Tanzbaer

Dienstag, 22. Mai 1917 – Bärenalarm in Rorschach

Das Tagblatt berichtete über einen Vorfall während des Frühlingsjahrmarkts in Rorschach:

Vermischtes. Von einer lustigen Bärenjagd berichtet unser Korrespondent aus Rorschach: In der Samstagnacht brach im Budenplatz am See ein Bär aus und trottete durch die Hauptstrasse. Die Landsturmwache beim Kornhaus rief «Korporal raus!» Sechs Mann marschierten auf und rückten Meister Petz mit Bajonett und geladenem Gewehr auf den Leib. Es gelang ihnen, den Bär in ein Feuergässchen zu treiben und in einen Hinterhof mit Laufstegbrettern einzuschliessen. Ein Landsturmsoldat hatte solche Furcht, dass er das Gewehr wegwarf und das Weite suchte. Nach zwei Stunden gelang es, einen Angestellten des Budenbesitzers aufzutreiben. Der Bär, der unterdessen einen Korb voll Fische verzehrt hatte, liess sich von diesem Mann willig und zufrieden in den Käfig zurückführen.

Vier Tage später erschien eine Berichtigung zu diesem Vorfall:

Rorschach (Berichtigung). Nachdem wir aufmerksam gemacht worden sind, dass es unrichtig sei, dass ein Landsturmsoldat anlässlich der «Bärenjagd» in Rorschach aus Angst das Gewehr habe fallen lassen, haben wir uns an den Verfasser jener Korrespondenz gewandt. Dieser schreibt uns, es tue ihm leid, den Sachverhalt unrichtig mitgeteilt zu haben; er sei durch einen sonst sehr zuverlässigen Beamten falsch orientiert worden. Nach der Darstellung von Augenzeugen soll ein Landsturmsoldat bei der Verfolgung des Bären gestrauchelt sein, was Anlass zu dem Histörchen gegeben hat, welches übrigens auch in einer Rorschacher Zeitung erschienen ist. Dass es unserem Gewährsmann nicht darum zu tun gewesen ist, die Landsturmleute lächerlich zu machen, versteht sich von selbst; er schreibt denn auch, dass man diese in Rorschach sehr gerne habe, und er wünsche, dass an dieser Stelle sein Bedauern über die unbeabsichtigte Entstellung zum Ausdruck gelange zuhanden des in Rorschach liegenden Landsturm-Detachements.

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 909 (Abendblatt, Nr. 118, 22.05.1917 und Abendblatt, Nr. 122, 26.05.1917) und ZNA 01/0488 (Beitragsbild aus: Pfeiffenberger, Karl: Lesebuch für die Primarschulen des Kantons Basel-Stadt, 1. Schuljahr, 2. Aufl., Basel 1907)

Briefkopf einer Metzgerei in Lichtensteig

Donnerstag, 18. Mai 1916 – Billiges amerikanisches Schweinefleisch in St.Gallen und Indianer in Basel

In der Abendausgabe der Ostschweiz vom 18. Mai 1916 fanden sich auf derselben Seite zwei Kurznachrichten:

Lebensmittelfürsorge

(Mitg.) Die Lebensmittelfürsorgekommission von Gross-St.Gallen nahm in ihrer gestrigen Sitzung den Bericht ihres Vorsitzenden über die Zur Bekämpfung wucherischer Spekulationen mit Lebensmitteln getroffenen Massnahmen entgegen. Auf Grund einer beim Regierungsrat nachgesuchten Kompetenzübertragung ist schon vor einigen Wochen bei allen hiesigen Lagerstellen und Grossisten eine Bestandsaufnahme und Untersuchung durchgeführt worden, die bereits zur definitiven Beschlagnahme einiger grösserer Posten Kaffee und Speiseöl durch das schweizerische Volkswirtschaftsdepartement Veranlassung gab.

Die billige Milchabgabe an kinderreiche Familien, deren Sistierung publiziert war, soll einem vor [sic] verschiedenen Seiten geäusserten Wunsche entsprechend einstweilen probeweise noch einige Wochen fortgesetzt werden, bis ein definitiver Beschluss über die weitere Fortdauer dieser Aktion gefasst werden kann.

Gegenüber einer in der Presse erschienenen Reklamation über die Qualität eines auf der Freibank des Schlachthofes verkauften Postens billigen amerikanischen Schweinefleisches stellt die Kommission fest, dass dieses Fleisch keineswegs ungeniessbar, sondern lediglich zufolge des Transportes und der langen Lagerung etwas minderwertig geworden war, wie das in der Auskündung übrigen von vorneherein bekannt gegeben wurde. Zahlreiche Bezüger, die sich genau an die gegebenen Gebrauchsanweisungen hielten, haben sich im allgemeinen befriedigt über die gemachten Erfahrungen ausgesprochen.

[…]

Basel. Eine Apachengesellschaft. Das Basler Strafgericht verurteilte eine vierköpfige Apachengesellschaft im Alter von 18 bis 20 Jahren, die seit Ende 1915 bis Mitte Februar 1916 in vierzehn Fällen Einbrüche und andere Diebstähle verübte, zu Gefängnisstrafen von sechs bis neun Monaten. Ein fünfter Komplize wurde der Vormundschaftsbehörde überwiesen. Die Burschen hatten, angeregt durch Detektivgeschichten und Kinobesuche, einen regelrechen Apachenklub mit Statuten, Wappen, äussern Erkennungszeichen, Handgelübde und Treuschwur gegründet und die Diebstähle im Komplott begangen, wobei stets ein scharfgeladener Revolver mitgeführt wurde.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 907 (Die Ostschweiz, Nr. 116, 18.05.1916, Abendblatt) und ZMH 40/012 (Auszug aus Briefkopf der Metzgerei und Wursterei J. Geiger in Lichtensteig, 1912)

Donnerstag, 27. Januar 1916 – 17jährige Schwedin misst 2,30 Meter und besucht auf ihrer Schweizerreise auch St.Gallen

Menschen anderer Hautfarbe, besonders gross Gewachsene oder Kleinwüchsige oder Personen mit anderen, nicht alltäglichen und ausgeprägten Körpermerkmalen stiessen seit dem 16. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auf grosses Interesse. Nicht selten verdienten sie ihren Lebensunterhalt damit, sich selber zu präsentieren, sei es auf Jahrmärkten, im Zirkus oder gar in zoologischen Gärten (z.B. in Basel).

Das Riesenfräulein

hat sich gestern vormittag auf unserer Redaktion vorgestellt und angezeigt, dass es von heute ab für einige Tage im Hotel „Ochsen“ logiere. Das Fräulein ist auf der Insel Gotland in der Ostsee geboren, ist also schwedischer Nationalität. Mit 7 Jahren begann es sehr stark zu wachsen, mit 10 Jahren war es schon fast 2 Meter gross und heute misst die erst 17jährige Schwedin 2,30 Meter. Sie ist eine angenehme, ebenmässig gebaute Erscheinung mit jungem, frischem Gesicht, hat volles, braunblondes Haar und fröhliche Augen und weiss sich recht gut zu unterhalten. Sie spricht Deutsch, Schwedisch und Englisch und kommt dem Riesen Teddy Bobs sehr gut; sie gedenkt, diesem die Hand zu reichen und hernach wird das Paar ausserhalb New York sich ein Landhäuschen bauen. So finden sich auch die Riesen.

Fräulein Marsiana befindet sich auf der Reise durch die Schweiz. Die ländische Tracht steht ihr recht gut. Sie ist das Kind von Eltern, die nicht über mittelgross sind. Der Vater des Mädchens ist blind und die Tochter unterstützt ihn, indem sie sich als Riesin sehen lässt. Man wird in diesem Falle nicht eine sogenannte „Riesendame“ sehen, sondern ein schön proportioniertes, geistig aufgewecktes, körperlich schlankes Riesenfräulein.

Hinweis: Der Besuch der gross gewachsenen Schwedin in St.Gallen war auch in der Sprachheilschule ein Thema, siehe den Beitrag vom 29. Januar 1916.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 909 (Text, 27.01.1916, Morgenblatt, S. 3 und Anzeige Abendblatt, S. 4)