Kriegsnachrichten Ostschweiz

Freitag, 25. Mai 1917 – Kriegsnach-richten sollen wieder auf die erste Seite

Die Betriebskommission der Zeitung Ostschweiz fällte in ihrer Sitzung folgenden Beschluss:

4. Es wird gewünscht, dass die Kriegsnachrichten des Tages, welche bisher von der Redaktion resümierend auf der ersten Seite des Hauptblattes angebracht und seit der verschlimmerten Bahnzugs-Verbindungen auf die zweite Seite des Blattes verlegt werden mussten, wenn möglich wieder auf der ersten Blattseite erscheinen. Die Frage, ob dies technisch möglich ist, soll näher untersucht werden.

Ähnliche Wünsche wurden in der gleichentags abgehaltenen Sitzung des Verwaltungsrates der Ostschweiz geäussert:

3. In der allgemeinen Umfrage wird gewünscht, dass die Betriebskommission sich bemühe, in der Frage der Stoffeinteilung des Blattes bei der Redaktion eine Verbesserung zu erzielen und dass Mittel und Wege studiert werden, den Accidenzdruck [Zusatzarbeiten in einer Buchdruckerei] zu vermehren, um den Ausfall des Amtsblattes [das nicht mehr bei der Ostschweiz gedruckt wurde] besser wett zu machen.

Das Beitragsbild zeigt als Beispiel die zusammenfassenden Nachrichten vom 25. Mai, erschienen im Morgenblatt auf Seite 3. Man beachte, dass immer noch vom europäischen Krieg die Rede ist, obwohl die Vereinigten Staaten Deutschland bereits am 6. April 1917 den Krieg erklärt hatten:

Der europäische Krieg.

Das wichtigste Ereignis auf den Kriegsschauplätzen ist ein bedeutender Erfolg der Italiener auf der Karsthochfläche, wo sie die österreichischen Linien durchbrachen und im Laufe des Tages 9000 Gefangene, darunter 300 Offiziere, einbrachten. Seit der Einnahme von Görz ist das der bedeutendste Erfolg der Italiener. [Gemeint ist die sog. Zehnte Isonzoschlacht. Ziel der italienischen Angriffe war der Durchbruch nach Triest, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Isonzoschlachten]

Anlässlich des zweiten Jahrestages des italienischen Kriegseintrittes erliess Viktor Emanuel eine Proklamation an sein Heer, worin er Italien den endgültigen Sieg verheisst.

Vom westlichen Kriegsschauplatz werden lebhaftere Kämpfe nur von der Heeresgruppe des deutschen Kronprinzen gemeldet. Gegenseitige Angriffe wurden abgewiesen.

An der russischen Front lebte die Gefechtstätigkeit ebenfalls wieder auf, wo an der Ostseeküste von den Deutschen russische Kundschafter vertrieben wurden.

In Mazedonien ist eine Kampfpause eingetreten.

Es verlautet, dass die Vereinigten Staaten ein neues Friedensprogramm ausarbeiten, das im wesentlichen mit den Erklärungen des französischen Ministerpräsidenten übereinstimmen werde, einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen postuliere, an der Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich aber festhalte.

Der russische Aussenminister Terechtschenko und der französische Ministerpräsident Ribot wechselten Telegramme, in denen sie die gegenseitige ERgebenheit und Treue zwischen Russland und Frankreiche zum Ausdruck bringen und den festen Willen beider Staaten bekunden, den Krieg bis zum endgültigen Sieg fortzusetzen.

In Italien wird auf die Einführung der Brotkarte verzichtet, indem die Getreideversorgung bis zur nächsten Ernte gesichert sei. In Deutschland ist zur Regelung der Kohlenversorgung die Einführung des Karten- und Kundenlistensystems vorgesehen.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 088 (Firmenarchiv „Ostschweiz“ Medien AG, Protokolle Verwaltungsrat und Betriebskommission, 1915-1920) und P 907 (Die Ostschweiz, 25.05.1917, Morgenblatt)

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