Auszug aus dem Bürgerrechtsdossier von Gertrud Honegger

Freitag, 22. Dezember 1916 – Heimatloses Mädchen erhält Bürgerrecht

Der Grosse Rat verhandelte auf Antrag des Regierungsrates am 22., 23.und 30. November 1916 über insgesamt 153 Kantonsbürgerrechtsgesuche. Das Dossier von Angelina Honegger wurde am 30. November unter Nummer 142 behandelt. Sie erhielt das Bürgerrecht von St.Gallen gegen eine Taxe von 100 Franken.

Angelina Honegger war gemäss Mitteilung der Hebamme Isabella Sacchi am 31. Mai 1901 um 1 Uhr 55 als Kind unbekannter Eltern in Rom geboren worden. Die Hebamme gab ihr den Namen Angelina Vrasini. Das Mädchen war 1902 in die Schweiz gekommen, vom Ehepaar Bertha und Rudolf Honegger-Dieth angenommen und 1912 adoptiert worden. Rudolf Honegger, Bürger von St.Gallen, war seit 1909 als praktischer Arzt in Egg im Kanton Zürich tätig. Da die leiblichen Eltern des Mädchens unbekannt waren, galt Angelina Honegger als heimatlos. Die Adoptiveltern stellten deshalb ein Einbürgerungsgesuch und später noch ein Namensänderungsgesuch, das am 22. Dezember 1916 vom Departement des Innern des Kantons St.Gallen wie folgt beantwortet wurde:

Mit Zuschrift vom 8. ds. Mts. stellen Sie das Gesuch, es möchte Ihrer Adoptivtochter Angelina die Bewilligung erteilt werden, inskünftig den Vornamen „Gertrud“ führen zu dürfen. Nachdem dieser Tochter mit Schlussnahme des Grossen Rates vom 30. November lf. J. das Bürgerrecht des Kantons St.Gallen zuerkannt wurde, ist der herwärtige Regierungsrat zur Bewilligung der Namensänderung gemäss Art. 30 ZGB kompetent; die zuständigen Behörden der Stadt St.Gallen haben gegen diese Namensänderung nichts einzuwenden, so dass der Vorlage Ihres Gesuches an den Regierungsrat von dieser Seite aus nichts mehr im Wege steht.

Dagegen ist laut Mitteilung der Staatskanzlei die Kantonsbürgerrechtstaxe für die genannte Tochter im Betrage von Fr. 100.- noch ausstehend und es kann Ihr gestelltes Namensänderungsgesuch für so lange vom Regierungsrate nicht behandelt werden, bis dieser Betrag einbezahlt ist. Bis zur erfolgten Einzahlung dieser Taxe muss daher auch das Namensänderungsgesuch zurückgelegt werden, wovon wir Ihnen Mitteilung machen.

Hochachtungsvoll

Für das Departement des Innern,

Der Regierungsrat:

sig. Rukstuhl.

Geht – in Abschrift – an die Staatskanzlei zur Kenntnisnahme und zur sofortigen Berichtgabe an das Departement, so bald die Kantonsbürgerrechtstaxe für die Tochter Angelina Honegger einbezahlt worden ist. Das oberwähnte Namensänderungsgesuch soll dann dem Regierungsrate gleichzeitig mit der Erteilung des Kantonsbürgerrechtes vorgelegt werden. Bis zur Behandlung des erstern soll auch mit der Ausfertigung des Bürgerrechtsbriefes zugewartet werden.

St.Gallen, den 22. Dezember 1916.

Rukstuhl.

Nachbemerkung: Um 1930 war Gertrud Honegger als Büroangestellte in Arosa tätig. Später lebte sie in Ringgenberg BE. (Quelle: Bürgerbuch St.Gallen)

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, KA R.88-5-a (Text und Abbildung)

Montag, 18. Dezember 1916 – Hilfe für Italienerfamilien in der Schweiz

Oben: Briefkopf einer Direktimport-Firma für italienische Nahrungsmittel wie Salami, Thunfisch, (Oliven-)Öl, Käse, Konserven, Wein und Likören, 1913. Die Einfuhr von spezifisch italienischen Produkten dürfte mit der starken Zuwanderung von Italienerinnen und Italienern vor dem Ersten Weltkrieg zu tun haben.

Kreisschreiben des Departements des Innern des Kantons St.Gallen an die Gemeinderäte desselben betreffend Anmeldung für Unterstützung italienischer Staatsangehöriger.

Vom 18. Dezember 1916.

Die k. italienische Regierung hat durch das italienische Vizekonsulat in St.Gallen dem herwärtigen Regierungsrat den Betrag von Fr. 5000.- zugehen lassen zum Zwecke der gutfindenden Verteilung an die hierseitigen Wohltätigkeitsanstalten, welche durch den derzeitigen Krieg betroffene bedürftige italienische Familien unterstützt haben. Die italienische Regierung will durch die genannte Spende den hierseitigen Kantonal- und Gemeindebehörden ihre Dankbarkeit für die bezeigte Hülfe bekunden.

Behufs Durchführung der erwähnten Verteilung ergeht an diejenigen Gemeindebehörden, welche für sich oder für Wohltätigkeitsanstalten in ihrer Gemeinde einen berechtigten Anspruch auf Berücksichtigung bei dieser Verteilung glauben erheben zu können, die Einladung, sich spätestens bis zum 10. Januar 1917 beim unterzeichneten Departement anzumelden, unter Angabe der den Anspruch begründenden Tatsachen (Anzahl der Fälle, spezifizierte Angabe der Höhe der Auslagen und allfälliger bereits erfolgter Rückvergütungen in jedem Falle usw.)

Hierbei kommen nur diejenigen Ausgaben in Betracht, die seit Ausbruch des Krieges, d.h. seit August 1914, für italienische Staatsangehörige entstanden sind.

Über die Berücksichtigung der Anmeldungen und die Höhe der Beiträge wird der Regierungsrat entscheiden.

St.Gallen, den 18. Dezember 1916.

Für das Departement des Innern,

Der Regierungsrat:

Ruckstuhl.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZA 001 (Kreisschreiben betreffend italienische Staatsangehörige in der Schweiz, erschienen im Amtsblatt für den Kanton St.Gallen, 91. Jg., Bd. II, Nr. 25 vom 22. Dezember 1916, S. 882) und ZMH 87/018b (Briefkopf)

Briefkopf Provincia di Roma

Freitag, 5. Mai 1916 – Ein Bank-direktor in Italien will aus dem Bürgerrecht entlassen werden

Während der Kriegszeiten hatte der Regierungsrat eher mit Gesuchen um Wiedereinbürgerung (vgl. z.B. Nr. 1095) als mit solchen um Entlassung aus dem Bürgerrecht zu tun. Ein solches stellte Friedrich Arnold Hess, Bankdirektor in Genua und verheiratet mit Rosa Luisa Maria, geborene Gräfin Conti. Das Gesuch wurde unter einigen Auflagen grundsätzlich bewilligt (vgl. Nr. 1094), die Angelegenheit zog sich dann aber bis 1923 hin. Die Akten im Staatsarchiv belegen, dass das definitive Ausscheiden aus dem Schweizer-, dem Kantons- und dem Ortsbürgerrecht erst zu diesem Zeitpunkt und mit einer offiziellen Verzichtserklärung von Hess erfolgte. Die Zusicherung Italiens, Hess und seine Frau ins Bürgerrecht aufzunehmen, trägt folgende Stempel und ist auch von Schweizer Seite mehrfach beglaubigt:

Bürgerrechtsentlassung 1Bürgerrechtsentlassung 2Bürgerrechtsentlassung 3

  Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen: 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 und KA R.88-5-b (Dossier Hess, Arnold Friedrich)

Steinbruch Montlingen, ca. 1913

Dienstag, 2. Mai 1916 – Ausschaf-fung einer Italienerfamilie und Rationierung von Sprengstoff

In ihrer Sitzung befasste sich die Regierung unter anderem mit einer Italienerfamilie, deren männliches Oberhaupt seit 1915 angeblich wegen Teilnahme an Kriegsdiensten in Italien unbekannt verreist war. Der Verdienst der Mutter als Näherin reichte für den Unterhalt für sie selbst und ihre vier Kinder nicht aus. Sie hatte deshalb wiederholt um Unterstützung gebeten, so beim italienischen Arbeitersekretariat, beim katholischen und evangelischen Pfarramt und beim Frauen- und Krankenverein Tablat. Zudem kommt noch, dass Frau D’Inca einen unsittlichen Lebenswandel führt und dieser eine Gefahr für ihre Umgebung und nicht zuletzt für ihre 4 Kinder bildet. […] Der unsittliche Lebenswandel der Mutter, ihr schlechtes Beispiel und die äusserst mangelhafte Erziehung der Kinder machen es notwendig, letztere in eine andere Obsorge zu bringen. Der Gemeinderat Tablat hat deshalb die Ausschaffung der Frrau Giuseppina Viola D’Inca samt den vorbezeichneten 4 Kindern aus armenrechtlichen und sittenpolizeilichen Gründen beschlossen, […]. Der Regierungsrat des Kantons St.Gallen schloss sich diesem Entscheid an und bat das Schweizerische Justiz- und Polizeidepartement um Heimschaffung der Familie (Nr. 1060).

Ebenfalls zu reden gaben die Gesuche für die Lieferung von Sprengkapseln für Bauarbeiten. Letztere wurden von der Firma Nobel AG in Isleten hergestellt. Die Internationale Rheinregulierung hatte für den Steinbruch Kolbenstein in Montlingen und die Firma Rossi-Zweifel für diejenigen in Krontal und Staad um eine Bezugsbewilligung gebeten. Sie waren auf diese regierungsrätliche Empfehlung angewiesen, sonst stimmte die zuständige Genieabteilung des eidgenössischen Armeestabs  einem Bezug nicht zu (Nr. 1963).

Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 und A 481/03.01-08 (Auszug aus einem Bild zum Steinbruch Kolbenstein in Montlingen, Arbeiter mit Bohrhammer beim Vorbereiten einer Sprengung)

Sonntag, 30. April 1916 – Kinder-fest der Fremdengemeinde Fratte di Salerno wird wegen des Krieges abgesagt

Schuljahr 1916/17.

I. Sitzung

Des Komitee der Fremdengemeinde Fratte di Salerno, Sonntag, den 30. April 1916, vormittags 1120 Uhr im Schullokale, bei Anwesenheit aller 5 Mitglieder.

1. Herr Ferdinand Schlaepfer wünscht sein bisheriges Amt als Vorsitzende[r] abzugeben. Auf Ersuchen der andern Mitglieder erklärt er sich alsdann bereit, das Amt als Präsident für ein weiteres Jahr zu übernehmen. Die andern Ämter verbleiben wie bisher verteilt, […].

2. Das Protokoll der V. Sitzung wird verlesen und genehmigt.

3. Da wir uns immer noch im Zeichen des Krieges befinden, glaubt das Komitee gut zu tun, wenn das Kinderfest auch dieses Jahr nicht abgehalten würde und wird eine diesbezügliche definitive Beschlussfassung auf eine der nächsten Sitzung verschoben.

4. Der von Herrn H. Manser vorgelegte Stundenplan für das I. Schulsemester 1916 wird in seiner Zusammenstellung gutgeheissen.

Hierauf Schluss der Versammlung um 11½ Uhr

Der Präsident:             Der Schriftführer:

F. Schlaepfer               H. Scherler

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/21.1 (Auszug aus dem Vorstandsprotokoll der Fremdengemeinde in Fratte) und W 054/29.5 (Reigen am Kinderfest in Fratte 1909)

Dienstag, 14. März 1916 – Schweizer Examen in Fratte di Salerno

In Fratte di Salerno bei Neapel befand sich seit dem 19. Jahrhundert eine bedeutende, von Schweizern aufgebaute Textilindustrie. Zu den führenden Unternehmern zählten die Familien Wenner, Vonwiller, Züblin und Andreae von St.Gallen sowie Schlaepfer aus Rehetobel AR. Die Ausgewanderten bildeten eine eigene Kolonie und hatten sich organisatorisch in der sogenannten Fremdengemeinde Fratte zusammengeschlossen, die sich neben Freizeitaktivitäten vor allem um die Schulbildung der Unternehmerkinder und religiöse Belange kümmerte.

IV. Sitzung des Komite der Fremdengemeinde in Fratte di Salerno, Dienstag, den 14. März 1916, abends 6 Uhr auf dem Bureau der Herren Schlaepfer Wenner & Co. bei Anwesenheit aller 5 Mitglieder.

1.) Herr Schlaepfer begrüsst zuerst der neugewählte [sic] Schriftführer und verliest hierauf das Protokoll der III. Komite-Sitzung [sic] vom 7. Januar 1916 & ersucht alsdann Herrn Wenner dasjenige der ausserordentlichen Generalversammlung vom 6. Februar 1916 zu verlesen. Beide Protokolle werden gutgeheissen.

2.) Die Gratifikationen an die Lehrkräfte für das zu Ende gehende Schuhljahr [sic] 1915/16 werden wie folgt bestimmt: Frl. Brühlmann: Lit. 100.- wie letztes Jahr da ihr bereits in diesem Jahre d.h. für 1916/17 eine Gehaltserhöhung von L. 200.- laut Beschluss der ausserordentlichen Generalversammlung vom 6. Februar a.c. zugesprochen wurde. Herr Manser soll Lit. 150.- erhalten, ohne Gehaltsaufbesserung.

3.) Examen: Herr Schlaepfer schlägt vor[,] die Examen auf Samstag & Sonntag, den 15./16. April 1916 festzusetzen und zwar:

Samstag, 15. April von 9-11 Uhr vorm. Frl. Brühlmann

Sonntag, 16. April von 8 1/2-12 Uhr vorm. Herr Manser,

mit welchem Vorschlag sich die übrigen Mitglieder einverstanden erklären. Herr Wenner wird beauftragt, sich mit den Lehrern bezüglich des näheren Programms der Examen in’s Einvernehmen zu setzen.

4.) Die üblichen auf die Examen folgenden Ferien sollen Montag, den 17. April beginnen und bis zu Anfang des neuen Schuljahres d.h. Montag, den 1. Mai dauern.

5.) […]

6.) Herr Wenner erkundigt sich noch, ob die sr. Zt. von Herrn E. Ludwig vorgeschlagenen Reparaturen auf dem Friedhof ausgeführt wurden, worauf Herr Stüssi erklärt, dass das eiserne Eingangstor angestrichen wurde. Dagegen sind die zerfallenen Grabkreuze noch nicht durch neue ersetzt worden. Herr Schlaepfer & Herr Stüssi werden sich demnächst an Ort & Stelle begeben, zur weiterer [sic] Besprechung dieser Frage.

Schluss der Sitzung abends 6 ½ Uhr.

Die Schaffhauserin Marie Brühlmann war als Unterstufenlehrerin von 1914 bis zur Auflösung der Schweizerschule in Salerno 1921 tätig. Sie unterrichtete die erste bis vierte, später die erste bis sechste Klasse. Ausserdem erteilte sie Handarbeitsunterricht. Der Sekundarlehrer Hans Manser, laut Eigenaussagen ein liberaler Katholik (vgl. StASG, W 054/4.15), stammte aus St.Gallen. Er war für die fünfte bis neunte Klasse zuständig und von 1915 bis 1920 angestellt.

Quellen: StASG, W 054/21.1 (Auszug aus dem Vorstandsprotokoll der Fremdengemeinde in Fratte) und W 054/29.8 (Maskenball der Fremdengemeinde Salerno um 1910)

Sonntag, 6. Februar 1916 – Ostschweizer Industriellen-Familien in Neapel

In Fratte di Salerno bei Neapel befand sich seit dem 19. Jahrhundert eine bedeutende, von Schweizern aufgebaute Textilindustrie. Zu den führenden Unternehmern zählten die Familien Wenner, Vonwiller, Züblin und Andreae von St.Gallen sowie Schlaepfer aus Rehetobel AR. Die Ausgewanderten bildeten eine eigene Kolonie und hatten sich organisatorisch in der sogenannten Fremdengemeinde Fratte zusammengeschlossen, die sich neben Freizeitaktivitäten vor allem um die Schulbildung der Unternehmerkinder und religiöse Belange kümmerte:

Ausserordentliche Generalversammlung

Der Fremdengemeinde in Fratte, Sonntag den 6. Februar 1916 vormittags 11 Uhr im Schullokal. –

Der Herr Präsident eröffnet die Versammlung durch Namenaufruf. Anwesend sind 19 Mitglieder; entschuldigt abwesend 12; unentschuldigt 17. –

Zur Tagesordnung übergehend wird:

  1. in Anbetracht der Abwesenheit des Schriftführers [Aktuars] das Protokoll der ordentlichen Gemeindeversammlung vom 25. April 1915 auf Aufforderung des Herrn Präsidenten hin von Herrn Fritz Wenner jr. verlesen und von der Versammlung ohne Bemerkung gutgeheissen.
  2. Der Herr Präsident teilt mit, dass der Anstellungskontrakt [Anstellungsvertrag] der Lehrerin, Frl. M. Brühlmann, in diesen nächsten Monaten abläuft und der Vorstand der Ansicht sei, dass es im Interesse der Schule wäre[,] den Kontrakt für weitere 2 Jahre mit einer Gehalterhöhung von Lit 200.- mit Frl. Brühlmann zu erneuern, womit Frl. Brühlmann einverstanden wäre. Da niemand etwas gegen diesen Vorschlag einzuwenden hat[,] wird derselbe einstimmig durch Händeaufheben von der Gemeindeversammlung angenommen.
  3. Zur Aufnahme eines neuen Gemeindemitgliedes bemerkt der Herr Präsident, dass es sich um die Aufnahme des Herrn Peter Flury in Nocera handelt, dass sich aber am Tage vor der Versammlung auch noch Herr Hermann Scherler zur Aufnahme gemeldet habe und die Gemeinde somit über die Aufnahme dieser beiden Herren abstimmen müsse. In der geheimen Abstimmung, welche folgt, werden beide Herren einstimmig aufgenommen.

[…]

Kinderfest Fratte 2

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/21.1 (Auszug aus dem Protokoll der Fremdengemeinde) und W 054/29.6 (Bilder)

Der Kutscher der Familie Wenner, Antonio Cosimato, in Fratte di Salerno, ca. 1916

Montag, 24. Januar 1916 – Fritz Wenner kehrt nach Italien zurück. Die Reise mit Handgepäck über den Simplon ist schneller als die Gotthard-Route.

Fritz Wenner, Textilindustrieller in Fratte di Salerno mit St.Galler Wurzeln, war auf der Rückreise von einer Geschäftsreise in die Schweiz. Er war seit 1913 mit Maria Wenner-Andreae verheiratet und Vater von zwei kleinen Knaben, Giovanni (genannt Gianni, 1914-2010) und Diethelm (genannt Dimi, 1915-1996).

Gina Andreae (1891-1977) war die jüngste Schwester von Maria Wenner. Sie verheiratete sich 1922 mit dem Juristen Fritz Bek und lebte in Bern.

Silvia Wenner (1886-1968) war die jüngste Schwester von Fritz Wenner. Sie war ab 1925 mit Hermann Ochsenbein (1888-1947?) verheiratet. Ochsenbein arbeitete ab 1916 Spinnereidirektor bei der Firma Roberto Wenner in Fratte.

Fritz Wenner schrieb aus Mailand.

Meine herzliebste Maria

Endlich kann ich Dir wieder einmal ohne Bedenken u. Furcht vor Censur etc. schreiben u. Dir vor allem meine glückliche Ankunft von gestern Abend hier melden. Eben erhielt Vater Deine Zeilen, aus denen wir mit grosser Freude u. Dankbarkeit entnehmen, dass es Dir u. den beiden Schatzelchens u. allen in Fratte gut geht. – Auch hier traf ich alle Lieben gesund u. wohl u. recht aufgeräumt an. – Gina sieht blass aus u. Mutter sagt mir aber, dass man uns Gina gerne so bald als möglich auf Besuch geben möchte; ich denke es passt Dir auch u. kannst Du darüber an Mutter schreiben. Weisst Du[,] es ist nicht ausgeschlossen, dass ich kaum nach meiner Heimkehr jetzt Ende dieser Woche gleich nach einigen Tagen wieder für eine Sitzung nach Mailand werde reisen müssen u. zwar wegen Onkel Robert; aber bestimmt weiss ich es nicht, wahrscheinlich finde ich hierüber etwas in Fratte vor. Wenn es so ist, so werde ich Gina mit nach Hause bringen können. Was sagst Du wohl zu alle dem?

Von meiner Schweizerreise werde ich dann mündlich ausführlicher erzählen können. Heute habe ich nun hier einige Besuche zu machen u. morgen nachmittag will ich nach Turin zu Onkel Emil reisen. Am Mittwoch abend gedenke ich die Reise nach Rom fortzusetzen, den Donnerstag dort zuzubringen u. am Abend spät abzureisen, um am Freitag vormittag um 9¼ Uhr in Salerno einzutreffen. Wenn das Auto frei ist, so könnte es mich an der Bahn abholen, sonst schickt mir Papa vielleicht den Wagen. Gepäck habe ich ja keines ausgenommen meinen Handkoffer. – Gestern ging an der Grenze alles sehr glatt vonstatten. Ich reiste also via Simplon u. konnte darum leider die Bekannten in Lugano u. Locarno nicht noch aufsuchen, aber es hätte mir eben einen grossen Zeitverlust gebracht, wenn ich wieder die Gotthard-Route genommen hätte. –

Nun freue ich mich schrecklich[,] wieder zu Euch Lieben zu kommen u. zu hören[,] wie es Euch in dieser Zeit ergangen ist, u. was für Fortschritte die Kleinen gemacht haben. Wenn Du wüsstest, mein liebes Frauchen, wie meine Gedanken so viel bei Dir sind u. wie oft ich Dich im Geiste fest umarme! Ich gehe jetzt in die Stadt u. will Dir einen telegraphischen Gruss senden. Übermittle ihn dann auch den l. Eltern u. Silvia. Empfange Du selbst mitsamt unsern Söhnchen einen, (nein tausend) herzinnige Küsse von Deinem treuen Maritino Fritz. Alle Deine Lieben hier senden ebenfalls innigste Grüsse.

Fritz Wenner hatte in der Schweiz Erbschaftsangelegenheiten der Familie Pfister zu regeln (vgl. Beitrag vom 12. Januar). Die Familie Pfister war Miteigentümerin von Wenners Schwesterfirma Aselmeyer & Pfister. Diese fusionierte 1916 mit der Firma Schlaepfer Wenner zur CORISAL (Cotonifici riuniti di Salerno). Ausgelöst worden war dieser Vorgang durch den Krieg. Man versuchte damit, den deutschen Einfluss in der auf italienischem Boden angesiedelten Firma zu verringern. Wenners Reise in die Schweiz sollte den Zusammenschluss der Firmen vorbereiten. (Mitteilung von Markus Kaiser)

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/69B.19.09 (Bild)

Maria Wenner auf der Eingangstreppe zu ihrem Haus in Fratte di Salerno

Mittwoch, 12. Januar 1916 – Elternsorgen: schlaflose Nächte wegen Kindern mit Verdauungs-beschwerden

Fritz Wenner, Textilindustrieller in Fratte di Salerno in Süditalien mit St.Galler Wurzeln, befand sich auf Geschäftsreise in der Schweiz. Dabei benutzte er die Gelegenheit, Verwandte und Bekannte zu besuchen und einige persönliche Angelegenheiten zu erledigen.

Fritz und Maria Wenner-Andreae waren seit 1913 verheiratet und Eltern von zwei kleinen Knaben, Giovanni (genannt Gianni, 1914-2010) und Diethelm (genannt Dimi, 1915-1996). Ihretwegen konsultierte der Vater einen Arzt in der Schweiz und liess sich Ernährungsempfehlungen geben.

Fritz Wenner schrieb aus dem Hotel Savoy in Zürich. Die Postzustellung war unzuverlässig, und der Brief musste durch die Zensur.

Meine liebe Maria

Am Montag morgen telegraphierte ich Dir, um meine u. Alexens glückliche Ankunft zu melden. Ich habe bis heute abend keine Antwort von Dir erhalten u. ist wohl wieder etwas verloren gegangen. – Ich hoffe nur[,] Ihr seid alle wohl u. lasst Euch nichts fehlen.

Von hier habe ich Dir nichts besonderes zu melden, als Euch allen die Grüsse von allen unseren Verwandten u. Bekannten[,] die ich sehe zu übermitteln. Die Cousinen Clara und Quinta sind in Zuoz wohin ich gedenke für Samstag u. Sonntag zu reisen, um sie zu besuchen. Gestern war ich in St.Gallen und Rorschach u. traf die Vettern Otto und Albert Wenner. Ihre Frauen u. Kinder waren in Bern u. Zürich u. sah ich somit nicht. Morgen gehe ich nach Baden zu Braun Boveri u. am Freitag nach Schaffhausen in den Erbschaftsangelegenheiten der Kinder Pfister.

Du siehst meine Tage sind ausgefüllt u. ich brauche mich nicht zu langweilen. –

Heute nachmittag war ich bei Dr. Mende [?] und hatte eine lange Unterredung mit ihm. – Wegen Gianni sagte er[,] die Sache wegen der Verdauung habe nichts auf sich. Man solle möglichst vermeiden[,] Milch allein zu geben, u. am morgen etwas Nestlé Mehl oder Bengers‘ Food oder so was beimischen, dadurch werde die Milch leichter verdaulich u. der Stuhlgang erleichtert. Am Mittag dürfe er nicht mehr wie ca. ¼ Liter Hafersuppe bekommen, da es sonst seinen Magen zu sehr erweitere. Am Abend sollte er nicht wieder etwas schleimiges oder pappiges bekommen, sondern z.B. Pastina nur abgesotten mit etwas Butter u. Salz condito u. dazu gekochtes Obst, eventuell auch aus Gläsern Pfirsiche etc. damit sein Stuhlgang erleichtert werde. –

Wegen Dimy fand er nichts unrichtig. Nur meint er[,] man sollte ihn während des Tages ganz genau jede 2½ Stunde zu trinken geben u. nur solange, als er wirklich Appetit bekundet. Das Übergeben kommt wie er meint mehr von überladenem Magen. Er meint[,] der Kleine würde sich so sehr bald daran gewöhnen[,] Nachts längere Pausen zu machen. Am Tag müsse man ihn im Anfang zu den genauen Stunden für die Ma[h]lzeiten wecken, sehr bald erwache er dann von selbst. Wenn er fertig getrunken habe[,] dürfe er nicht im selben Zimmer mit Dir bleiben. Nux vom.[1] sei gut; anstatt Ipec. [?] würde er Camomilla 30 abends geben.

Deinen Brief habe ich erst heute erhalten. Ich war schon am Montag beim Photographen gewesen. –

Ich bin leider noch nicht dazu gekommen[,] zu Dr. Heftis zu gehen u. habe daher auch den Alex nicht wieder gesehen; hoffentlich gelingt es mir jetzt dann doch einmal. Das Wetter ist hier nicht besonders kalt, meistens bedeckt, u. Schnee liegt so zu sagen keiner auf dem Land. –

Ich sage Dir adieu, meine l. Mogliettina u. denke sehr viel an Dich u. an unsere lieben Kleinen. Grüsse mir die l. Eltern u. Silvia recht sehr u. sei Du selbst von Herzen umarmt u. geküsst von Deinem Dich innig liebenden Maritino Fritz Wenner.

[1] Nux vomica: Brechnuss, pflanzliches Arzneimittel, heute nur noch in der Naturheilkundepraxis verwendet.

Silvia Wenner (1886-1968) war die jüngste Schwester von Fritz Wenner. Sie war ab 1925 mit Hermann Ochsenbein (1888-1947) verheiratet. Ochsenbein arbeitete ab 1916 als Spinnereidirektor bei der Firma Roberto Wenner in Fratte.

Am gleichen Tag hatte auch die St.Galler Regierung eine Sitzung. Ihre Sorgen waren anderer Natur:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/74.33 (Bild) sowie ARR B 2-1916