Gruss von Papa

Montag, 20. August 1917 – Vater und Tochter: „1000 herzl Grüsse Papa“

Agnes (Ebneter-)Müller (1887-1973), Tochter des Staatsschreibers Othmar Müller (1859-1923), fasste in mehreren handschriftlichen, mit Fotos und Zeichnungen illustrierten Bänden ihre  eigene und die Familiengeschichte zusammen. Sehr häufig ist darin von ihrem Vater die Rede. Die beiden hatten offenbar ein inniges Verhältnis. Hier sind sie auf einer Foto von 1921 zusammen zu sehen. Anlass war ein Besuch von Agnes Müller bei ihrem Vater, der in Heiden Ferien machte:

Vater und Tochter 1921

In diesem Beitrag berichtete die 20-Jährige (vgl. Beitrag vom 18. August), wie sie von zu Hause fortging, um in Bern eine Bürostelle anzutreten:

Montag, 19. Aug, Meine Reise nach Bern (Bundeshaus) [Die Datierung ist falsch, entweder war es Sonntag, der 19. August oder Montag, der 20. August 1917]

Papa kam mit an die Bahn; mir war sehr weh ums Herz. Papa hatte so etwas Einfaches, ganz Klares in seinem Abschiednehmen, er gab nicht viel Ermahnungen, höchstens sagte er „ja für dich habe ich keine Angst, du wirst das schon recht machen“. Sein grosses Zutrauen + sein überzeugter Glaube an mich + mein Wirken war mir das grösste + wertvollste Abschiedsgeschenk. – Wie ich in den Zug einstieg + der sich langsam in Bewegung setzte[,] sah ich nur immer ihn an – dann sah ich auch (bewusst zum erstenmal [sic])[,] dass seine Augen voll Tränen waren.

Vom 19. Aug. 17 bis 12. Dez. 18 war ich in Bern. An Papa hab ich dann oft telephoniert vom Büro aus, gewöhnl. an einem Samstag. Er war immer gleich in Stimmung. Nie war er ungehalten über mein Stören, und jedesmal am Schlusse gab er mir noch die Mahnung „gib der au jo recht Sorg!“

Briefe hat Papa nicht viel geschrieben, dafür Kartengrüsse. Wenn er einen Ausflug machte, dann schickte er mir auch jedesmal einen Kare. In den Briefen hatte er einen etwas veralteten, umständlichen Styl [sic], lange Sätze + etwas formell; aber immer herzlich + voll Güte. Bei jedem Brief hab ich denn auch eins oder auch ein paar Sätzli gefunden, aus denen seine Liebe bes. warm hervorgeleuchtet hat. –

Dann sandte er mir immer von Zeit zu Zeit St.Galler-Zeitungen als Drucksache + da stand in jeder Zeitung zwischen den Zeilen oder am Rand „herzl. Gruss Papa“ oder „Gib dir Sorge“ oder „wie geht’s dir“ – „Schönen Sonntag“ -[„]inniger Gruss Dein Papa“. –

Im Mai 1918 hat man in St.Gallen Papas 30jähriges Jubiläum gefeiert; viele Gratulationen & manch Zeitungsbericht[,] alles Ehrungen, die Papa in seinem Innersten doch begrieflich so sehr freuten. –

Im Juli 1918 ging Papa nach Passugg in den Kronenhof, weil der Arzt Zuckerbefund konstatierte & er dort eine Kur durch Baden & Trinken verordnete.

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Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 287/09.1.6 (Text, Foto und Beitragsbild: im Buch eingeklebter Zeitschriftenausschnitt mit dem Vermerk „1000 herzl Grüsse Papa„)

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