Musterbeispiel

Mittwoch, 18. Dezember 1918 – Folgen der Grippe

Fraefel & Co. mit Hauptsitz in St.Gallen war 1883 gegründet worden.  Die „Anstalt für kirchliche Kunst“ stellte (s. Beitragsbild), bei weitem nicht nur Artikel für den liturgischen Gebrauch her. Bereits 1888 exportierte sie Produkte nach Deutschland und in die USA. Von 1912 bis 1929 besass sie Niederlassungen in Toledo (Ohio, USA), Chicago und New York.

Der im nachstehenden Brief angesprochene und hier abgebildete, 1888 geborene Gallus Fraefel war in die USA ausgewandert und lebte in Toledo (Ohio):

Gallus Fraefel

St.Gallen, den 18. Dez. 18.

Lieber Gallus!

Bestätige dankend Deine beiden Briefe v. 18. Okt. & 16[.] Nov. Diese Briefe sind etw. spät eingetroffen. Den Brief an Wellauer adressiert habe ich erhalten & brauchst keine Sorge darüber zu haben. Dass ich Deine Briefe nicht sofort beantwortete[,] war Schuld meiner Krankheit (Grippe)[.] War im Spital[,] hernach in der unteren [sic] Waid b. Mörschwil & bin hoffentl. wieder auskuriert. Doch muss ich noch sehr vorsichtig sein & bin auch noch sehr müde & schwach[.] Deine 5 Photos habe ich auch erhalten[.] [Es] Erfreut mich Dein guter Gesundheitszustand. Die geschäftl. Lage hier in St.G. ist allerdings kritisch, immerhin ist[‚]s noch zum aushalten [sic,] da wir jetzt doch den Frieden vor uns haben[.]

Alfons Fraefel

Mit Alfons [s. Bild nebenan] ist es nun so: Wegen Krankheit v. ihm selbst & nachträgl. seinen Stickerinnen kam sein Geschäft in grosse Stockung[,] was ihn finanziel[l] derart hernahm[,] dass er alle Hoffnung aufgab. Er entlies[s] seine Arbeitskräfte & war in Schulden[.] Dagegen machte er den grossen Fehler, dass er Vater zwingen wollte[,] den Erbteil der Mutter auszuhändigen & steckte das alles hinter einen Advokaten. Das ist natürlich ganz unschön v. ihm & Vater hatte viel verdruss [sic]. Ich stand letzterem bei & ging dann n. Zürich[,] um Alfons ins Gebet zu nehmen. Mit Mühe gelang es uns[,] einig zu werden & Vater hat ihm 1000 fr. gegeben mit der schriftl. Verpflichtung, dass Alf. auf diesen Erbteil verzichte. Für was sich Vater aber weiterhin verpflichtet hat, das muss ich erst noch fragen. War eben in letzter Zeit wegen d. Grippe von allem weg & konnte keine Aktionen übernehmen[.] Gegenwärtig (vor Weihnachten) hat Alf. sehr viel Arbeit & wie es nachher dann wieder wird, weiss ich nicht. Es wird auch gehen. Einzig das war gar nicht recht, dass er es mit Vater so gemacht hat. (Vater war gestern wieder da & hatte keine Grippe.[)] Schädler & Wellauer haben wohl auch eine Krisis[.] Sie sind freundl. mit mir & ersterer hat mir nach dem Rummel erzählt[,] wie es damals ging. Schädler ist ja ziehml. [sic] vernünftig, dagegen Wellauer war die Triebfeder & der Grobian.

Nun Schluss f. heute & hoffe[,] Du bleibest gesund & stellst Dich finanziell auch bald wieder besser. Mache[,] dass Du gros[s] & fest wirst & spare kein Essen in dieser Zeit, wenn man presentieren [sic] will.

Mit herzl[.] Gruss Dein Bruder Willy.

Auch zum Absender des Briefs gibt es im Familien- und Firmenarchiv Fraefel, das sich im Staatsarchiv St.Gallen befindet, Fotos:

Willy Fraefel

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 318/2.1 (Korrespondenz Willy Fraefel, 1914-1924) sowie W 318/2.2-11.7 (Willy Fraefel, geb. 1890), W 318/2.2-11.10-02 (Gallus Fraefel, geb. 1888), W 318/2.2-11.8  (Alfons Fraefel, geb. 1891, Bild von 1905) und W 318/1.2-05 (Beitragsbild, Vereinsfahne, hergestellt von der Firma Fraefel)

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