Soldat bei Rast

Pfingstsamstag, 26. Mai 1917 – Nochmals Soldatensprache

Gleich in mehreren Publikationen wurden 1917 Forschungen zur Soldatensprache veröffentlicht. Der Artikel in den Rorschacher Blättern vom Mai 1917 bestätigt zusammenfassend einiges, was in früheren Beiträgen des Blogs (vgl. die Beiträge vom 8., 9. und 27. Februar, sowie vom 2. März 1917) schon genannt wurde, gibt aber zum einen oder anderen Thema weitere Beispiele. Der Autor ist in der Quelle nicht angegeben:

Soldatensprache.

Hat schon die gewohnte Friedenszeit bei unseren Soldaten manche Erfindertalente inbezug [sic] auf neue sprachliche Ausdrücke zutage gefördert, so ist die lange Zeit der Mobilisation in dieser Beziehung noch weit produktiver gewesen. Die Soldaten führen eine kräftige Sprache; es sind nicht Ausdrücke für ein Mädchenpensionat, die hier ihren Ursprung haben; aber auch unter den derben Ausdrücken finden sich nicht wenige, denen man das Kompliment nicht versagen kann, dass sei gesundem, träfen Humor ihre Herkunft verdanken.

Schon die Begrüssung der Herren Offiziere bei der Mobilisation ist günstig: „Lueg, da chömet üseri Fuehrmanne [Fuhrmänner]“; „pass uf, der Vater pfurret deher“, so wird der Hauptmann der Kompagnie begrüsst. Der „Rodel“ oder das „Zivilstandsregister“ wird verlesen, wenn die Mannschaftsregister kontrolliert werden. Sind viele neue, junge Offiziere da, dann heisst[‚]s: „Es send nebe wieder mengs neui Lehrbuebe do“. Dann geht[‚]s an die Inspektion: „Uslege – Ordnung mache“; „s’Husrötli [Hausrat] usschtelle“; „de Husierchaschte [Hausierkasten] zwäg mache“; „de Raritätechaschte“ oder „s’Chuchichästli [Küchenkästchen] uftue“.

Zahlreich sind die Benennungen für die einzelnen Teile der Ausrüstung. Die Schuhe werden tituliert: „Gondeli“ [kleine Gondel], „d’Ledischiff“ [flaches Transportschiff für grosse Lasten], „d’Finke“ [Hausschuhe] oder „Bundesfinke“, auch „Weidling“ oder „Pontons“. Die Uniform heisst „‚Gwändli“, „Kluft“, „s’Kostüm“ oder gar, wenn sie nicht mehr in den Salon hineinpasst, „de Saufetze“. Für die Hose fällt etwa der Ausdruck „de Gasfänger“ ab, wogegen dem Waffenrock eine Reihe Titulaturen zugedacht sind: „Bundestschoppe“, „Chute“ [Kutte], „Frack“, „Gstältli“. Die graue Ueberbluse, die anfangs der Mobilitationszeit eine kurze Existenz feierte, war nicht besonders beliebt: „Chochischoss“ [Küchenschürze], „Staublompe“, „Schnoderlompe“ [Taschentuch], „Ströflighemp“ [Sträflingshemd], „Konditertschoppe“ [Konditorjacke] usw. Nicht wenige Bezeichnungen hat das Käppi gefunden: „Goggs“, „Schlachthuet“, „Kriegszilaster“, „Fürwehrhuet“, „Glüeofe“ [Glühofen], „Verschlussgöfferli“, „Oelhafe“. Der Leibgurt oder Ceintüron ist der „Hungerbarometer“, „Magebremse“, „Schwimmgurt“, „Hungerrieme“. Neben den schon genannten Bezeichnungen für den Tornister finden sich: „Komode“, „Schwitzchaschte“, „Affechaschte“, „Verdrusschaschte“, „Pomadechischte“, „Horöldrucke“, „d’Schwiegermuetter“, „d’Frau“, „Bundeströckli“. Wenn der Brotsack nichts mehr enthält, muss er sich „Verdrusspüntel“ schimpfen lassen, sonst ist er allenfalls der „Magentröster“.

Auch das Gewehr wird verschieden tituliert, je nach Stimmung: „Schüssbengel“, „Klöpfschit“, „Charst“, „Sprötzgüggeli“ oder einfach „Prügel“, „Chlobe“, „schwär Chog“. Auch die anhänglichen Patronen heissen nach einem Marsch einfach „d’Chöge“, „Bleizäpfe“, „Bohne“; im Schiessstand erfreuen sie sich höherer Gunst: „Chügeli“, „Magrönli“, „Böhnli“, „Bäbeli“. Die Patronenschachtel wird bezeichnet als „Stompechischte“, „Molichaschte“, „Mistschachtle“, „Komödli“.

Das Seitengewehr oder Bajonett heisst unseres Wissens in der halben Welt „Chäsmesser“ [Käsemesser], „Chrutmesser“, „Zahnstocher“, „Schwert“ oder „Spiess“. Weniger nobel kommt das Sackmesser weg: „Chlobe“, „Hegel“, „Spatzspiess“ sind nicht die ehrenvollsten Bezeichnungen. In einzelnen Kompagnien, wo wegen des Fehlens des Taschenmessers einzelne Bestrafungen vorkamen, erhielt es einfach den Namen „Arrestgötti“. – Als vereinzelten Ausdruck für die Wadenbinden soll das Wort „Kuraschibinde“ vorkommen, weil ein Spassvogel in einer Kompagnie bei der Gewohnheit seines Offiziers, vor den Uebungen  die Wadenbinden anzuziehen, den Witz machte, er müsse „de Kuraschi zsammebinde“ [von „Courage“ für Mut]. – Zur Ausrüstung gehören auch die „Grabsteine“, d.h. die Identitätstäfelchen. Nicht sehr appetitlich für die Feldflasche ist der Ausdruck „Schmierölchante“.

Da die Lebensmittelversorgung beim Militär keine geringe Rolle spielt, so ist nicht zu verwundern, dass auch hier die Phantasie nicht übel ins Kraut geschossen ist. Der Morgenkaffee ist die „Bundesbrüh“, „Abwäschwasser“, „Seifewasser“, „Grampolwasser“. Kein Kompliment für die Küchenmannschaft ist es, wenn die Mannschaft nur noch den Ausdruck „Gülle“ übrig hat. „Negerschweiss“ ist eine Bezeichnung, die offenbar aus der Studentensprache zum Militär hinübergerutscht ist. Für Suppe ist der Ausdruck „Schnalle“ ziemlich üblich und zwar in Kombinationen, zum Beispiel „Sauschnalle“ oder „Dreckschnalle“, sonst auch „Harzwasser“, „Magenwasser“. Zwieback heisst „Bundesziegel“; Brot: „Wegge“, „Bundesgugelhopf“, „Arbeitergugelhopf“, [„]Magetrost“, auch „Gemseier“ soll bei den Gebirgstruppen vorkommen. Die Kartoffeln sind „Soldateneier“, „Handlangerpflume“; die Makkaroni werden zu „Zementröhre“ oder „Kanoneröhre“ vergrössert; die Nudeln erhalten den Beinamen „Treubruchnudle“. Der Spatz [Suppenfleisch] erhält, wenn er zu zähe ist, den Uebernahmen [sic] „Sohlleder“, „Negergummi“ „Kautschukbletz.“ Ist er auch gar zu klein, so ist er „Photographiespatz“ und noch kleiner, so sinkt er zur „Zahnplombe“ herab.

Wenn auch der Tee sehr beliebt ist, so muss er sich doch die Titulatur „Abstinenten-Gülle“ gefallen lassen oder „Temperenzler Wasser“, auch „Magengift“. Dem Schnaps ist man scharf auf den Leib gegangen; aber er fristet sein Dasein immer noch als „Sirup“, „Heilsarmeewasser“, „Heidelbeeriwasser“, „Bundesträne“, „Wichwasser“ [Weihwasser], „Arrestante-Balsam“, „Milch“, „Augetrost“.

Eine nicht geringe Rolle spielt auch der Taback [sic] und was drum und dran hängt. Alles Rauchbare wird kurzweg bezeichnet als „Back“, „Chrut“, „Nussbomblätter“ [Nussbaumblätter], „Buchelaub“ [Buchenlaub], „Knaster“. Die Pfeife heisst „Lüller“, „Heizofen“, „Sudtopf“, „Hirnitröchner“ [Hirntrockner], „Nasewärmer“, „Schmorhafe“. Die Stumpen sind zu „Italiener-Havanna“ avanciert. „Sargnägel“ und „Friedhofspargle“ für Brissago [Gemeinde im Kanton Tessin, in der zu dieser Zeit eine für die Schweiz bedeutende Tabakindustrie beheimatet war] sind auch im Zivilleben gebräuchlich. Rauchen bezeichnen die Soldaten als „näble“ [nebeln], „dämpfe“, „Flüge vertriebe“ [Fliegen vertreiben], „peste“ usw.

Auch die verschiedenen Körperteile sind der allgemeinen Freude an witzigen Bezeichnungen nicht entronnen. Die Nase ist das „Schmeckschit“, „Gasmesser“, „Rüebli“ [Karotte], „Böggehöhli“ [Höhle für Nasenpopel], und dementsprechend lauten auch die Bezeichnungen für das Taschentuch. Der Kopf ist der „Verstandchaschte“, „Käppihogge“, „Kürbse“ [Kürbis], der Mund heisst „Brotklappe“, [„]Suppeloch“, „Fuetterspalt“. Der allzeit aufnahmebereite Magen heisst „Heutrog“, „Verdauigschratte“, „Kottletfriedhof“. Die Beine sind die „Stelzen“, „Spazierhölzer“, „Telephonstangen“, „Rheumatismusstengel“, die einem nach einem strengen Marsch beinahe „abfallen“. Und wenn einer nach einem strengen Marsche wegen den Fussblattern sorgsam auftritt, wird er noch gefragt, ob er ein „Blatteremuseum“ gegründet habe.

Nicht nur in einzelnen Ausdrücken, sondern auch in ganzen Redewendungen zeigt sich die schöpferische Sprachentätigkeit des Soldaten. Doch wechseln diese sehr stark von Truppenkörper zu Truppenkörper. Ziemlich allgemein ist der Ausdruck „sich dünn machen“ für verschwinden. Viel verwendet wird auch die Wendung „i Sache“, z.B. „Wie hämmers i Sache Urlaub“. Doch können sich solche Bezeichnungen nicht länger halten, da sie zu stark an ihren Ursprung erinnern.

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, P 913A (Rorschacher Blätter zur Unterhaltung und Belehrung, Gratisbeilage zur „Rorschacher Zeitung“, 1917, Nr. 5, S. 35, Erscheinungsdatum: 26.05.1917) und W 207 (Album „Aus den Kriegszeiten“; Beitragsbild: Soldat J. Schmuki bei einer Rast im Val Blenio, undatiert)

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