Dienstag, 19. Juni 1917 – Ein Telegramm jagt das andere

Der St. Galler Bundesrat Arthur Hoffmann nahm 1917 eigenmächtige Sondierungen hinsichtlich eines Friedensschlusses zwischen Deutschland und Russland auf. Ein Telegramm, das er in bester Absicht nach St. Petersburg schickte, wurde indes öffentlich – und ihm zum Verhängnis. Die Angelegenheit weitete sich schnell zur Affäre aus und zwang ihn schliesslich zum Rücktritt.

Auch der Presse dienten Telegramme als wichtiges Kommunikationsmittel, wie hier im Tagblatt, wo auf der Redaktion fortlaufend (Privat-)Telegramme aus Bern eingingen:

Bern, 19. Juni. Herr Bundesrat Hoffmann hat am Tage der Vollendung seines 60. Lebensjahres sich, wie man zu allgemeinem, tiefem Schmerze vernehmen wird, veranlasst gesehen, seinen Rücktritt aus dem Bundesrat zu erklären. Es geschah wegen des Bekanntwerdens eines aus der herzlichen Bemühung um Förderung der Rückkehr zum Frieden unternommenen Schrittes, der von einer der kriegführenden Mächte als unfreundlicher Akt übel aufgenommen worden ist.

Bern, 19. Juni (-x- Privattelegr.) Niemand zweifelt daran, dass Herr Bundesrat Hoffmann sich bei seinem Vorgehen von der alleredelsten Absicht leiten liess und dabei unter keinem Einflusse, sondern aus freiem Entschlusse heraus handelte. Aber man begreift in Bern nicht, dass in dieser so eminent wichtigen Angelegenheit der Bundesrat nicht begrüsst und Nationalrat Grimm als Mittelsperson benützt wurde.

Im Laufe des Nachmittags hiess es, Herr Bundesrat Hoffmann habe dem Bundesrat seine Demission eingereicht. Die gestern Nacht ausgegebene Nachricht bestätigt sich nicht. Vielleicht bringt der heutige Tag eine Abklärung in der ernsten Krisis.

Bern, 19. Juni. (Privattelegr.) Der Bundesrat hat die heute morgen bei ihm eingereichte Demission des Herrn Bundesrates Dr. Hoffmann noch nicht angenommen. Der Bundesrat befindet gegenwärtig in Sitzung. [sic]

Annahme der Demission des Herrn Bundesrats Hoffmann.

-x- Bern, 19. Juni. (Priv.-Tel.) Der Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung nach längerer Beratung die Demission des Herrn Bundesrat Hoffmann angenommen. Das Schweizervolk wird mit grösstem Bedauern von der Tatsache des Rücktritts Kenntnis nehmen.

Die vollständige Frontseite des Tagblatts mit dem Zeitungsbericht in Frakturschrift:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZOF 002/02.04 (Fotografie Wilhelm II. und Bundesrat Hoffmann beim sogenannten „Kaisermanöver“ von 1912 im Raum Kilchberg und Wil), P 909 (St.Galler Tagblatt)

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