haben, zumal wenn du geschworen hast; aber dass du deshalb eine Stunde länger bei uns arbeiten müssest, aus dem gibts nichts!“

Am Weihnachtsabend brannte bei Morgenthalers ein kleines Bäumchen. Der Jüngste hatte seine Trommel und seinen Säbel, und auch alle anderen ein kleines Geschenklein. Dieses Weihnachtsfestchen war lange nicht so traurig, wie es die zaghafte Witwe gefürchtet hatte. Als aber die Kerzen heruntergebrannt und die Buben ihm [sic] Bett waren, nahm Roseli sein Aufsatzheft und schrieb:

Mein wichtigstes Erlebnis in den ersten Kriegsmonaten.

(Aus den Memoiren des Abwaschmädchens der Madame Müller.)

Aeusserliche Dinge habe ich in diesen Monaten viele erlebt. Aber ich glaube nicht, dass [es] auf diese viel ankommt. Innerlich ist mir zum Bewusstsein gekommen, dass er Krieg dazu da ist, dass die Menschen von sich selber weg zu sehen lernen und sich selber nicht mehr so sehr wichtig nehmen. Dazu musste wohl so grosses Leid in die Welt kommen. Wenn ich wieder einmal zum Stöhnen elend bin, dann will ich zu mir sagen: „Herr Kamerad, könnten Sie nicht ein bisschen stiller sein,“ und daran denken, dass immer, auch wenn nicht Krieg ist, namenlos viel Elend und Leiden in der Welt sind.

Weihnachtsbaum

Weihnachtsbaum und Gabentisch in einer bürgerlichen Stube (Bild zwischen 1908 und 1921).

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 913 (Heimatklänge. Gratisbeilage zur Rorschacher Zeitung, Nr. 52, 1916) sowie ZOF 002/02.07 (Salonzimmer mit geschmücktem Weihnachtsbaum, Bild aus der Diapositivsammlung der Psychiatrischen Klinik St.Pirminsberg, ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkriegs, W 054/112.6.1 (Robert Wenner) und W 054/69B.8 (Christbaum mit brennenden Kerzen)

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