Inserat Schuhe

Montag, 30. Oktober 1916 – Budget 1917 und neidisches Lokalgewerbe

Die Regierung traf sich zu einer ausserordentlichen Sitzung. Das Protokoll ist aussergewöhnlich umfangreich, was vor allem durch die Beilagen bedingt ist: 15 Seiten Botschaft zum Budget 1917 sowie 43 Seiten ausführliches Budget 1917 sind beigeheftet (Nr. 2481), ausserdem die Grundbuchverordnung für die Stadt St.Gallen (Nr. 2486). Zu reden gab daneben auch eine Eingabe des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes betreffend die Verbesserung der Schiffahrtsverhältnisse am Linthkanal sowie eine Beschwerde des Detaillistenverbandes der Stadt St.Gallen gegen die Durchführung einer Modeschau der Firma Spörri-Detail AG Zürich. Diese hatte im Hotel Walhalla eine Ausstellung von Modellen von Konfektionswaren, oder wie das Inserat lautete, eine «Herbst Moden-Revue», verbunden mit Nachmittags-Tee und Konzert. Eintritt Fr. 5.-. veranstaltet (Nr. 2489). Der Regierungsrat erachtete sich als nicht zuständig und wies das Ansinnen ab. Alle Beschlüsse lassen sich im Detail nachlesen: 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und P 770 (Offizielles Adressbuch von Gross-St.Gallen 1916, Inserat Schuhhaus H. Grob & Co., Speisergasse 22)

Mittwoch, 25. Oktober 1916 – Offerte für die psychiatrische Klinik Wil

Briefkopf

Die – heute in der sechsten Generation geführte – Firma Ganz sandte mit diesem Schreiben ein Formular mit einer Offerte für das Verlegen von Boden- und Wandplatten im „Asil Wil Haus No. 9“ an das Baudepartement.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZMH 64/330 (Briefkopf des Baumaterialiengeschäfts E. Ganz in St.Gallen an das Hochbauamt) und ZMA 18/09.06-27 (Ansichtskarte der Psychiatrischen Klinik in Wil, um 1922)

 

Donnerstag, 5. Oktober 1916 – Die Arbeiter gehen nicht zum Coiffeur, dieser macht Verluste und erhöht die Preise

Jakob Jäger wurde am 25.01.1874 in Stein am Rhein (SH) geboren. Er machte eine Lehre als Zimmermann und zog 1900 nach St.Gallen, wo er gewerkschaftlich aktiv wurde. Von 1903 bis 1910 war er Präsident des Zentralverbandes der Zimmerleute der Schweiz. Sein Nachlass kam als Teil des Unia-Gewerkschaftsarchivs ins Staatsarchiv St.Gallen.

Im folgenden Schreiben geht es um das Coiffeurgewerbe. In St.Gallen existierte in der Brühlgasse eine Coiffeur-Gewerkschaft, die von den Arbeitern frequentiert werden sollte. Da in Arbeiterhaushalten das Geld in Kriegszeiten knapp war und die Arbeiter teilweise wegen Dienstverpflichtungen abwesend waren, beklagten die Coiffeure eine Frequenzeinbusse:

St.Gallen, den 5.X.16

Werte Genossen!

Der Verwaltungsrat der Coiffeur-Gewerkschaft Brühlgasse 39 hat in seiner Sitzung vom 27.IX. beschlossen ab Montag, den 2. Oktober den Tarif II in Anwendung zu bringen. Maassgebend [sic] war in erster Linie die Steigerung der Materialpreise für den Service um 50 bis 100%. Zweitens muss in Folge der bestehenden Teuerung eine höhere Löhnung der Angestellten eintreten. Und drittens wird das Geschäft seitens der Genossen noch immer nicht in der Anzahl besucht, welche notwendig ist, damit das Unternehmen für die Dauer gehalten werden kann.

Seit der Zeit des Krieges arbeiten wir mit einer Unterbilanz. Diese muss unbedingt wieder gehoben werden, was nur geschehen kann durch zeitgemässe Regulierung der Bedienungspreise u. bessere Frequentierung durch unsere Genossen[.] Würden diese mehr vom Genossenschaftswesen durchdrungen sein, so hätten die Unterzeichneten nicht immer und immer wieder Veranlassung mit einem Appel [sic] für die Genossenschaften an die Genossen heranzutreten.

Wenn diese überhaupt eine Ahnung davon hätten, wie geringschätzig sie von den Coiffeur-Meistern, deren Geschäfte sie ihrem eigenen vorzuziehen belieben, taxiert werden, namentlich in Zeiten von Streiks etc und welch heftige Gegner die Coiffeurmeister der Arbeitergenossenschaft gegenüber sind[,] so sind wir der Ueberzeugung, dass die Genossen ihre Genossenschaft nicht so in Stücke [im Stiche] lassen würden.

Alles das in Erwägung gezogen wird Euch, Genossen, veranlassen, dem Preisaufschlag keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen und Eure Genossenschaft nach wie vor fleissig in Anspruch zu nehmen.

Mit Genossengruss zeichnet

per [Stempel] Coiffeur-Genossenschaft St.Gallen

(sig) Emil Schweizer, Kassier (sig) Jakob Staudenmeier, Präsident

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 240/1.3-10 (Korrespondenz im Nachlass von Jakob Jäger (1874-1959))

Mittwoch, 27. September 1916 – Konkurrenz aus dem Jura für die einheimischen Uhrengeschäfte

Auszug aus dem Protokoll der Betriebskommission der Buchdruckerei „Ostschweiz AG St.Gallen“:

[…]

5. Das Uhrengeschäft Wolter-Moery in La Chaux-de-Fonds hat durch dessen Insertionen in der Ostschweiz und übrigen städt. Blättern eine Unzufriedenheit unter den Uhrenhandlungen auf dem Platze v. St,Gallen [sic] hervorgerufen. Es wird das Geschäft der Unreellität beschuldigt und die Expedition ersucht, keine Inserate von demselben mehr anzunehmen. Es wird beschlossen, bei den übrigen städtisch[en] Blättern sich über ihre künftige Stellungnahme in dieser Sache zu erkundigen und bei den Reklamanten Ausschau zu halten, in welcher Weise sie den Einnahmeausfall der Druckerei bei Nichtberücksichtigung von Wolter-Moery wettzuschlagen gedenken.

Die Tatsache, dass die Ostschweiz in der Ausgabe vom 30. September erneut ein Inserat der Firma aus La Chaux-de-Fonds abdruckte, lässt darauf schliessen, dass man sich die Einnahmen von rund einer Viertelseite nicht entgehen lassen konnte.

Uhrenwerbung

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 088 (Protokoll) sowie ZMH 64/437 (Ausschnitt aus Briefkopf der Firma Scherraus, um 1900) und P 907 (Inserat in der Ostschweiz, 30.09.1916)

Donnerstag, 24. August 1916 – Weiter steigende Papierpreise – Zeitungsverleger in Not

Das Protokoll dieses Tages enthält auch die Information, dass der Regierungsrat aufgrund einer von der Staatskanzlei eingeholten Einschätzung der „Berechnungsstelle des schweizerischen Buchdruckervereins für den Kreis VII“ die von der «Ostschweiz» (Zeitungsverlag und Druckerei) geforderte 12% höhere Entschädigung für den Druck des Amtsblattes gebilligt hatte. (vgl. dazu die Einträge vom 21. April und vom 19. Juli).

[…]

2. Die Drucklegung des Zuchtstier-Kataloges ist wiederum der Ostschweiz übertragen worden, und zwar unter den früheren Vertragsbedingungen. Hinsichtlich der eingegangenen Konventionalbusse gibt der Geschäftsführer die Erklärung ab, dass der Auftrag wohl etwas spät eingegangen, die Arbeit aber den normalen Verlauf nehme und rechtzeitig fertig werde, ohne befürchten zu müssen, wegen verspäteter Ablieferung Busse zu bezahlen. Das Werk muss allerdings mit Ueberstunden erstellt werden, wofür bezirksamtliche Bewilligung für zwei Maschinensetzer ab 14. August pro 2 Wochen mit 3½ Stunden pro Tag schichtweise erwirkt wurde. Die teuern Ueberstunden sind laut Bericht des Geschaftsführers in der Kostenberechnung des Kataloges gebührend berücksichtigt.

3. Der Geschäftsführer erhält Weisung, Ueberzeitarbeit auf das zulässige Minimum zu reduzieren, wenn möglich, überhaupt keine Ueberstundenarbeit auszuführen, das dieser kostbillige [kostspielige] Apparat die Drucksachen verteuert und die Konkurrenz ungünstig beeinflusst und die Publikation der Ueberzeitsbewilligungen im Amtsblatt nach aussen für uneingeweihte Kreise den Anschein erweckt, als ob die Buchdruckerei Ostschewiz mit Druckaufträgen überhäuft & es weniger nötig hat, mit Bestellungen bedacht zu werden.

[…]

11. Aus einer Notiz der neuen Zürcher-Zeitung gehen die Gründe der absurden Papierpreis-Steigerungen für das Druckereigewerbe hervor, die darin liegen, weil die Fabriken der Schweiz im ganz abnormalen Verhältnisse zu früher einen Export betreiben, der zum Aussehen mahnt [sic]. Gibt es doch Fabriken, die das Zehnfache gegenüber früher in das Ausland spedieren und sich dadurch Reichtümer schaffen, welche die Ausrichtung von hohen Dividenden für die Aktionäre der Fabriken ermöglichen, was in normalem [sic] Zeiten nicht der Fall war. Es wird zugleich mit Genugtuung aus dem Zeitungsartikel entnommen, dass sich dieser ernsten Fragen der Schweiz. Presseverband energisch annimmt und Mittel und Wege sucht, um diesen Missverhältnissen und Wuchergeschäften zu begegnen und denselben das Handwerk legt.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 088 (Auszug aus dem Protokoll der Betriebskommission der Buchdruckerei „Ostschweiz AG St.Gallen“) und W 248/82 (Anzeige in: St.Galler Bauer, 3. Jg., Heft 18, 06.05.1916, S. 300)

Briefkopf Kunststeinfabrik Wenk in Schmerikon, 1910

Dienstag, 8. August 1916 – Prosperierende Firmen in Schmerikon

Zwei Firmen in Schmerikon beschäftigten den Regierungsrat in seiner Sitzung vom 8. August 1916. Im ersten Beschluss (Nr. 1831) ging es um einen Sand- und Kiesausbeutungsvertrag im oberen Zürichsee an die Baggerei Robert Helbling und W. Wenk, im zweiten (Nr. 1835) um eine provisorische Bewilligung zur Sonntagsarbeit von zwei bis vier Stunden für einen Arbeiter an die Kunststeinfabrik W. Wenk während neun Sonntagen: Das Gesuch wird begründet mit Nasshalten frisch gefertigter Kunststeine, welches bei hoher Temperatur und Sonnenschein notwendig ist, um ein brauchbares und wetterbeständiges Produkt zu erhalten. 

Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und ZMH 70/001 (Briefkopf)

Visitenkarte Bad Buchental Oberuzwil

Freitag, 19. Mai 1916 – Wirtschaftspatent für Frau Krucker-Blum in Oberuzwil

Erneut musste sich der Regierungsrat mit dem Gesuch der Josefine Krucker-Blum auseinandersetzen (vgl. Beitrag vom 28. April). Er hatte das Begehren abgelehnt, weil der Ehemann Konkursit und mit drei Jahren Ehrverlust bestraft worden war und ausserdem keine Ausnahmeverhältnisse vorlägen: Seither sei sowohl die Petentin persönlich vorstellig geworden [beim Polizei- und Militärdepartement]; ferner sei ein Gesuch in empfehlendem Sinne eingegangen vom Hauptgläubiger dieser Liegenschaft, Paul Stadler in Kirchberg, und auch der Gemeinderat Oberuzwil habe nochmals ein Wiedererwägungsgesuch gestellt, das im besonderen hervorhebe, dass bei Nichtentsprechung zweifelsohne die Pfandgläubiger neuerdings zu Verlust kommen würden.

Vom Regierungsrat wird hierauf auf Bericht und Antrag des referierenden Departementes

in Erwägung:

dass hier ausnahmsweise Verhältnisse vorliegen, welche ein ausnahmsweises Entgegenkommen rechtfertigen, indem der Ehemann Krucker krank und nicht zu allen Arbeiten fähig ist, und indem die Pfandgläubiger offenbar bei Ablehnung des Gesuches zu Schaden kämen, also die Notlage und Kriegszeit hier besonders schädigend sind, weil sie den Eheleuten Krucker und den Pfandgläubigern die Situation erschweren,

beschlossen:

Es sei unter Zurückkommen auf den Beschluss vom 28. April (No1031) für Frau Josefina Krucker ausnahmsweise, vorläufig für ein Jahr, ein Patent erteilt, in der  Erwartung, dass innert Jahresfrist eine Änderung möglich sein werde.

Offenbar wurde das Patent später verlängert, die Visitenkarte (vgl. Bild) stammt von 1919.

Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen, darunter auch dem Fall einer Wursthausiererin (Nr. 1230):

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und ZMH 54/005 (Bild)

Dienstag, 11. April 1916 – Kommunionskerzen für Rüti

Rechnung der von der Witwe Müller-Schneider geführten Wachswarenfabrik in Altstätten an Herrn Vikar C. Schwyter in Rüti:

Wachswarenfabrik

Begleitschreiben unterhalb der Rechnung:

In höflicher Verdankung Ihres werten Auftrages, übersende Ihnen anmit verzierte Kommunionkerzen, wie ich jeweils für löbl. Pfarrei Rüti geliefert habe & hoffe die Sendung zur Zufriedenheit ausfallend, Beste Empfehlung weiterhin.

Gleichentags traf sich auch die Regierung zu einer Sitzung. Sie verhandelte u.a. den Kommunalbericht zur Gemeinde Oberbüren (Nr. 889), Fälle von Brandschadensvergütungen in Hemberg, Wattwil und Uznach (Nr. 891 bis Nr. 893) und eine Unfallentschädigung für einen Landjäger (Nr. 895). Der Polizist hatte sich in Ausübung seines Amtes bei der Festnahme eines Individuums den linken Daumen verstaucht und den rechten Handrücken gequetscht, was ihm anderthalb Monate Arbeitsunfähigkeit eintrug. Ausserdem erlaubte der Regierungsrat den Fischern, im Bodensee auch an Sonntagen Fische aus den Netzen auszulösen (Nr. 907). Der volle Wortlaut aller Beschlüsse findet sich hier:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZMH 02/014f (Text und Bild betreffend Kommunionskerzen) und ARR B2-1916 (Texte)

Donnerstag, 6. April 1916 – Kleiderstoff für August Schläpfer in Altstätten

Gemäss dieser am 22. April 1916 ausgestellten Rechnung verkaufte das Konfektionsgeschäft N. Keel-Braegger am 6. April gleichen Jahres 6,5 m schwarzen Cheviot (Wollstoff) und 3,3 m Resten-Kleiderstoff für insgesamt Fr. 26.35 zuhanden von August Schläpfer, Kirlen, Altstätten. Die Rechnung wurde von der Gemeinde Altstätten beglichen. Vermutlich handelte es sich um eine Sozialhilfemassnahme.

Der Briefkopf des Dokuments zeigt das Geschäftsdomizil der Firma. Auf der Strasse davor ist eine Postkutsche und ein Automobil mit offenem Verdeck zu sehen.

Rechnung

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, ZMH 02/005 (Rechnung des Konfektionsgeschäfts N. Keel-Braegger in Altstätten an das Gemeindeamt Altstätten)

 

 

Samstag, 4. März 1916 – Wahre Patrioten schauen nicht auf’s Geld

Militärfreie Bewerber bevorzugt.

Wir haben schon oft auf das Erbärmliche hingewiesen, dass gerade heute darin liegt, dass in Stellenangeboten militärfreie Bewerber bevorzugt werden. Dem Hauptorgan der freisinnig-demokratischen Partei, das zugleich auch das Organ der Hochfinanz ist, entnehmen wir nachfolgende Annonce:

«Zum möglichst sofortigen Eintritt wird von bedeutender Elektrizitätsfirma ein tüchtiger, intelligenter Kaufmann als Abrechner für elektrische Licht- und Kraftanlagen gesucht.

Es wird nur auf einen jüngern, arbeitsfreudigen, in ähnlicher Stellung bereits tätig gewesenen Herrn reflektiert, der an selbständiges Arbeiten gewöhnt ist und dem es daran liegt, sich eine aussichtsreiche Stellung zu schaffen. Militärfreie Bewerber, Schweizer Nationalität, werden bevorzugt.

Ausführliche Offerten mit Zeugnisabschriften, Gehaltsansprüchen und möglichst unter Chiffre F. 1831 an die Annoncen-Abteilung der Neuen Zürcher Zeitung.»

So fördern patriotische Firmeninhaber die Landesinteressen, indem sie immer zuerst ihren eigenen Geldsack berücksichtigen!

Quelle: Volksstimme. Sozialdemokratisches Tagblatt für die Stadt St.Gallen und die Kantone St.Gallen, Appenzell und Thurgau. Organ der sozialdemokratischen Partei des Kantons St.Gallen, der Arbeiterunionen St.Gallen, Gossau, Uzwil, Wil, Toggenburg, Rapperswil, St.Margrethen und Rorschach. Amtliches Publikationsorgan der Stadt St.Gallen und der Gemeinden Tablat, Straubenzell, Rorschach, Rorschacherberg und Rapperswil, Nr. 54, 4. März 1916 (Staatsarchiv St.Gallen, P 908)