August Andreae-Korff

Dienstag, 2. Januar 1917 – „die Schlechtigkeit der Welt“

August Andreae-Korff (1880-1943) war Textilingenieur und Farmer in Lakemont, Georgia, USA. 1906 hatte er sich mit Minna Korff (1878-?) verheiratet. Am 2. Januar schrieb er an seinen Vater, Alexander Andreae-Stumpf (1846-1926). Als Absendeadresse ist angegeben: 144 South Boulevard, Atlanta, G.a. [Georgia] U.S.A. Der schreibmaschinengeschriebene, orthografisch und interpunktionsmässig fehlerhafte Brief gelangte anschliessend in den Besitz seiner Schwester Maria Wenner-Andreae (1889-1969) in Fratte di Salerno bei Neapel. Bei der im Brief erwähnten „Pima“ handelt es sich um Pauline Maria Andreae-Andreae (1873-1953), bei „Rita“ um Rita Momm-Andreae (1879-1924), beides Schwestern von August Andreae.

Die weitverzweigte Familie Andreae hat ihren Bürgerort in St.Gallen.

Lieber Papa

Deinen lieben Brief[,] den Du nach Lakemont schick[t]est[,] habe ich ein[i]ge Tage vor Weihnachten erhalten. Es thut [sic] mir sehr leid[,] dass ihr Lieben Euch noch Sorgen um uns machtet. Ihr habt ja der Sorgen so wie so [sic] schon genug, und wenn wir für Missgeschick selbst daran Schuld sind, sollen wir selbst dafür büssen.

Wie ich Euch schrieb bin ich jetzt in Atlanta und habe Anstellung in einer grossen Baumwoll Firma gefunden, deren Angehörige auch in Cannstadt und Ludwigs-Haven, Baumwollspinnereien und Webereien haben. Die Firma hier hat fünf Fabriken in America. Ich bin in der Engineur [sic] und Einkaufsabteilung untergebracht, habe sehr viel zu rechnen und hauptsächlich darauf [zu] sehen[,] dass die Rechnungen, Discontoes [sic] und Quantitäten stimmen. Meine techni[s]che Bildung findet leider noch nicht viel Verwendung und als Anfänger ist mein Gehalt noch bescheiden.

Leider habe ich Minna noch nicht bewegen können[,] ihre Anstellung bei der gleichen Fabrik aufzugeben, d[e]ren Arbeit dort mir übelgenommen wird. Es wird von mir auch verlangt, dass ich mit der Schreibma[s]chine schreibe. Da Deren [sic] Schreibma[s]chinen ein ganz andere Tastenbuchstabierungen als meine hat[,] macht mir die fortwährende Verwechselung viel Schwierigkeiten. Auch muss ich mit Rechenma[s]chinen arbeiten und die Ausgabe der Fabrik und Office Formulare und sonstigen Notwendigkeiten kontrollieren. Siewie [sic] mithelfen am Ausbezahlen und die Angestellten für ihre Ankäufe in der Fabrik zu belasten.

Das Ganze erfordert besonders für einen Neuling sehr viel Aufmerksamkeit und Kopfanstrengung, doch sehe ich[,] dass ich mich ganz gut einarbeiten kann. Dass die armen Kinderchen ganz allein zu Hause gelassen werden, macht mir ziemlich Sorge, zumahl [sic] da sie nachdem sie auf der Farm alle Freiheit genossen haben, ebenso hier auf der Strasse sich einbilden, die gleiche Freiheit aneignen zu dürfen. Auch bieten Ihnen die Schleckereien der Stadt manche Versuchungen und erheilten [sic] sie sich die Süssigkeiten[,] indem sie die Äpfel[,] die ich ihnen von der Farm aus geschickt habe für diese umtauschten. Martha konnte noch nicht in die Schule aufgenommen werden[,] weil sie noch zu jung war, doch kann sie im Februar in die Schule eintreten. Während Ritchen [sic] in die Schule ging[,] musste der armer Wurm ganz allein zu Hause bleiben. Gedeihen tun die Kinder nicht[,] wie auf der Farm.

Wir leben in einer zweizimmerigen Behausung im Arbeiterviertel. Die Arbeiter hier sind alle von einer tiefen Bildungsstufe.

Vor dem Haus ist eine viel mit Outomobil [sic] befahrene Strasse und dahinter ein grosser Friedhof, so dass wir die Grabsteine leicht sehen können. Der Weichkohlenverbrauch hier in der Fabrik und den Häusern lässt einem meisten[s] dreckig aussehen und ist die Luft selten [… unlesbar]. Alles lässt einen den Unterschied mit dem Landleben deutlich fühlen.

An Weihnachten brachte ich die Familie in die Deu[t]sch Lutherische Kirche, woh [sic] am Abend nette Feierlichkeiten aufgeführt wurden, was die Kinder  recht interessierte.

August Andreae-Korff mit Familie in AtlantaAugust und Minna Andreae-Korff mit ihren Töchtern Hertha (geb. 1910) und Rita (geb. 1908) in Atlanta, USA, ca. 1913. Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt aus dieser Familienfoto.  Fortsetzung des Briefs an seine Eltern:

Hier ist alles auch recht teuer. Doch glücklicherweise für uns, nicht so teuer wie im bedauerungswerten Europa und besonders in Italien.

Wann wird endlich der Friede kommen[?] Die Schlechtigkeit der Welt lässt sich nicht verleugnen, und anstatt dass die Welt besser geworden ist, ist sie nur brutahler [sic] geworden, roher, blutdürstiger und gehässiger. Zu bedauern sind die Menschen, die in einer solchen Welt geboren werden.

Über den freundlichen Vorschlag von Maria für Minna zu Sorgen [sic] danke ich sehr als wie für Euer liebes Angebot und der der guten Pima. Besser wäre es, wenn die Kinder und Minna überhaupt aus Europa bleiben würden, solange das Elend noch dort anherrscht.

Die Schulen hier sind ganz gut und Ritchen macht schon gut Fortschritte im Englischen. Eine Unterbrechung in ihren Studien wäre auch recht nachteiligh [sic]. In der Fabrik hier arbeiten mehrere[,] die von deutscher Abstammung sind.

Hoffentlich erhalten wir bald gute Nachrichten von Euch. Von Rita hörte ich schon lange nichts mehr und von Pima auch nur durch Euch[.]

Mit dem besten Wunsch[,] dass Neunahr Euch wieder guten Grund zum Frohsein giebt [sic], verbleibe ich [handschriftlich:] mit herzlichen Grüssen

Euer Euch liebender Sohn [handschriftlich] August

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/130.13.62 (August Andreae-Korff und Familie in Atlanta, ca. 1913)

 

 

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