Adele Berner-Wenner, Brief

Samstag, 6. Oktober 1917 – Der Winter naht

Die verwitwete Adele Berner-Wenner machte sich zunehmend Sorgen, wo sie sich den Winter über einquartieren könnte und was sie mit ihrem schulpflichtigen Sohn machen sollte. Ihrer Schwester Silvia schrieb sie:

[Randnotiz:] Erhalten – i[n] Fratte

Montreux.

Samstag, 6. Oct. 1917.

Meine liebe Silvia,

Vorgestern habe ich Deinen ersten Brief von Ende Aug. bekommen, der wirklich etwas lange zur Reise gebraucht hat, & jetzt verwundert es mich nicht mehr[,] dass ich nie einen Brief von Dir bekommen hatte. Ich danke Dir aber nachträglich dafür. – Ich hätte so gern von Dir gewusst[,] ob Du glaubst[,] dass es Mama freuen würde zum Geburtstag ein electr. Pfännchen zu haben, das 1 lt. fasst, & so ein wenig die Form einer Theemaschine hat, oder ob ihr das kleine genügt, das sie hat. Sage mir die Antwort nur per Postkarte. –

Emily hat mir Deinen letzten Brief vorgelesen, als ich am 24. Sept. zu ihnen kam. Dann habe ich auch einen lieben langen Brief von Mama bekommen[,] für den ich ihr vielmal danken lasse. Es tut mir so leid[,] dass Tante Jeanne krank ist, es ist wirklich recht traurig, & der arme Onkel hat nie auch ein wenig Freude haben können in den letzten Jahren. –

Seit vorgestern bin ich hier bei Gaspard’s [?] zu einem kleinen Besuch, am Montag bin ich wahrscheinlich wieder im Bellevue.

Nachdem wir 3 volle Wochen das wunderbarste Wetter gehabt haben, hat es sich vor 2 Tagen plötzlich verdorben, & heute nacht hat es bis ganz nach herunter geschneit. – Das wird vielleicht der Grund sein[,] dass Alex früher Ferien bekommt, denn diese fangen erst an, wenn es reichlich so kalt ist[,] dass man heizen müsste entweder am 20[.] oder 27. Oct. & dauern dann 14 Tage. Wenn sie erst so spaä stattfinden, so gehe ich mit Alex vielleicht in’s Wallis, wo es nicht so kalt ist, denn Pauls sind dann am aufpacken. – Für die Winterferien war Clara so gut[,] mir anzubieten vom 4[.] Jan. an Alex in’s Hôtel in Zuoz zu sich zu nehmen, was ich sehr dankbar angenommen habe, & für die 10 Tage vorher will ich noch einmal Frau Pfarrer anfragen, ob es ihr möglich wäre. – Hoffentlich giebt [sic] es nicht wieder es nicht wieder einen so langen Winter, wie der letzte, es wäre recht schlimm mit dem argen Kohlenmangel; es muss schrecklich sein so zu frieren. –

Ich habe es die ganze Zeit & überall herrlich, & habe Angst[,] dass ich furchtbar verwöhnt werde. Bevor ich nach Bellevue kam, hatte ich noch eine arge Hetzerei, das kann ja nicht anders sein, wenn man sich noch so Mühe giebt [sic], aber dann war es in Bellevue so wunderbar, dass wir die ersten Tage nicht einmal nach Genf gingen. Es war so blau & duftig, & so still am See, & die Sonne so herrlich[,] dass man [es] in Waschkleidern gerade recht hatte. Der grossen Obstsegen giebt [sic] auch viel zu tun, man pflückt, sortiert, & richtete einen Korb nach dem andern, der verschenkt wird. – Hier habe ich Gaspard’s beide wohl getroffen, Marcelle hat zwar immer mit Rheumatismus zu schaffen, aber G. ist gut dran & sehr leistungsfähig. Die kleine Lise ist reizend[,] so ein Muster von guter Erziehung, das versteht Marcelle aus dem Fundament. Am Morgen trägt sie Spielhöschen, & am Nachm. Replums [?] in allen Farben, & tanzt einher wie ein kl. Schmetterling. – Ich hoffe[,] dass es bei Euch immer gut geht, & dass Ihr Euch bei kühlerem Wetter recht schön von der Sommerhitze erholt. – Kann Maria den Kleinen noch gut stillen? & nimmt [sic] er schön zu? M. schrieb Emily[,] dass Gianni etwas zugenommen habe, ob er nicht mehr zu essen bekomme. Aber vielleicht jetzt hat man anfangen können. Führt sich die Balia [?] wieder recht auf? & will [sic] sie weiter bleiben? –

Die Cousinen sind jetzt in Lugano auf etwas 14 Tage, & denke Dir[,] ich darf wieder zu ihnen, wenn ich Alex zur Schule zurück bringe, für die wenigen Tage. – Sie hatten Lorly noch 8 Tage bei sich, die sich natürlich etwas langsam erholt, denn es war eine schwere Operation. Lorly liess Mama für ihren lieben Brief sehr danken. –

Marcelle lässt Euch alle sehr grüssen. Auch von mir viele herzliche Grüsse an Euch alle, gross & klein, im grossen & kleinen Haus. – Dich, liebe Silvia, umarmt mit einem innigen Kuss

Deine Dich herzlich liebende

Adèle Berner.

In der Korrespondenz von Silvia Wenner findet sich ein weiterer Brief ihrer Schwester vom 4. Januar 1918 aus Zuoz im Oberengadin. Darin schreibt Adèle Berner-Wenner, dass Clara Peters-Wenner (1874-1944), eine weitere Verwandte, mit ihrem Sohn Max (1907-1988) ebenfalls ins Engadin gekommen sei und dass sie ihr ihren Sohn, Alex Berner, während des Rests der Neujahrsferien in Obhut geben könne. Adèle Berner-Wenner fand bis Anfang Februar wieder Unterkunft bei den Cousinen Zürich, von denen in anderen Briefen die Rede ist. Danach reiste sie, wie ein weiterer Brief vom 19. Februar 1918 belegt, offenbar weiter nach Rom.

sie ihren Sohn einer Verwandten, Clara Peters-Wenner, in Obhut übergeben könne. Cla, die mit ihrem

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 Quellen: W 054/127.4.2 (Briefe an Silvia Wenner)

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