Waisenanstalt Altstätten, um 1917

Freitag, 23. Juni 1916 – Wanzen in der Waisenanstalt Altstätten

Mit Eingabe vom 31. vorigen Monats stellt die katholische Armenverwaltung  Altstätten das Gesuch um Zuwendung eines Staatsbeitrages aus dem Reservefond für Kinder- und Waisenversorgung an die auf Fr. 347.16 berechneten Kosten der Neubemalung eines Schlafsaales im Waisenhaus. Der Grund der derzeitigen Vornahme der Bemalung des zirka 30 kleine Kinder unter 6 Jahren beherbergenden Schlafsaales soll in der Bekämpfung der fast unerträglich gewordenen Wanzenplage liegen, da das Bemalen das beste Wanzenvertilgungsmittel sei. (Nr. 1445)

So beginnt der Regierungsratsbeschluss Nr. 1445, die Fortsetzung des Texts sowie alle anderen an diesem Tag behandelten Geschäfte finden sich hier:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und ZMH 02/009 (Reglement für das Katholische Waisenhaus Altstätten, um 1917)

Montag, 29. Mai 1916 – Frisches Wasser fürs Spital und Erholungsurlaub für Schwester Resignata

Die Spitalleitung hatte im Winter 1915/16 die Wasserversorgung des Krankenhauses erneuern lassen. Auszug aus dem Protokoll der Krankenhauskommission des Spitals Wattwil:

[…]

3. Quellenfassung im Hacktobel.

Es liegt ein Entwurf eines Vertrages vor zwischen Boesch, Landwirt, Hacktobel als Verkäufer und dem Krankenhaus als Käufer der im letzten Protokoll genauer bezeichneten Quelle,

Nach genauerer Bezeichnung der Sommermonate durch „Mai bis Ende August[“] betreffend Vergütung von allfälligem Kulturschaden, wird der Vertrag von der Kommission genehmigt.

Die Zuleitung des fraglichen Wassers hat inzwischen ebenfalls stattgefunden, sodass die Wasserversorgung des Krankenhauses wieder in Ordnung ist.

[…]

10. Gesuch betreffend Schwester Resignata.

Krankenschwester Resignata, welche schon 10 Jahre in unserm Krankenhause tätig ist, musste einen Erholungs Urlaub von 5 Wochen in Chur antreten. Einem gestellten Gesuch um einen Beitrag an den notwendigen Erholungsaufenthalt, wird entsprochen und Fr. 1.- pro Tag bewilligt.

[…]

Krankenschwestern waren notorisch überarbeitet. In historischen Quellen zum Betrieb von Spitälern ist immer wieder die Rede von Krankheiten und Urlauben dieser Berufsfrauen.

Krankenwagen

Staatsarchiv St.Gallen, B 010/1.1, Bd. 4 (Protokoll) sowie B 010/6.01-02 (Spital Wattwil um 1900; Fotografie von J. V. Baeny & Cie., Bern) und B 010/6.03 (Krankenwagen des Spitals Wattwil, um 1920; Fotograf unbekannt)

Samstag, 1. April 1916 – Hottentottenpotentaten-tantenattentäter in der Sprachheilschule

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Herr Bühr hat uns ein neues Wort gelehrt. Es heisst: Hottentottenpotentatentantenattentäter. Das ist eine gute Übung für die Zunge.

Am Sonntag machte ich Besuch in Lachen. Ich brachte ein Sträusschen Märzensternen [sic] heim. In Stein im Kt. Appenzell hat es viele Märzensterne auf den Wiesen. Wenn der März kommt, ziehen die Leute in Scharen nach Stein, um Märzensterne zu grasen. Wir haben auf dem Spaziergang wahrgenommen, dass 3 Kinder einen Haufen Märzensterne abgegrast hatten. Das ist eine Versündigung an der Natur. In einigen Jahren hat es in Stein keine Märzensterne mehr. Früher gab es in St. Gallen in den Wäldern eine sehr schöne Blume, Frauenschuh. Sie wurde von den Leuten ausgerottet. Jetzt gibt es gar keine mehr. Früher gab es in der Schweiz viele alte, dicke Bäume. Sie wurden umgehauen u. dann verkauft. Es ist schade um die schönen Bäume. In den Alpen lebten viele Adler, Hirsche, Steinböcke, Rehe, Gemsen u. andere Geschöpfe. Sie sind von den Jägern niedergeknallt worden. Viele alte, schöne Häuser wurden niedergerissen. Die Leute sagten, sie seien Verkehrshindernisse. Darum gründete man einen Naturschutzverein. Dann werden die Natur u. die Heimat geschützt vor den Naturräubern. Herr Bühr zeigte uns viele Bilder von den alten, schönen Häusern von St.Gallen.

Fr. Groth bekam eine Nachricht von Frl. Scherrer. Morgen kommt sie nach St. Gallen. Sie lässt sich bei Hrn. Dr. Bärlocher untersuchen. Bei dieser Gelegenheit macht sie in der Anstalt einen Besuch. Wir freuten uns auf das Wiedersehen. Es nimmt uns wunder, wie es [sic] Frl. Scherrer aussieht. Ich glaube, sie wurde von der Sonne gebräunt. Sie musste in Davos viel an der Sonne liegen. Die Sonne heilt die Lungen. Die Bündner haben eine besondere Sonne. Sie ist nocht [sic] so verschämt, wie die St.Galler. In St.Gallen scheint die Sonne nicht oft. Sie versteckt sich oft hinter den Wolken.

Heute u. morgen finden die Examen in der Stadt statt. Nachher beginnen die Ferien.

Familie Bühr hat jetzt einen Gast. Als Frau Bühr von Mattstetten zurückkehrte, brachte sie eine Nichte mit. Sie sieht Trudi Bühr ähnlich, nur ist diese am Gesicht u. am Körper schmäler, ihre Cousine breiter u. fester. Die Cousine spielt allein. Sie darf bald mit den Kindern spielen u. herumtollen.

Gestern hatten wir Sturm. Er hat in den Schlafsäälen [sic] Decken u. Kopfkissen auf den Boden geworfen. In Frl. Groths Alkoven hat er übel gehaust. Er hat 3 Bilder von den Wänden gerissen u. zertrümmert. Das war ein toller Geselle.

Am Donnerstag holte Willi Bühr eine Kiste auf dem Expressgut. Darin waren 4 Kaninchen, 3 weisse u. ein graues. Onkel Fritz in Mattstetten, der Vater von Trudi Gfeller, schenkte sie den Kindern, dass sie etwas zu tun haben. Willi u. Hans konnten die Sendung fast nicht erwarten. Willi fragte in den letzten Tagen hundert- u. aberhundertmal, ob sie jetzt bald kommen. Er reckte sich fast den Hals aus nach dem Bahnfuhrwerk. Er glaubte, das Bahnfuhrwerk bringe sie. Diese Woche musste Anton Vogler in den Spital gebracht werden. Sein Arm ist steif. Er kann ihn fast nicht biegen. Er wird im Spital geübt. Eine Schwester muss ihn so lange mit Gewalt zurückbiegen, bis er die Beweglichkeit erlangt hat. Er wird narkotisiert, damit er die Schmerzen nicht spürt. Diese Woche wurde er mit Röntgenstrahlen photographiert. Die Ärzte finden nicht recht heraus, wo es fehlt.

Wir haben heute eine Schülerin weniger in unserer Klasse. Gestern Abend ging Seppli mit der Mutter heim. Ihre Schwester Vreneli ist endlich von ihrem Leiden erlöst worden. Die Mutter nimmt die Leiche nach Rheineck. Sie will das Kind dort begraben lassen, damit sie das Grab öfters besuchen kann. Wenn Vreneli in St. Gallen begraben würde, so könnten die Angehörigen das Grab nicht so oft besuchen. Auch wäre jeder Besuch mit Kosten verknüpft.

Wir haben im Mädchenuaus wieder eine neue Patientin, Frl. Baur. Sie ist zum zweitenmal an Influenza erkrankt. Wahrscheinlich ist sie nach dem erstenmal zu früh aufgestanden u. zu früh an die Arbeit gegangen. Die Influenza ist eine heimtückische Krankheit.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und W 238/06.09-36 (Ansichtskarte von 1910, Verlag und Lithograph: Artist Atelier H. Guggenheim & Co., Editeurs, Zürich, No. 6920 Dép.)

 

Sonntag, 19. März 1916 – Scharlachfieber im Schülerhaus: Der gegenwärtige Stand

Nachdem Dr. med. Theodor Wartmann (1861-1939) die Kantonsregierung bereits am 28. Februar über die Bekämpfung einer Scharlach-Epidemie im kantonalen Schülerhaus informiert hat, legt er hier einen aktualisierten Bericht vor:

Herr Landammann H. Scherrer, Vorstand des Erziehungs-Departementes des Kantons St.Gallen.

Hochgeehrter Herr Landammann!

Ihrem Auftrag vom 13. ds. gemäss erstatte ich Ihnen kurzen Bericht über Entstehung u. Verlauf der Scharlach-Erkrankungen im Schülerhause sowie über die getroffenen Massnahmen.

Nachdem das Schülerhaus seit seiner Gründung von gehäuftem Auftreten ansteckender Krankheiten glücklich verschont geblieben, sind in letzter Zeit 10 Fälle von Scharlachfieber vorgekommen, welche ernste Störungen des Betriebes herbeiführten u. welche umfassende Maassnahmen [sic] zur Verhütung künftigen Wiederauftretens verlangen.

Statistisches. Am 21. Febr. 1916 erkrankte Roduner Hans, am 22. Febr. Eugen Brassel, am 25. Febr. Franz Hobi und Hermann Kreis [Sohn der Vorsteherin des Schülerhauses], am 26. Febr. Gottlieb Roggwiler, am 27. Febr. Johann Anderegg, am 2. März Walter Amstad, am 6. März Walter Matzinger, am 12. März August Messmer u. am 16. März Rudolf Kreis [Sohn der Vorsteherin]. Im Ganzen ergeben sich 10 Fälle, 2 Knaben von Frau Vorsteher Kreis, 8 Zöglinge des Schülerhauses u. zwar verteilen sich diese gleichmässig auf Kantons- u. Verkehrsschule (je 4).

Entstehung der Epidemie. Da die Erfahrung im Allgemeinen lehrt, dass Scharlach-Patienten in den ersten Tagen ihrer Erkrankung viel weniger ansteckend sind, als während des Schuppungs-Stadiums, da wir ferner schon anfangs innerhalb weniger Tage mehrere Fälle unter unsern Zöglingen auftreten sahen, war der Gedanke naheliegend, dass – wie öfters beobachtet wird – im Hause eine Person vorhanden sei, welche nach unbemerktem Beginn einer ganz leichten Scharlach-Erkrankung sich selbst wohl fühle, aber durch die sich bildende Schuppen einen Ansteckungsherd bilde. Deshalb untersuchte ich Sonntag[,] den 27. Febr.[,] sämtliche Insassen des ganzen Hauses in dieser Richtung u. es wurde ein Zögling (Boner Christian) gefunden, der an einzelnen Körperstellen leicht schuppte; die weitere Beobachtung im Kantonsspitale ergab jedoch, dass es sich nicht um Scharlach handelte, Boner kehrte nach c[a]. 8 Tagen wieder gesund zurück. Ein bestimmter Weg der Einschleppung des ersten Falles sowie der Weiterverbreitung war also trotz aller Bemühungen nicht zu finden, umsoweniger [sic] als auch keineswegs ein engerer Kontakt zwischen den Erkrankten, sei es in der Schule, sei es im Hause bestand. In keinem Zimmer erlebten wir 2 Erkrankungen; auch die beiden Knaben von Frau Kreis können unmöglich einer von dem anderen infiziert worden sein, da der Anfang ihrer Erkrankung 20 Tage auseinander liegt u. als Incubationszeit 4 bis 7, im Maximum 11 Tage allgemein angenommen wird. Wir stehen also vor einem noch ungelösten Rätsel u. müssen uns in dieser Richtung mit manchen analogen Institutionen trösten. Es giebt [sic] fast kein grösseres Pensionat, das nicht einmal ganz gleiche schwere Zeiten erlebt hätte, ohne dass es gelungen wäre, den Weg der Einschleppung der Infektion zu eruieren.

Wichtig ist für uns die Constatierung der Tatsache, dass im Laufe der letzten Wochen in St.Gallen u. Umgebung (Herisau etc.) Scharlachfieber-Fälle gehäuft auftraten; im Januar 1916 sind dem Physikate von St.Gallen [Bezirksphysikat, Bezirksarztamt] 7, vom 1. Februar bis heute 52 Scharlach-Erkrankungen angezeigt worden – eine ausserordentlich hohe Zahl.

Getroffene Massnahmen. Jeder Krankheitsfall wurde sofort in’s Spital evakuiert u. umgehend das entspr. Zimmer durch die städtische Desinfektions-Anstalt desinfiziert. Der Zufall wollte es, dass gleichzeitig mit den Scharlach-Fällen ausserordentlich viele Erkrankungen an einfacher, fieberhafter Angina, 3 ernste Mittelohr-Entzündungen & Gelenkrheumatismen auftraten, Krankheiten, welche sehr oft als Complikation Scharlach begleiten. Es war deshalb nicht leicht, den häufig nur stundenlang dauernden Scharlach-Ausschlag sicher zu controllieren u. anderseits die Gefahr zu vermeiden, einen Schüler unter Scharlachkranke zu versetzen, ohne dass er selbst schon sicher an dieser Krankheit litt. Deshalb ordnete ich frühzeitig die Errichtung einer Quarantäne-Station an, indem wir eine halbe Etage so gut als möglich absperrten u. unter der Pflege eines zuverlässigen Krankenwärters alle genannten Patienten vereinigten. Ausserdem kam uns die Tit. Spitaldirektion in freundlicher Weise dahin entgegen[,] dass ein Zimmer im IV. Hause für die verdächtige[n] Fälle reserviert wurde; wir haben 2 oder 3 Schüler so frühzeitig evakuiert, dass noch kaum ein Ausschlag zu erkennen war, andern Tages zeigten sich sichere Erscheinungen der Erkrankung. Da die sofortige Evakuierung der Ersterkrankten hoffen liess, dass eine Beschränkung möglich sei, ordnete ich im Einverständnis mit den Direktionen der beiden Schulen zunächst eine Consignierung unserer Zöglinge an u. als mehrere Tage ohne neue Fälle verstrichen, wurde sie wieder aufgehoben. Leider wurde unsere Erwartung des Aufhörens der Epidemie nicht erfüllt u. nachdem die eidgen. Postprüfungen [für Schüler der Verkehrschule] zu Ende waren, beantragte u. veranlasste ich die Schliessung des Schülerhauses. Dabei verfolgte ich einmal den Zweck, die Schüler tunlichst weit voneinander zu entfernen u. vor Allem eine gründliche Reparatur sowie Reinigung des Hauses zu ermöglichen. Ich verdanke den beiden Schulen das verständnissvolle [sic] Entgegenkommen bei den zu eingreifenden Massnahmen. Die Räumung des Hauses geschah im Verlaufe von 2 Tagen; sämtliche Schüler wurden vor der Abreise gebadet, ihre während der Ferien nicht notwendig gebrauchten Effekten (Bücher etc.) wurden zurück behalten u. sollen insgesamt in einem Zimmer durch Formalin so gut als möglich desinfiziert werden.

Die Erkrankungsfälle u. die dadurch notwendigen Maassnahmen [sic] haben für die Verwaltung des Hauses schwere, oft kaum zu bewältigende Arbeit gebracht. Ich erachte als angenehme Pflicht zu betonen, dass Frau Vorsteher Kreis mit vorbildlicher Aufopferung u. klarem Verständniss [sic] die Durchführung der Anordnungen trefflich besorgt hat.

Befinden der Kranken. Unsere Zöglinge machten teilweise schwere Zeiten durch u. wiesen auch verschiedene Complikationen auf; heute ist lt. Bericht der Tit. Spitaldirektion glücklicherweise als sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass alle wieder ihre volle Gesundheit erlangen werden.

Weitere notwendige Massnahmen. Bei meiner Inspektion sämtlicher Räume des Schülerhauses hat sich gezeigt, dass an verschiedenen Orten Verhältnisse bestehen, welche auch mässigen Anforderungen der Hygiene nicht genügen. Nach anderweitigen Erfahrungen bei Haus-Epidemien von Scharlach kann nur die gründlichste Renovation u. Reinigung zur Bekämpfung des unheimlichen Feindes führen u. es scheint mir deshalb dringende Pflicht sowie wohlverstandenes Interesse der leitenden Kreise unseres Hauses zu sein, in weitgehender Weise das Nötige anzuordnen. Vor Allem müssen schadhafte Decken, Böden, Wände repariert werden, um die Bacillen züchtenden Schrunden tunlichst zu eliminieren; ferner verlangt die Wissenschaft in solchen Fällen Erneuerung der Bemalung schadhafter Tapeten, sofern diese nicht abwaschbar sind. Als sehr wichtig hat sich ferner eine Verbesserung der Bade-Einrichtung im Keller gezeigt, welche den Anforderungen der Hygiene keineswegs mehr entspricht. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch lebhaft die Anbringung eines Bades in der ersten Etage empfehlen; wir haben z.B. in letzter Zeit mehrfach Gelenkrheumatismen behandelt, welche bei richtiger Bade-Möglichkeit sicher viel rascher geheilt wären; die Institutionen im Keller sind für solche Patienten nicht brauchbar. Auch die Zuführung von warmem Wasser mindestens in die erste Etage hat sich jetzt besonders, aber auch schon früher oftmals bei Erkrankungen der Zöglinge als dringend wünschenswert erwiesen.

Ich hoffe, dass die Tit. Schülerhauskommission meine genannten Anträge angelegentlich unterstützen wird, damit unser Haus zu Beginn des neuen Schuljahres mit gutem Gewissen wieder eröffnet werden kann.

Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich

Ihr ergebener

[Unterschrift] Dr. Wartmann

St.Gallen, 19. März 1916.

Nachbemerkung: Dr. med. Theodor Wartmann (1861-1939), ein Pionier bei der Tuberkulosebekämpfung im Kanton St.Gallen, wirkte als Kantonsschularzt und von 1895 bis 1931 als Kantonsarzt.

Der frühere Vorsteher des Schülerhauses, der Sekundarlehrer Walther Christian Kreis, war im August 1915 im Alter von 41 Jahren verstorben. Seine Frau, Lena Mina Kreis-Pfiffner, übernahm die Leitung der Institution. Kreis war engagiertes Mitglied der Abstinenzbewegung gewesen, so u.a. als Präsident des Alkoholgegnerbundes St.Gallen und bereits in seiner Jugendzeit als Mitgründer der Humanitas Sangallensis, der ältesten Antialkoholverbindung an einem schweizerischen Gymnasium.

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, KA R.130-4g-1 (Bericht von Wartmann), ZA 541/02 (Règlement du Schülerhaus de St.Gall, Pensionat public fondé et maintenu par le canton et la ville de St.Gall, 1916)

 

Dienstag, 7. März 1916 – Auch mit Süssmost kann man lustig sein

Eines der wichtigsten Anliegen der Abstinenzverbände war die alkoholfreie Obstverwertung. Mittels Aktionen produzierten viele Ortsvereine jeweils im Herbst für Privathaushalte Süssmost. Dazu gab es mehrere Verfahren, die sich aber nicht alle gleich gut eigneten. Vielfach verdarb der Most, weil bei der Herstellung oder beim Abfüllen der Hygiene nicht genügend Beachtung geschenkt worden war.

 4. Bericht über die Tätigkeit des Kantonalkomitees [des Blauen Kreuzes].

Referent ist Herr Pfr. Pestalozzi. Derselbe hebt hervor:

a) Die Erstellung der Statistik, wobei sich erstmals ein kleiner Rückschlag von 9 Mitgliedern erzeigte. (Total 1791 gegenüber 1800 im Vorjahr).

b) Die Abordnung des Herrn Schläpfer in Sargans an eine in Zürich stattgefundene Konferenz behufs Beratung über die Neugestaltung unserer Vereinigung.

c) Die Wahl der Abgeordneten an die schweiz. Delegierten-Versammlung in Neuchâtel.

d) Die Bemühungen der Herrn Schläpfer, Hörler & Ammann für die Errichtung von Soldatenstuben in Sargans, Teufen, Gossau, Flawil;

e) Die Wahl des Herrn Beusch an Stelle des wegen Zeitmangel zurückgetretenen Herrn Neuenschwander als Mitglied der Hoffnungsbundkommission [Jugendorganisation des Blauen Kreuzes].

f) Die Mitwirkung beim Versuch bezl. [bezüglich] der Herstellung von alkoholfreiem Most.

g) Die Vorbereitungen für die kant. Delegierten-Versammlung. Als versuchsweise Neuerung ist hiebei eingeführt worden die Verlesung des Kantonalberichtes an das Zentralkomitee, sowie die Diskussion über die obligatorischen Vereinsberichte vom 1. September, wogegen dann aber die Separatberichte von einzelnen, speziell hiefür bezeichneten Vereinen fallen gelassen wurden;

h) Verschiedene Vereinsbesuche durch den Kantonal-Präsidenten & andere Kommissions-Mitglieder;

i) Wahl eines kantonalen Berichterstatters für das Vereinsorgan, gemäss spezieller Anordnung des Zentralkomitees. Als solcher ist bestimmt worden Herr J. Bolt, Privatier, Rosenheimstrasse 7 Langgasse St.Gallen.

Sodann wurde noch anerkennend erwähnt die Hebung der Schwierigkeiten in Rorschach und Heiden, sowie insbesondere auch die interimistische Uebernahme der Vereinsleitung in Gossau durch Herrn Eggenberger in Herisau & derjenigen in Walzenhausen durch Herrn Feurer in St.Gallen. Herr Eggenberger soll zudem den im deutschen Kriegsdienst befindlichen Vereins-Präsidenten von Gossau, Herrn Maurer, sogar einmal persönlich besucht haben, was diesen begreiflicherweise ganz ausserordentlich gefreut habe.

[….]

10. Allgemeine Mitteilungen & Diskussion über die Jahresberichte.

Nach Verlesung des Kantonalberichtes wird speziell auf die beiden Jahresberichte von Straubenzell & Buchs vom 1./9.14 aufmerksam gemacht, in welchen sehr wertvolle Anregungen enthalten sind. – So sollen in Straubenzell besondere Plakate für die beiden Bahnhöfe angeschafft & spezielle Werbekarten beschlossen worden sein, sowie den Herren Aerzten in der Gemeinde verschiedene Blaukreuzschriften für die Wartezimmer zur Verfügung gestellt werden. – In Buchs soll eine eigene 10gliederige Werbekommission ernannt worden sein, an welche zu je 2 Mitgliedern ein bestimmtes Qua[r]tier der Gemeinde zugeteilt worden sei, & welche allmonatlich über ihre Tätigkeit an den Vereinsvorstand zu rapportieren habe. Diese Neuerung soll sich sehr gut bewährt haben. In der hierauf eröffneten Diskussion hierüber gibt zunächst Herr Beusch die wichtigsten Gründe bekannt, welche zu diesem Vorgehen veranlasst haben. Vor allem sei man zu der Erkenntnis gekommen, dass die bisherige, gewöhnliche Arbeit nicht mehr genüge & ein Mehreres getan werden müsse. Dann sei vielen ihre freie Arbeit zur Last geworden & hätten sie alles dem Vorstand bezw. Präsidenten überlassen. Die Mitglieder dieser Werbekommission seien nun viel arbeitsfreudiger geworden & sollen durch ihre Arbeit am meisten für sich selber gewonnen haben. Wenn auch nicht jeder, welcher besucht werde, zum Eintritt in den Verein bewogen werden könne, so habe man doch immer Fühlung mit den Betreffenden & kommen dieselben auch hie & da etwa an einen Vortrag. Herr Feurer findet, der Antrieb zu solcher Arbeit sollte freiwillig & von innen heraus kommen. Ein jeder eigne sich auch nicht dazu. – Herr Pfr. Pestalozzi gibt hierauf nähere Auskunft über das im St.Galler-Verein praktizierte Verfahren. Die Herren Vetsch & Büchi in Bruggen machen auf die daselbst eingeführten sogenannten Männerabende aufmerksam. – Herr Hörler hat bez[g]l. den Werbekommissionen die gleichen Befürchtungen wie Herr Feurer. Er findet, wer sich innerlich zu solcher Arbeit berufen fühle, tue dies von selbst & ein anderer könne der Sache erst mehr schaden als nützen. Herr Michel macht noch speziell auf die Macht der Fürbitte aufmerksam, & Herr Ammann fügt noch bei, wie schwierig es oft sei, bei solchen Besuchen die richtigen Anknüpfungspunkte zu finden. Da es inzwischen bereits halb 12 Uhr geworden, erklärte der Vorsitzende, dass die Diskussion nun abgebrochen werden müsse. Das sei aber keine verlorene Zeit gewesen. Jeder könne nun aus diesen sehr lehrreichen Ausführungen seine Schlüsse selber ziehen & das für seine Verhältnisse Passende herausnehmen.

Hieraus wurde die Vormittag[s]sitzung mit dem Gesang des Liedes Nr. 15 & mit Gebet von Herrn Pfr. Buxtorf geschlossen.

Während des gewohnten St.Galler Bratwurstessens, welches auch diesmal wieder im eigenen Heim eingenommen wurde, berichtete noch Herr Pfarrer Lüscher in ausführlicher Weise über seine gemachten Erfahrungen bez[g]l. der Herstellung & Aufbewahrung von alkoholfreiem Most. Die weitaus meisten Versuche seien geraten; wo dies nicht der Fall gewesen sei, habe es an den verwendeten Fässern gefehlt. Von den angeschlossenen 50 Stk. Patenthahnen sollen circa 38 verkauft worden sein, sowie in Grabs & im Custerhof [landwirtschaftliche Schule in Rheineck] sogar spezielle Kasse stattgefunden haben. Die Weiterverfolgung dieser Angelegenheit sei nun Sache des kantonalen Abstinenten-Verbands, welcher bekanntlich das Patent für diese Erfindung erworben habe. Der Vorsitzende verdankte Herrn Pfr. Lüscher seine Ausführungen & gehabten Bemühungen bestens & fügte bei, dass es natürlich für die ganze Abstinenzbewegung ein grosser Gewinn wäre, wenn bez[g]l. der Obstverwertung eine richtige Lösung gefunden werden könnte.

Hierauf gab Herr Pfr. Högger in Heiden noch einige Aufschlüsse über die stattgefundene Vereinigung der dortigen beiden Abstinenzvereine. Es sei eigentlich keine Vereinigung gewesen, sondern ein direkter Anschluss vom Abstinenten-Verein an das Blaue Kreuz. Als der Referent seinerzeit nach Heiden gekommen sei, habe er sich verpflichtet, die Leitung des Abstinenten-Vereins zu übernehmen, aber schon damals sei eine Vereinigung mit dem Blauen Kreuz in Aussicht genommen gewesen. Letzten Herbst nun, bei Anlass des Wegzuges von Herr[n] Pfr. Keller, sei diese Idee verwirklicht & er als neuer Präsident gewählt worden. Die grösste Freude darüber habe der Sprechende selber empfunden, weil er auch schon früher im Blauen Kreuze war; es soll ihm gewesen sein wie eine Heimkehr. Bei der ersten Versammlung habe er über das Bibelwort gesprochen, „Herr ich bin zu gering aller Barmherzigkeit & Treue, die Du an mir getan hast.“ Er habe dadurch den Leuten schon am Anfang zeigen wollen, auf was für einem Boden er stehe, damit sie wussten, woran sie waren. Das sei halt doch der beste Zusammenhalt der Blaukreuzler, & in diesem Sinne werde nun auch in Heiden weiter gewirkt werden.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Zeit während des Mittagessens auch noch verschönert wurde durch einige gesangliche & musikalische Darbietungen von einer Anzahl Mitgliedern unserer beiden Gesang[s]vereine, was den Betreffenden allen auch von dieser Stelle bestens verdankt sei.

[…]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 091 (Auszug aus dem Protokoll der Delegiertenkonferenz des Kantonalvereins des Blauen Kreuzes) und ZMH 89/002 (Briefkopf von 1909)