Lily Wenner

Dienstag, 3. Dezember 1918 – Zwischendurch hatte ich eben die Grippe …

Korrespondenz zwischen den Schwestern Lily Wenner (1877-1959, Beitragsbild) und Silvia Wenner (Bild unten im Beitrag):

3. Dezember 1918

Meine liebe Silvia

Vorgestern brachte mir die Post Deinen lieben Brief & Mamas Fortsetzung von ihrem Brief vom 2. Nov. Euch beiden viel[en,] viel[en] herzlichen Dank. Wie sehr habe ich mich über alles gefreut, besonders dass es Euch Lieben allen wieder gut geht. Ja, Du hast sehr recht, mein liebes Kleinsele, wenn das Aneinanderdenken einem näher rückte, dann wären wir gewiss schon längst beisammen, denn dann hätten auch meine Gedanken schon eine gehörige Anzahl von Kilometern zurückgelegt. Hoffentlich haben wir nun aber bald diese Gedankenwanderung hinter uns & bringt das neue Jahr auch ein frohes Wiedersehen!

Du sagst, Ihr hättet schon so lange nichts mehr von mir gehört, hast Du vorher meinen Brief vom 26. Oktober nicht erhalten? Das wäre mir leid! Ferner muss noch ein Brief von Mama vom 24. Nov. unterwegs sein. Zwischendurch hatte ich eben die Grippe & war gute 14 Tage zu nichts Gescheitem zu gebrauchen. Zum Glück bin ich aber längst wieder ganz wohl. Bei der Gelegenheit ist es nur klar geworden, dass ich, in der ganzen langen Zeit, die ich hier wohne, noch nie auch  nur im Bett gefrühstückt  hatte, wofür ich nicht dankbar genug sein kann. Da kannst [Du] Dir aber auch denken[,] was es für einen Eindruck machte, als ich nun wirklich einmal zu Bett bleiben musste. Ich kann gar nicht sagen[,] wie rührend lieb ich von allen Seiten gepflegt wurde! – Aber nun muss ich Dir noch ganz besonders herzlich für Dein reizendes Bild danken. Ich finde es ganz ausgezeichnet, also, weisst Du Kleinsele, picfein [sic]. Ich habe grosse, grosse Freude daran. Es ist ein herrlicher Zuwachs zu der Bildergallerie [sic] auf meinem Schreibtisch, die mein Zimmer so heimelig macht. Auch die Bilder der Kinder & ihrer Mütter sind reizend. – Hier geht es wie es eben gehen kann, gesundheitlich, zum Glück, soweit gut. Leider haben wir gestern die Nachricht bekommen, dass Anna nicht mehr an ihrem bisherigen Aufenthaltsort bleiben kann & einstweilen auch nicht dahin ziehen[,] wo Du sie zuletzt im Sanatorium besucht hast. Somit werden sie & ihr Fräulein nächste Woche auf unbestimmte Zeit hier erscheinen[,] was uns natürlich etwas zu denken gibt. Hoffentlich geht es ruhig ab, aber eine grosse Erschwerung des an und für sich schon nicht leichten Lebens ist es eben doch. Wenn es nur nicht lange dauert. – Nun ist mein Papier wieder zu Ende und ich schliesse daher mit meinen allerherzlichsten Grüssen für Euch Alle Gross & Klein. Den Eltern sage ganz besonders innige Grüsse. Auch meine Umgebung grüsst vielmals. – Dich selbst aber umarmt in treuer Liebe Deine so viel an Euch denkende Schwester Lily Wenner.

„Kleinsele“ war der familieninterne Kosename für Silvia Wenner (1886-1968, ab 1925 verheiratet mit Hermann Ochsenbein). Der Kosename kommt auch in anderen Briefen an sie vor, vgl. die Beiträge zum 11. September 1917 und zum 24. Juli 1918. Hier ein undatiertes Porträt von ihr:

Silvia Wenner

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/127.4.2 (Korrespondenz Silvia Wenner) und W 054/124.9.8b (Beitragsbild, Lily Wenner, um 1920) sowie W 054/127.9.3d (Silvia Wenner, undatiert)

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