Emily und Paul Fatio-Wenner

Mittwoch, 27. November 1918 – Generalstreik und Grippe aus Sicht einer bürgerlichen Frau

In ihrem Brief an Silvia Wenner berichtete Emily Fatio-Wenner (1881-1961) unter anderem vom landesweiten Generalstreik vom November 1918 in der Schweiz:

[Randnotiz:] Erhalten i. Fratte

Bellevue près Genève, Mittwoch, 27/II-1918

Meine liebe Silvia

Soeben erhalte ich Mama’s l. Brief vom 5. Nov., sowie den Deinigen vom 9. & Deine Karte vom 14. Tausend Dank Euch Allen, wir sind froh & dankbar um die guten Berichte. Seit mehr als 3 Wochen wussten wir nichts mehr von Euch & fingen an[,] etwas besorgt zu sein. Ja, welch grosse, unglaubliche Ereignisse erleben wir! In der ganzen Schweiz ist die Freude u. Dankbarkeit gross! – Wir durchlebten recht angstvolle Tage, die die Unruhen & die grève générale [Generalstreik] bringen. Aber wie ein Mann stellte sich das ganze Land, die Truppen strömten herbei wie vor 4 Jahren, ein Jeder aus allen Ständen gleich fest entschlossen[,] bis zum äussersten seine Pflicht zu tun. Dank dieser Einigkeit & diesem festen individuellen Auftreten, ist man ja auch merkwürdig rasch der Bewegung Meister geworden. Aber welche Empörung in aller Herzen zurückgeblieben ist, sehen die fremden Elemente [nicht], die zu uns herübergeschickt worden sind[,] um mit Geld und allen erdenklichen schändlichen Mitteln Aufruhr zu stiften, im Augenblick[,] wo die Niederlage nicht mehr zu umgehen war, das kannst Du Dir kaum denken! Es kocht nur so bei jung & alt, & jedes Fünkchen Sympathie ist vergangen. Zu vieles ist an’s Tageslicht gekommen! – Paul stellte sich gleich am ersten Morgen der Tramdirektion, & fuhr gleich mit einem Tram als erster auf unserer Linie Molard-Genève. Du hättest dieses Erstaunen sehen sollen (es wagte aber niemand zu mu[c]ksen[)]. Am nächsten Tag präsentierten sich zwei Andere, & so machte er dann den vollen Dienst wä[h]rend zwei Tagen. Noch viele andere Herren hier versahen ähnliche Dienste, was ohne Ausnahme hochgeschätzt wurde. –

Leider forderte die Mobilisation die unter so schwierigen Transportbedingungen vor sich gehen musste sehr viele Opfer. Fortwährend hört man von neuen Todesfällen durch die Grippe, es ist ein Jammer. Unter der Zivilbevölkerung hat die Krankheit stark abgenommen. Bei Guillaume’s hatten sie Nola [?] und Victor seit 3 Tg. seitdem er aus dem Dienst zurück ist. Es geht ihnen aber befriedigend. – Hier zu Hause sind wir alle wo[h]l & können nicht dankbar genug darüber sein. – Adèle kam am 19. zu uns zurück. Sie war noch recht blass, müde & hustete noch ziemlich.  Sie hat sich aber schon recht erholt, sieht besser aus, der Husten ist vorbei, & sie ist wieder unternehmend & aufgeräumt. In Zürich war es eben schon ganz grau, neblig & viel kälter wie hier. – Alex ist am 23. wieder abgereist, & am 25. ist seine Schule wieder angegangen[.] Er sah prächtig aus, & hatte sich wirklich förmlich herausgegessen [sic] [.] Er hat seine Ferien wie noch nie genossen, da André auch keine Schule hatte, waren sie beständig beisammen. Ich finde Alex wie umgewandelt, besonders wenn er ohne seine Mutter ist. Aber auch mit ihr ist er viel netter. – Wir haben im Sinn[,] nächste Woche abzureisen. Die Hauptsache ist vollständig in Ordnung, was eine grosse Erleichterung ist. Aber die Züge hier in der Schweiz erschweren einem das Reisen sehr. Adèle verlässt uns am Samstag morgen, & geht noch für einige Tage zu Marcelle. Den Cousinen geht es allen gut. – Anne schrieb am 22. Nov. Sie hatte auch die Grippe gehabt[,] zum Glück nicht schlimm, & war 8 Tg. zu Bett gewesen, fühlte sich aber wieder ganz wo[h]l. sie sei rührend & ausgezeichnet gepflegt worden. In der Familie sei sie bis jetzt die einzig Kranke gewesen, aber es habe in der Stadt sehr viele Fälle. Sonst lauten ihre Berichte gut, nur scheint es mir[,] sie denkt über vieles noch recht konfus, obschon so viele schon ganz umgesattelt haben. – Es ist wieder viel milder geworden, was wir sehr geniessen. – Ich schreibe am Donnerstag fertig & hat Adèle heute 2 Briefe von Mama & einen von Dir erhalten, für welche sie Tausendmal [sic] danken lässt. Wir sind so froh[,] viele détails zu vernehmen, die wir uns oftmals gefragt hatten. Tausend Grüsse von uns dreien an Euch Alle. Es küsst Dich von ganzem Herzen Deine Dich innig liebende Emily.

Emily Fatio-Wenner war ab 1905 mit Paul Fatio (1874-1961) von Genf verheiratet. Fatio war als Ingenieur in Neapel, Rom und Genf tätig.

Zu dem im Brief erwähnten Alex Berner und seiner verwitweten Mutter, Adele Berner-Wenner, sind bereits folgende Beiträge erschienen: 9. Juni 1917, 22. August 1917, 11. September 1917 und 6. Oktober 1917.

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/127.4.2 (Briefe an Silvia Wenner, 1917-1921) und W 054/126.9.8 (Beitragsbild)

 

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