Sonntag, 13. Mai 1917 – Zufall? Schicksal? Oder doch göttliche Fügung?

Ernst Kind, Zürcher Kantonsschüler mit St.Galler Wurzeln, trifft zu seinem Leidwesen viel zu selten auf die von ihm verehrte Margrit Peter. Umso kostbarer sind deshalb diese Momente des Aufeinandertreffens:

Ich komme in Versuchung, an einen Zufall mit eigenem Willen zu glauben, und glaube, er ist mir günstig gesinnt. Es ist das dritte Mal, dass ich mit Margrit P. zusammengekommen bin, ohne es zu ahnen. Nein, das ist falsch; ich will sagen, ohne einen Anhaltspunkt für diese Möglichkeit zu haben; denn geahnt habe ich es jedesmal so ungefähr; jedesmal habe ich vorher immer noch viel mehr als sonst an sie denken müssen. – Dieses Zusammenkommen war gestern am 12. Mai.

Wir, die ganze Familie, machten einen Ausflug ins Nidelbad und wollten um 2 Uhr mit dem Schiff abfahren, haben dann dieses Schiff verpasst und warteten auf das nächste (um 3 Uhr ab). War jetzt das ein blinder Zufall, dass wir das erste Schiff verpassen mussten und erst das zweite nahmen, auf dem Margrit P. war? Und weiter war es gewiss auch nicht blinder Zufall, der sie allein auf das Schiff brachte, während sie es mit einer Freundin ausgemacht hatte. Sie wollte nämlich zu einer anderen Freundin nach Kilchberg; weil sie nun ganz allein war, setzte sie sich zu uns her und wir unterhielten uns, bis sie in Kilchberg ausstieg. Diese freundliche Begegnung ist mir umso wichtiger, weil ich gerade vorher noch mich ihretwegen sehr aufgeregt hatte. Sie hatte nämlich in der letzten Woche, wie es mir schien, absichtlich alles versucht, mich nicht zu sehen, wenn wir in der Rämistrasse uns begegneten. Einmal versteckte sie sich geradezu hinter einer andern und eben gestern Samstag Morgen bemerkte ich, dass nur ihre Freundin meinen Gruss erwiederte, sie hingegen gradaus sah. Das konnte ich mir nicht erklären; es regte mich sehr auf; zuerst war ich sehr erstaunt, dann unglücklich und schliesslich empört. Denn ich war mir keiner Dummheit oder Flegelhaftigkeit ihr gegenüber bewusst. Dass sie aber launisch sei und einfach nicht mehr grüssen wollte, konnte ich natürlich nicht glauben; deshalb quälte mich ihr Benehmen, aber immer mehr kam ich bei meinem eigenen ruhigen Gewissen in Ärger und Trotz. Es kostete mich allerdings viel, meinen Kummer in Trotz umzusetzen; aber da ich glaubte, ihn so schneller verwunden zu haben, bemühte ich mich darum und war schon im Begriff, ein paar wutentbrannte (d.h. im Innersten natürlich unwahr empfundene) Verse zu leimen, die etwa so begonnen hätten:

«Die Liebe ist zum Teufel,

Die Sehnsucht hat ein End.

Ich pfeife auf ein Mädchen,

Das mich mit Fleiss nicht kennt.»

Denn ich war schon ganz überzeugt, dass ich nichts mehr dagegen machen könne. Erklärung verlangen konnte ich nicht, da ich sie nicht einfach auf der Strasse anreden wollte und konnte, umso weniger, als sie mich ja scheinbar nicht mehr kannte. Und auf anderm Weg als durch mich selber wollte ich nichts erfahren, schon weil ich überhaupt niemand etwas davon wissen lassen wollte.

Und jetzt kam mir der gute Zufall wieder zu Hilfe, wie schon 2 mal. (Das erste Mal, dass ich mit ihr zusammen kam nach dem Konzert des Schülerorchesters, das andere Mal im Nikisch-Konzert.) Die Bekanntschaft wurde wieder aufgefrischt und gleichzeitig brachte sie die Nachricht, dass nächsten Mittwoch unsere Tanzgesellschaft im Zürichhorn zusammenkomme. Dort bietet sich mir vielleicht Gelegenheit, Aufschluss über ihr sehr rätselhaftes Gebahren zu bekommen. Denn soviel vertraue ich meinen Augen doch, dass sie auch noch nicht falsch sehen, selbst wenn sie Margrit P. sehen. Freilich schaue ich immer nur so ganz schnell hin beim Grüssen, dass ich doch nicht so ganz sicher bin. Immerhin bin ich jetzt sehr gespannt auf den Mittwoch-Abend.

Ich will hier noch einen Zettel abschreiben, den ich vor einigen Wochen vollgeschrieben habe. Woher ich damals den Gedanken bekam, weiss ich nicht:

Meine Lebensanschauungen haben immer gewechselt und haben in gewissem Sinn schon die meisten der unterschiedlichen Formen gehabt:

1.) Als Kind vor dem Beginn selbständigen Denkens: Realist; die Sachen, soweit man sie kennt, werden genommen, wie sie sich darstellen, und was sich nicht darstellt, existiert nicht. Der liebe Gott stellt sich auch dar; nämlich im Himmel sitzt er. Er ist nur zu weit weg, um gesehen zu werden. Aber hinter dem blauen Vorhang sitzt er und sieht uns doch, weil er ja durch alles durchsieht. (Mit 11 Jahren schwache Ahnung von Liebe, die sich aber mit Eintritt der Flegeljahre in eine Art trotzige Feindschaft gegen das betreffende Wesen umwandelt. Von da an eine Zeitlang überhaupt Mädchenfeind, nachher tritt an Stelle der Feindschaft Gleichgültigkeit, bis auf weiteres.

2.) Selbständiges Denken. Trotz Konfirmation Ausbildung zum Skeptiker, aber gleichzeitig infolge vieler neuer Eindrücke starker Mystiker. Zeitweise verschwindet der Zweifel, kommt aber immer bald wieder.

3.) Mit 18 Jahren Sieg des Skeptizismus über die Mystik. Eine oberflächlich verstandene Religionsphilosphie in der Schule verschärft den Kampf um einen persönlichen Gott. Bald ist der persönliche Gott ganz verloren gegangen. (Abendmahl unmöglich geworden, ebenso Beten.) Oft beinahe Ausbruch der Verzweiflung oder bittere Resignation, die sich sogar manchmal Spöttereien gegen religiöse Dinge erlaubt. Allmählich geistige Erschlaffung; das Gedächtnis ist ganz unfähig.

4.) Erste Liebe (mit 19 Jahren), urplötzliches Aufrütteln des Lebensmutes. Romantik. Ein wenig: carpe diem!

Ich werde alles versuchen, mir den Glauben an einen persönlichen Gott wieder zu erringen und darauf eine eigene Religion aufzubauen; denn unsere Kirchenreligion kann ich nicht halten.

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 073/2.1 (Tagebuch von Ernst Kind, Jg. 1897), W 076/3.27.109 (Hafen von Rheineck, Anlegestelle mit Schiff «Bavaria», ca. 1914)

Protokolleinband

Samstag, 12. Mai 1917 – Das Militär braucht Bretter

Die Vorstandsmitglieder des 1916 gegründeten Verbands St.Gallischer Sägereibesitzer trafen sich nachmittags um zwei Uhr zu einer Sitzung in St.Gallen. Sie berieten unter anderem über die Lieferung von Brettern an die Armee. Möglicherweise wurden damit Baracken gebaut:

5. Militärlieferungen n. Graubünden.

ca. 260 m3, vorwiegend 24 m7m Event. etwas 21 m/m konisch, mit Durchschnittsbreite von 20 bis 22 cm

Folgende Sägereien werden zur Lieferung verpflichtet, je 1 [Zugs]Waggon von 17-20 m:

1. Zogg-Hanselmann, Sevelen

2. Eisenring Ed., Gossau

3. Dierauer & Cie., Berneck

4. Epper, W., Gossau

5. Stüdli, J. U., Egg-Flawil

6. Gätzi, Unterterzen

7. Bürer & Cie., Ragaz

8. Hess K., Wattwil

9. Hefti, Weesen

10. Imholz Geb., Bütschwil

11. Kägi, Gommiswald

12. Rehkate u. Fisch[,] Heiligkreuz

13. Hagmann Frau[,] Sevelen

14. Bosshardt A.[,] Rapperswil

Letzterer Event. für 2 Waggon.

Präsident [Tobias] Dierauer [Architekt in Berneck] wird genannten Sägereien von dieser Lieferungspflicht Bericht geben.

Vorausgegangen war diesem Eintrag eine Mitteilung an der Ausserordentlichen Generalversammlung des Verbandes vom 5. Mai 1917:

9. Bretterlieferungen für die Armee n. Graubünden

Unser Verband hat 13 Waggon à 20 m3 = ca. 260 m3 24 m/m Event. 21 m/m konische Bretter zu liefern.

Es werden bezahlt: Frs. 87.- per m3 an Sägereien ohne Geleiseanschluss, und Frs. 85.- für solche mit Geleiseanschluss, Bahnwaggon verladen. Diese Lieferungen werden den grösseren Werken zugeschieden, insoferne sich andere Mitglieder nicht beteiligen wollen.

Traktandum 1 dieser Generalversammlung beschrieb die generelle Lage der Sägereibesitzer:

1. Der Präsident reveriert [sic] über Zweck und Ziel der heutigen Versammlung mit reichhaltiger Tagesordnung.

Haupttraktandum sei Beteiligung an der gegründeten Schw. Holzverwertungs- und Exportgenossenschaft, die notwendig geworden sei, nachdem Frankreich das Monopol für das einzuführende Holz in Anwendung gebracht habe. Dieses Nachbarland drücke durch seine Agenten sehr auf die Preise und desshalb [sic] sei Gegendruck durch geschlossene Organisation unbedingt erforderlich. Die Bundesbehörden nehmen sich dieser Angelegenheit an, und es sei zu erwarten, dass sämtliche Ausfuhrbewilligungen nur durch diese Exportgenossenschaft gehen, welche wiederum für richtige Verteilung sorge. Die notwendige Statutenrevision erfordere Zeit, wesshalb [sic] die Versammlung nicht n. Wattwil verlegt werden konnte, wie beschlossen wurde, indem die Zugsverbindungen nicht günstig seien.

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Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 309/1.1 (Protokolle vom 5.05.1917 und 12.05.1917)

Freitag, 11. Mai 1917 – Erste Badefreuden in Hof Oberkirch

In der Schulchronik des Landerziehungsheims Hof Oberkirch bei Kaltbrunn heisst es zu diesem Tag:

Heute konnten wir zum ersten Mal baden. Über alle Erwarten war das Wasser sehr warm. Die meisten Schüler stürzten sich in das frische Nass, das uns nur bis zur Brust reichte, nur der Welti, oder die Gasmaske[,] begnügte sich mit der fernen Ansicht des Wassers.

Die 1909 gegründete Schule hatte ein eigenes Schwimmbad, das Schüler und Lehrer zusammen in den ersten Jahren des Schulbetriebs gebaut hatten:

Schwimmbadbau

Der Eintrag zum 4. Mai 1917 in der Chronik enthält eine hübsche Geschichte zum Thema «Fremdwörter sind Glücksache»:

Der Niki fabrizierte seinen neusten Witz auf dem Hof in diesem Trimester. Er sah den Neger [Übername für einen Schüler oder Lehrer] mit einem Panamahut herumlaufen und sagte zu einem andern: «Hast Du gesehem [sic] der Neger hat ein Panoramahüetli an!» 

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 127 (Hofchronik 1915-1921; Fotosammlung, das Beitragsbild stammt von einem Eltern- und/oder Althöfler-Besuchstag, vermutlich aus den 1920er Jahren)

Kloster Glattburg

Montag, 7. Mai 1917 – Thürlemann fotografiert, grosse Wäsche und eine Hochzeit

Beitragsbild: Fotografie des Klosters Glattburg von Osten, die Architekt Johann Baptist Thürlemann (1852-1939) am 7. Mai 1917 aufgenommen hatte. Die Beschreibung erfolgt in seinem Tagebucheintrag:

Montag den 7. Mai [1917]

dunkler, stark bewölkter & sehr kühler Tag. – Die Wolken hiengen [sic] tief & schwer am Himmel. – Sehr herbstlich. – Den ganzen Tag scharfer, frischer Ostwind. Abend & Nacht dunkel. Gegen Morgen Regen. –

Vormittags von 840 bis 940 war ich beim Arzt in Niederutzwyl. Er erklärte, mein Uebel bessere & ich brauche nur mehr alle andern Tage zur Heissluftkur zu kommen. – Ich finde noch keine merkliche Besserung. –

Caroline hatte heute eine Wäsche & war von Morgen früh bis abends spät damit beschäftigt.

Nachmittags von ¾ 1 Uhr bis gegen 4 Uhr war ich mit meinem photographischen Apparat in Ebersoll [sic] & Glattburg, um 2 Aufnahmen vom Kloster Glattburg zu machen.

Die 1ste Aufnahme bewerkstelligte ich von der Westseite des Klosters, wo ich den Apparat am Tobelrande an der Strasse aufgestellt hatte. Die Bäume & Sträucher hinderten eine deutliche Wiedergabe der Gebäulichkeiten.

Um ¾ 2 Uhr photographierte ich die Westansicht. 13 x 18 cm. Blende 8 mm Belichtungszeit: 4 Sekunden.

Ich begegnete hiebei mehreren Klosterfrauen, die auf den Wiesen arbeiteten.

Nach der Aufnahme kehrte ich auf die Ostseite des Klosters zurück & umgieng [sic] die Ringmauer auf der Südseite, wo ich noch einige Vermessungen vornahm.

Von da verfügte ich mich (2 ¼ h) auf den Fussweg nach Ebersoll, bis nahezu auf die Höhe.

Dort stellte ich meinen Apparat nochmals auf & photographierte um ½ 3 Uhr nachm. die Ostseite des Klosters, bei einfacher Linse (: indem ich die hintere Linse herausgenommen hatte, behufs Erzielung eines grösseren Bildes : )

Belichtungszeit 4 Sekunden, Blende 8 mm. – Einpacken des Apparates & Rückkehr nach Ebersoll. Von dort den Fussweg hinunter zur Thurbrücke, Sonnenburg, & über die Wiesen nach Hause zurück, wo ich gegen 4 Uhr abends anlangte.

Im «Hirschen» fand nachmittags Gemeinderathssitzung [sic] statt, wobei die Käufe [sic] von August Scheiwiller, der am 28. April a.c. das Anwesen zur «Sonnnenburg» (Ziegelhütte) von J. Schaffhauser gekauft hatte (60000 Franken, mit 13 Stück Vie; sämtlichen Geräthschaften, 2 Häusern u.s.w.) – und derjenige von Emil Fürer im Buchen, der die Liegenschaft mit neuem Wohnhause an der Landstrasse um 57000 Frs. (leer & ohne irgend welche Zugabe) käuflich erworben hatte – ratifiziert wurden.

Neffe Ludwig betheiligte [sic] sich heute als Kutscher bei der Hochzeit seines Vetters S. Fräfel von Henau, mit Louise Sutter von Niederutzwyl. Die 5 Kutschen fuhren vormittags 10 Uhr hier vorbei nach Romanshorn und kehrten abends 9 ¼ Uhr wieder von dort zurück. – Im «Hirschen» wurde kurzer Halt gemacht, gesungen & musiziert. Um ½ 10 Rückfahrt nach Henau.

Unter den Hochzeitsgästen war auch Pfarrer Högger von Bütschwil, ein Verwandter des Bräutigams.

Ich las abends die Zeitungen, die wenig Neuigkeiten enthielten.

Von 6 bis 7 ¼ h abends besuchte mich mein Bruder Ludwig. –

Ich begab mich gegen 10 Uhr zu Bette.

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 035b (Familie Thürlemann zum Hirschen, Tagebücher von Architekt Johann Baptist Thürlemann, 1852-1939) und ZOA 008/1.038 (Fotografie von Johann Baptist Thürlemann, aufgenommen am 07.05.1917)

Sonntag, 6. Mai 1917 – Jedem Rausche folgt Ernüchterung

Nach seinen Frühlingsferien ist der jugendliche Tagebuchschreiber mit St.Galler Wurzeln, Ernst Kind, wieder zurück in der Kantonsschule in Zürich:

Meine Mondschwärmerei hat gestern einen Hieb bekommen, als uns «Spatz» (Dr. Zollinger) im Deutschunterricht Wilhelm Raabe’s Novelle «Deutscher Mondschein» vorlas. Ich fühlte mich ein wenig vor den Kopf gestossen. Aber ich denke jetzt doch, mein bisschen romantischen Anhauch behalte ich ruhig, so lang er nicht von selbst geht. Dass es mit dem Schwärmen nicht getan ist und dass man sich das nur eine Zeitlang erlauben darf, weiss ich wohl. Aber umso mehr tue ich es jetzt noch, da ich das Gefühl habe, mir sei es noch erlaubt.

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 073/2.1 (Tagebuch von Ernst Kind, Jg. 1897), W 238/02.12-60 (Postkarte von 1906). Die Fotografie stammt wie das Tagebuch aus dem Nachlass von Ernst Kind.

Freitag, 4. Mai 1917 – Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…

Der beginnende Frühling weckt – unterstützt durch die schönen Künste – auch beim Zürcher Kantonsschüler mit St.Galler Wurzeln, Ernst Kind (Jg. 1897), die Lebensgeister:

Aus der Ferienreise in den Jura ist nichts geworden. Bis Schulanfang war das Wetter ganz abscheulich und Papa [Schweizer Berufsoffizier] hatte von der Grenze geschrieben, dass der Schnee im Jura das Fortkommen mit Wagen fast nicht möglich mache; also für eine Radfahrt absolut ungangbare Strassen. Nach Peseux bin ich nun natürlich auch nicht gekommen und habe darüber im Stillen viel getrauert. Aber schon am ersten Schultag haben wir uns wieder begegnet. –

Ungefähr seit 26. April ist das Wetter jetzt herrlich, auch warm, und das hat ein beinahe unglaublich plötzliches Wachstum in der Natur zustande gebracht, sodass der Maianfang mitten ins allererste Grünen gefallen ist. Mir ist dieser Mai ein Erlebnis geworden; ich habe den Frühling noch nie mit so starken Gefühlen erlebt; ich bin geradezu in ein romantisches Schwärmen geraten; es mag sein, dass dazu noch beigetragen hat, dass in den letzten herrlichen und warmen Nächten der Mond sich dem Vollmond nähert. Und ich glaube, ein seelisch irgendwie empfindsamer Mensch wird jedesmal zum Romantiker, wenn er eine warme Frühlingsnacht erlebt, besonders wenn er vorher wochenlang nichts als Regen und Schnee gesehen hat. Letzte Woche bin ich dreimal von Herrn Federer in die Konzerte des Klingler-Quartetts eingeladen worden und habe ihn nachher heimbegleitet; dann haben wir beide miteinander Mondscheinspaziergang gemacht und unsere romantische Sehnsucht zu stillen gesucht. Mein Sehnen hat ja einen realen lebendigen Hintergrund; er wird eben als Dichter gefühlt haben. –

Ein grösseres Erlebnis aber war für mich der Konzert-Abend von Nikisch am 30. April. Ich hatte ewas wie eine Ahnung; ich hoffte heimlich, Margrit P. dort zu sehen. In der Pause sah ich sie mit ihrer Freundin. Aber ich wagte nur einen Gruss mit dem Kopf; angesprochen habe ich sie nicht. Nachher fühlte ich, dass das eigentlich etwas ganz natürliches gewesen wäre; gekannt hätte ich sie doch genug dazu, nachdem ich einen ganzen Winter mit ihr zusammen Tanzstunde gehabt habe. Aber ich bin eben so viel in Gedanken mit ihr beschäftigt, dass ich fürchtete, ein Anreden hätte auffallen müssen. Aber ich bin eigentlich glücklich gewesen, dass ich es doch nicht tat. Ich glaube, sie geht auch nicht gleichgültig an mir vorbei. In meinen aufgeregten und sehnlichen Stimmung habe ich auf dem Heimweg vom Konzert noch auf der Strasse (bei einer Laterne) ein paar seltsame Verse geschrieben, die ich aber nicht verbessern will, trotzdem sie nur im ersten Taumel geschrieben wurden. Auch weiss ich wohl, dass ich mich (damals zwar kaum bewusst) in den letzten 4 Zeilen an eines aus der Müller-Liedern anlehne. Übrigens haben die Verse keinen Anfang, ich begann eben gerade da, wo meine Erregung ihren Höhepunkt erreicht hatte, als ich an Margrit P. vorbei gegangen war, aber nach 10 Schritten, einem heftigen Zwang folgend, mich umgedreht hatte und in gleicher Richtung wie sie ging.

Die Liebste sah ich wohl,

Wie sie ihr Köpfchen wandte und ihr ängstlich Auge

Schon durch die Menge streifte.

Doch als meinen Blick sie traf,

(Der ich beklommen in die Ecke war getreten)

Da schlug sie schnell die Augen nieder

Und ihr Köpfchen drehte rasch sich weg.

Mir aber ist der Blick

Ins Herz gedrungen, und es bebte lange. –

Ich gehe langsam heim durch stille Strassen.

Der Mond spielt mit den Wolken seltsam Spiel;

Sie gleiten schnell an ihm vorbei und ziehen weiter

Am einsam funkelnden Nachthimmel hin,

Wie weisse Schwäne ziehen auf dem dunkeln Wasser.

Ihr stillen Wolken, fragen wollt ich euch

– Doch wüsstet ihrs, ihr könntets doch nicht sagen –

Hat wohl das liebe Mädchen mich gesucht,

Als es sein Köpfchen scheu und ängstlich wandte?

(Geschrieben auf Notizblatt unter einer Strassenlaterne beim Mühlebachschulhaus Nachts 11 Uhr, 30 April.)

Vor 3 Tagen, also am ersten Mai, war Herr Federer Abends ein wenig bei uns, und ich musste ihm u.a. auch das herrliche Lied «Frühlingsglaube»: «Die linden Lüfte sind erwacht», vorspielen. Die Singstimme konnten wir uns jeder selbst denken, (Mama war ja nicht da; also wurde sie nicht gesungen) und die Begleitung ist schon für sich etwas Wunderbares. Jetzt erst verstehe ich dieses Lied und fühle, wie tief es in Wort und Melodie ist. Ausser diesem Lied gehen mir jetzt noch einige andere immer wieder durch den Kopf, die ich alle jetzt so recht mitfühle, vor allem die ersten Verse von Lenau’s Lied: «Lieblich war die Maiennacht», … dann auch ein einfaches Mittelhochdeutsches mit unbekanntem Verfasser: In liehter varve stât der walt, der vogel schal nu doenet …. . Und schliesslich habe ich wieder Horazens einzigartig schönes Lied auswendig gelernt: «Solvitur acris hiems…» (carm. I, 4) Es liegt etwas Sehnsuchtstärkendes darin, diese schönen Lieder wieder zu lesen; aber ich tue es deswegen doch, denn eigentlich ist dieses ständige Hoffen und Denken an etwas, das einem lieb ist, etwas Schönes, Belebendes, trotzdem es verzehrt, wie zwar eine grosse Flamme sich schneller verzehrt, aber dafür auch desto heller und schöner brennt. Einmal verbrennt auch die kleine, trotzdem sie nie hell gebrannt hat. Mein Lieben hat mich gerettet vor einem immer ärger werdenden philiströsen Pessimismus. Jetzt muss ich vor allem etwas zustande bringen: Ein Zurückfinden aus dem träumenden romantischen Schwärmerzustand zur Fähigkeit, zu arbeiten (das kann ich nämlich jetzt nicht recht und muss es doch wegen der nahenden Matura tun) und daneben die Kunst, meine Liebe in aller ihrer jetzigen Kraft und Sehnsucht zu erhalten. Das erstere wird schwer sein, das zweite nicht; sonst müsste ich an mir selbst irre werden.

Am zweiten Mai habe ich vor dem zu Bette gehen im Schlafzimmer versucht, meine Stimmung festzuhalten und mir einige Sätze aufs Papier geschrieben: «Die Maiennacht hat ihren Zauber über der Erde ausgebreitet, und die linde Luft fliesst durch mein Fenster herein. Ich fühle, dass etwas treibt und schafft in der stillen Natur. Der Nachtwind ist wie ein leises Streicheln, und er streicht über mein Gesicht wie beim Tanz das weiche Haar der Liebsten, wenn sie ihr Gesicht zur Seite neigt. Der herrliche Himmel glänzt aus unendlicher Ferne; seine strahlenden Sterne leuchten der Liebsten so hell wie mir. Alle Bäume stehen in ihrem Licht und wachsen; die volle Knospe ist zersprengt und hält das Leben nicht mehr, das jetzt zart aus ihr entspriesst.»

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 073/2.1 (Tagebuch von Ernst Kind, Jg. 1897) und W 238/04.06-07 (Postkarte um 1900, Originaltitel: «Schloss Werdenberg: Mondschein, Gruss aus Buchs»)

 

Fruehling, ca. 1918-1920

Mittwoch, 2. Mai 1917 – Lange-weile und Durchgreifen im Dienst

Franz Beda Riklin, im Militär im Rang eines Sanitätsoberstleutnants, hatte endlich die Hälfte seines Dienstes als Leiter eines Interniertenlagers im Waadtland hinter sich. Wie er in seinen Briefen vom 4. und vom 7. Mai schrieb, führte er straffes Regiment und wurde von den Instanzen, die in Betracht kommen, geschätzt: […] ich habe in einen ziemlichen Wirrwar [sic] von Intriguen [sic] u. Unfertigkeiten mit kräftiger Soldatenhand Ordnung gebracht. Trotzdem fühlte er sich nicht wohl: Ich weiss, dass man mir dankbar ist, und einen Respekt vor mir hat, oben und unten. Aber auch das nützt mich wenig u. kann nicht viel Befriedigung geben.

An seine Ehefrau schrieb er am 2. Mai:

Château d’Oex, den 2. Mai 1917.

Allerliebste Frau!

Jetzt hast Du einen Teil des Mädchenwechsels [Dienstbotenwechsel] hinter Dir; hoffentlich bist Du bald wieder anständig versehen. Bleibt Frl. Kärcher [?]?

Est [sic] ist mir beim besten Willen z. Z. nicht mehr möglich zu sagen, dass es hier interessant sei. Dazu ist zuviel Bureaudienst, u. das Einerlei einer Anstalt sozusagen. Es ist zwar Frühling; aber in der Nähe von Montreux, wo ich kürzlich war, ist die Natur viel weiter u. reicher. Hier ist verbessertes Unterwasser [wo die Familie die Ferien zuzubringen pflegte, vgl. die Beiträge vom 20. und 26. Juli 1916]. Das Hôtel ist sozusagen ausgestorben; was konnte, zog in’s Tiefland. Wenn ich Zeit genug für mich hätte, wollte ich mich wenigstens mit mir allein beschäftigen; aber es will doch täglich ziemlich viel erledigt sein. Und eigentlich geht einem die ganze Sache so herzlich wenig an! Dazu sind alle zu wenig Menschen. So sehne ich mich selbstverständlich ausserordentlich nach hause [sic]. Ich will übrigens ganz bestimmt auf den 15. ds. zu Besuch kommen; nur wird es nicht sehr lange sein; aber es ist dann doch jenseits der Hälfte.

Übrigens wundert mich sehr, ob alle drei eingeschickten Bilder angenommen sind. Weisst Du etwas darüber? Deine Sachen sind ja selbstverständlich alle angenommen worden.

Ich suche mich mit meinen Träumen abzugeben; denn es ist etwas im Tun. Aber dieser Dienst verträgt sich unendlich schlecht mit der Kunst, u. tötet mich halb, wenigstens geistig.

Ich plange [schweizerdeutsch für sich sehnen] also ausserordentlich aufs Wiedersehen. Wie gehts [sic] Mutter?

Allerherzlichste Grüsse von Deinem

Franz.

Auch Riklins Ehefrau, Sophia Riklin-Fiechter war künstlerisch tätig. Auf welchen Wettbewerb Riklin im Brief anspielte, lässt sich nicht nachvollziehen, im Bestand im Staatsarchiv St.Gallen gibt es keinerlei Spuren. Auch die bisherigen Publikationen über Franz Beda Riklin erwähnten ihre künstlerische Tätigkeit nicht, obwohl sie offenbar Erfolg damit hatte. In der Zeitschrift Heimatschutz beispielsweise ist notiert, dass sie bei einem Wettbewerb einen Preis erhielt. (Vgl. Mitteilungen über den Wettbewerb der Verkaufsgenossenschaft SHS zur Gewinnung von künstlerischen Reiseandenken, in: Heimatschutz, Jg. 15, 1920, Heft 2, S. 43, publiziert unter: http://www.e-periodica.ch/cntmng?var=true&pid=hei-001:1920:15::61)

Im Brief vom 10. Mai steht, dass Riklin vom 13. bis zum 16. Mai endlich den langersehnten Urlaub erhielt, um nach Hause zu fahren: Nachher muss ich dann intensiv auf meine Entlassung arbeiten; man möchte mich am liebsten gar nicht weg lassen; ich entdecke, dass ich eine Erlösung bedeutet habe; allerdings habe ich ganz furchtbar eingreifen müssen und mit eiserner Hand Intriguennester [sic] ausräuchern. Der Rauch ging bis in die Gegend des englischen Hofs. Und dann muss ich, Schweizer Soldat, zeigen[,] was militärisch heisst. Du kannst Dir kaum vorstellen, mit was für Mentalitäten man zu tun u. zu rechnen hat. Merkwürdig, dass ich dabei noch als ausserordentlich anständiger Mensch gelte. Ein schweizerischer Militärdienst ist in dieser Hinsicht ein Kinderspiel. Aber ich kann hier wenigstens mit der geistigen Überlegenheit wirtschaften, was nicht allzuschwer ist!

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 106 (Korrespondenz Franz Beda Riklin mit seiner Ehefrau) und ZOF 002/08.46 (Bildersammlung Psychiatrische Klinik St.Pirminsberg, ca. 1918-1920)