Donnerstag, 1. Juni 1916 – Jesu Himmelfahrt im Schulbuch

1916 fiel der Auffahrtstag auf den 1. Juni.

Vier Jahre zuvor hatte die evangelische Synode des Kantons St.Gallen die Einführung eines neuen Lehrmittels für biblische Geschichte erlaubt. In der fünften Primarschulklasse sollte die Auffahrt Jesu anhand des folgenden Texts behandelt werden:

Die Himmelfahrt Jesu.

(Matth. 28. Mark. 16. Luk. 24. Apostelg. 1.)

  • Vierzig Tage lang blieb der Auferstandene auf Erden, zeigte sich mehrmals seinen Jüngern und redete mit ihnen vom Reiche Gottes. Auf einem Berge in Galiläa, wohin er sie beschieden hatte, trat er abermals zu ihnen und sprach: «Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe! Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.»
  • Als er sie zum letztenmal [sic] versammelt hatte in Bethanien, gebot er ihnen, nicht aus Jerusalem zu weichen, sondern dort zu warten, bis die Verheissung des heiligen Geistes an ihnen in Erfüllung gegangen wäre. Da ihn seine Jünger fragten, wann er das Reich Israel wieder aufrichten werde, sprach er zu ihnen: «Es gebührt euch nicht, Zeit und Stunde zu wissen, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat, sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf euch kommt, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Welt.»
  • Nachdem er solches gesagt hatte, hob er die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Als sie ihm nachsahen, standen zwei Männer in weissen Kleidern bei ihnen und sagten: «Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch aufgenommen ist gen Himmel, wird wieder kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.» Hierauf kehrten die Jünger mit grosser Freude wieder nach Jerusalem zurück. Sie waren allezeit im Tempel, priesen und lobten Gott.

 

Ephes. 1,22. Gott hat alle Dinge unter seine Füsse getan und hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles.

Joh. 14,2. Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.

Matth. 28,20. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Kol. 3,1. Seid ihr mit Christus auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes!

Siegesfürst und Ehrenkönig,

Du verklärte Majestät,

Alle Himmel sind zu wenig,

Du bist drüber hoch erhöht!

Sollt‘ ich nicht zu Fuss dir fallen,

Nicht mein Herz vor Freude wallen,

Wenn ich gläubig, Herr, betracht‘

Deine Hoheit, deine Macht?

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZNA 04/0087 (Text und Bild: Biblische Geschichte für den evangelisch-protestantischen Religions-Unterricht. St.Gallen, 1912)

Ansichtskarte von Rheineck mit Osterhase

Ostersonntag, 23. April 1916 – Gedicht im Drittklasslesebuch

Beitragsbild: Sekundar- und Primarschulhaus in Rheineck, ca. 1900

Der Erziehungsrat des Kantons St.Gallen gab 1916 unter anderem ein neues Lesebuch für das dritte Schuljahr der Primarschulen heraus. Darin findet sich folgendes Gedicht:

91. Ostern

 

Die Frühlingssonne

steigt auf im Ost,

bringt neue Wonne

nach Schnee und Frost.

 

Die Blümlein schliefen

und sind erwacht

aus Grabestiefen

und Wintersnacht.

Und froh erwachet

nun Berg und Tal

und grüsst und lachet

zum goldnen Strahl[.]

Aus Grabesbanden

ist Gottes Sohn

auch auferstanden

zum Himmelst[h]ron.

 

                                    Christ ist erstanden!

                                    Tönt’s fern und nah.

                                    Christ ist erstanden!

                                    Hallelujah!

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZNA 01/0204 (Lesebuch für das dritte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St.Gallen, hg. vom Erziehungsrat, Gossau 1916) und W 238/02.14-06 (Ansichtskarte von Rheineck, herausgegeben bei Gebr. Metz, Basel)

Samstag, 15. April 1916 – Frosch-schenkel als Fastenspeisen und Gespräche über den Tod und das Sterben

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Am Sonntag besuchten die Mädchen den Wildpark. Sie haben die jungen Moufflonschafe gesehen. Sie sagten, das seien possierliche Tiere. Aber sie gumpten [hüpften] nicht herum. Sie hielten einen Mittagsschlaf. Sie waren erholungsbedürftig. In der gleichen Abteilung sind 2 Schneehasen. Man nennt sie auch Alpenhasen. Die Mädchen haben sie nicht gesehen. Sie sind im Winter weiss wie Schnee. Wenn der Frühling kommt, wechseln sie ihr Kleid. Sie nehmen die Farbe der Erde u. des Gesteins an. Sie sind so vor den Raubvögeln u. vor den Jägern geschützt. Die Mädchen sahen, dass die Hirsche u. Rehe ihre Haare verlieren. Sie wechseln ihre Haare. Im Winter hatten sie einen dicken Pelz. Jetzt bekommen sie ein leichtes Sommerkleid. Anna Altenburger fütterte einen Hirsch mit Gras. R. Hängi tupfte ihn auf seine Schnauze. Da lief er erschrocken davon.

Familie Bühr erhielt wieder eine Karte von Willi aus Zürich. Er schrieb, er u. seine Genossen seien einen Tag in Zürich geblieben. Sie haben die Stadt angeschaut u. auf dem See gerudert. Hr. Bühr fragte Elsi, ob es in Churwalden auch einen See habe. Elsi nickte mit dem Kopf. Herr Bühr sagte, das sei kein See, es sei nur ein Fröschenweiher. Er fragte mich, ob in Niederurnen ein See sei. Ich sagte nein, nur Klunken [Pfützen], wenn es regne. Er fragte weiter, ob die Katholiken in Niederurnen auch Frösche fangen. Da war Seppli aufgeregt. Jetzt allüberall fangen die Katholiken Frösche. Von der Fastnacht bis Ostern dürften sie kein Fleisch von warmblütigen Tieren essen, nur Froschschenkel u. Fische. Das sind Fastenspeisen.

Seit längerer Zeit lag ein ehemaliger Zögling, Karl Anderegg, im Kantonsspital. Er litt an Lungenschwindsucht. Letzte Woche bekam er noch tuberkulöse Gehirnentzündung. Am Samstag schied er aus dem Leben. Seine Mutter kam. Sie übernachtete in der Anstalt. Morgen Nachmittag wird er auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Karl hatte auch eine taubstumme Schwester, Hermine. Sie war 8 Jahre in der Anstalt. Kurz nach dem Austritt ist sie auch an Lungenschwindsucht gestorben. Sie wurde in Rheineck bestattet. Die Leichname der Geschwister sind getrennt. Ihre Seelen sind vereinigt bei Gott. Herr Bühr fragte uns, ob wir uns vor dem Tode fürchten. Wir sagten: im Gegenteil, wir fürchten uns nicht davor.

Liseli hat Pech gehabt. Die Buchbinderin hat ein Heft von Johann Gemperle zu Liselis Heften gebunden. Es ist schade. Jetzt sind beide Bücher verhunzt. Herr Bühr will sie der Buchbinderin zurückgeben. Sie muss sie ändern.

Hr. Bühr hat uns am Montag beim Mittagessen ein Eilein gezeigt. Rösli hat letzten Sommer 2 Kanarienvögel von Hrn. Tschudi, Waisenvater[,] geschenkt bekommen. Eines von ihnen ist ein Männchen[,] das andere ein Weibchen. Das Weibchen legte das Eilein. Rösli machte ein Nestlein u. legte das Eilein darein. Wenn das Weibchen 3 oder 4 Eier gelegt hat, stellt man das Nest in das Bauer. Dann brüten das Männchen u. das Weibchen die Eier miteinander aus. Nach einiger Zeit schlüpfen junge Kanarienvögelein aus.

Rösli hat am Dienstag vom Schlafsaal aus mit einer Bohnenstange ein Taubennest herabgestupft. Die Tauben gehört [sic] einem Herrn da unten an der Stauffacherstrasse. Er hat seine Freude an den Tauben. Er hat einen Taubenschlag. Einige Tauben fliegen oft an unser Haus. Sie sind wohl schöne u. nützliche Tierlein, aber sie fallen den Nachbarn zur Last, indem sie die Häuser beschmutzen. Immer sind die Gesimse voll Taubenmist. Wenn wir nur die anderen Nester auch herabstupfen könnten!

In der Multergasse kann man etwas Interessantes sehen. In dem Schaufenster eines Hutgeschäftes sieht man eine Aargauerin in der Tracht. Sie flickt Strohhüte. Es läuft ihr gut aus der Hand. Wir haben in der Geographie gelernt, im Kt. Aargau wird Strohhutflechterei getrieben. Warum hat der Ladenbesitzer eine arbeitende Strohhutflechterin ausgestellt? Er ist ein Schlaumeier. Er denkt, viele Leute werden vor dem Schaufenster stehen bleiben u. der Aargauerin zuschauen. Dabei werden sie die ausgestellten Hüte anschauen u. sich entschliessen, in den Laden zu gehen, um einen Hut zu erstehen. Die Aargauerin soll ein Lockvogel sein.

Letzte Woche hat Herr Bühr auf der Bank das Kapital von Liseli geholt. In früheren Jahren hat Hr. Bühr 50 fs. auf die Bank gelegt. Als er es abhob, waren es 63,25 fs. Also hat das Kapitälchen 13,25fs. Zins getragen. Wenn ich später einmal etwas erspare, will ich es auf die Bank tragen. Dort wächst das Kapital.

Am Mittwoch morgens [sic] gingen wir in das Pfarrhaus. Hr. Pfr. zeigte uns die Plätze, welche wir an der Konfirmation einnehmen müssen. Es sind 30 hörende Konfirmandinnen. Herr Pfarrer schenkt uns ein Gebetbuch. Herr Bühr bat ihn um 16 Karten für reservierte Plätze in der Kirche. Er schickte sie unseren Angehörigen.

Am Dienstag bekam Elsi Brügger das Konfirmationskleid. Es war höchste Zeit. Sie hat schon Angst gehabt, es komme überhaupt nicht mehr. Wenn es nicht gekommen wäre, wäre sie in der Tinte gewesen.

Gestern kam Fräulein Scherrer auf Besuch. Am Abend halfen sie u. Frl. Groth Fr. Bühr[,] die Sommerhüte garnieren. Bald wird Fräulein Scherrer nicht mehr in Romanshorn wohnen. In der Woche nach Ostern zügeln [ziehen um] Scherrers nach Zürich mit Sack u. Pack.

Herr Bühr bekam heute einen Brief von einem ehemaligen Zögling. Er ist ein Appenzeller von Trogen. Vor vielen Jahren ist er mit seinem Vater als Käser nach Russland übersiedelt. Der Brief wurde am 19. Febr. abgeschickt. Er braucht fast zwei volle Monate. Er musste eine lange Reise machen über Schweden, um England, durch Frankreich [Wort gestrichen], bis er sein Ziel erreichte.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Tagebuch) und P 909, 02.03.1916 (Inserat aus dem St.Galler Tagblatt)

Dienstag, 11. April 1916 – Kommunionskerzen für Rüti

Rechnung der von der Witwe Müller-Schneider geführten Wachswarenfabrik in Altstätten an Herrn Vikar C. Schwyter in Rüti:

Wachswarenfabrik

Begleitschreiben unterhalb der Rechnung:

In höflicher Verdankung Ihres werten Auftrages, übersende Ihnen anmit verzierte Kommunionkerzen, wie ich jeweils für löbl. Pfarrei Rüti geliefert habe & hoffe die Sendung zur Zufriedenheit ausfallend, Beste Empfehlung weiterhin.

Gleichentags traf sich auch die Regierung zu einer Sitzung. Sie verhandelte u.a. den Kommunalbericht zur Gemeinde Oberbüren (Nr. 889), Fälle von Brandschadensvergütungen in Hemberg, Wattwil und Uznach (Nr. 891 bis Nr. 893) und eine Unfallentschädigung für einen Landjäger (Nr. 895). Der Polizist hatte sich in Ausübung seines Amtes bei der Festnahme eines Individuums den linken Daumen verstaucht und den rechten Handrücken gequetscht, was ihm anderthalb Monate Arbeitsunfähigkeit eintrug. Ausserdem erlaubte der Regierungsrat den Fischern, im Bodensee auch an Sonntagen Fische aus den Netzen auszulösen (Nr. 907). Der volle Wortlaut aller Beschlüsse findet sich hier:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZMH 02/014f (Text und Bild betreffend Kommunionskerzen) und ARR B2-1916 (Texte)

Samstag, 26. Februar 1916 – Emma hält ihren Wochenrückblick

Am Sonntag war Marie Francesconi auf Besuch. Sie brachte ein Paar Schuhe, die ihr zu klein sind u. ein Paar Finken [Hausschuhe], die ganz zerrissen sind. Herr Bühr fragte sie, ob alle Mädchen im Fürsorgeheim mitgeholfen haben, sie zu zerreissen. Herr Bühr fragte das, weil die Finken so schnell kaput[t] gegangen sind. Maria wurde am Mittag im Scherz zum schwarzen Kaffee eingeladen. Sie fasste den Scherz als Ernst auf u. setzte sich an den Kaffeetisch. Als sie den schwarzen Kaffee ausgetrunken hatte, schicke Herr Bühr sie zu den Mädchen. Da machte Maria verwunderte Augen. Sie wäre lieber am Lehrertisch geblieben. Herr Bühr fragte sie, ob ihr Bruder jetzt in Italien sei. Maria bejahte es u. sagte: „an der Löwengasse.“ Ihr Bruder ist gegenwärtig in St. Gallen an der Löwengasse. Er ist 18 Jahre alt. Er musste auch in den Militärdienst einrücken nach Italien. Nach einigen Wochen war er plötzlich wieder in der Schweiz. Er sagte, er habe den Militärarzt angeschwindelt, er sei nicht ganz gesund, dann sei er frei geworden. Das will Herr Bühr aber nicht glauben. Er ist vielleicht geflohen. Das wäre gefährlich gewesen. Wäre er in Italien erwischt worden, so wäre er erschossen worden wegen Fahnenflucht.

Am Montag Abend während des Nachtessens wurde Herr Bühr hinausgerufen. Herr Gemperle war da. Er brachte die Entscheidung. Herr Bühr hatte ihm geschrieben, Johann könne in seiner Klasse nicht mehr mitmachen; was er lieber wolle, dass Johann im Frühling austrete oder dass er in eine Spezialklasse für Schwachbegabte ersetzt werde. Er hatte es daheim überlegt. Er hat sich entschieden, er wolle Johann im Frühling zu Hause behalten. Er sagte, die Mutter könne ihn gut brauchen zum Gaumen [Hüten] der jüngeren Geschwister. Als Herr Bühr wieder in das Speisezimmer kam, sagte er zu Lina Tobler, sie solle hinausgehen, ihr Bruder sei draussen. Da freute sie sich auf die Schokolade u. ging hinaus. Nachher kam sie wieder herein. Sie war richtig auf den Leim gegangen. Am nächsten Tag war sie immer noch taub [verärgert], so sagte Herr Bühr. Das ist ein Dialektausdruck für böse.

Am Samstag hat Herr Bühr einen Bücherkasten der Oberklasse durchstöbert. Er hat die alten Bücher, die man nicht mehr braucht, herausgenommen. Sie werden auf die oberste Bühne in eine Kiste versorgt. Dort werden sie einen huntertjährigen [sic] Schlaf halten.

Diese Woche ist der Winter noch einmal richtig gekommen. Er ist wie im letzten Jahr. Da hatte er um diese Zeit auch noch einmal einen grossen Schnee geworfen. Ich kann mich noch daran erinnern.

Am Dienstag gingen 5 Mädchen in die Schuhhandlung Bischoff. Vor dem Haus trafen wir mit Hrn. u. Frau Bühr zusammen. Es war ein Zufall, dass keine Partei warten musste. Elsi Brügger und ich bekamen feinere Schuhe für die Konfirmation, Frieda Meier u. Magdalena Zäch gröbere. Meine Schuhe kosteten 16,85 fs. Mein Vater schickte mir 20 fs; darum konnte ich sie bezahlen. (Die neuen Schuhe sind nicht die Hauptsache für die Konfirmation. Sie spielen gar keine Rolle. Die gute Gesinnung ist die Hauptsache). Die gröberen Schuhe von Frieda u. Magdalena nennt man Strapazierschuhe. Vor 2 Jahren machten wir einen dreitägigen Ausflug, da wir haben viele Strapazen gut ausgehalten. Seppli hätte diese Strapazen nicht ausgehalten. Sie wäre schnell müde geworden. Sie hatte einen starken Herzfehler.

Am Donnerstag sind 2 Mädchen an der vierten Krankheit erkrankt. Am Dienstag Abend war Hr. Dr. Wenner da. Er wünschte, man solle ihm sofort berichten, wenn wieder ein neuer Fall von vierter Krankheit [atypisch verlaufende Scharlach- oder Röteln-Infektion] eingetreten sei. Er möchte sofort kommen u. das Kind anschauen. Er hat gesagt, in der Stadt gebe es Fälle, wo die Patienten ganz blau seien. Das ist eine rätselhafte Krankheit. Die Ärzte wissen noch nicht, wie man sie behandeln muss.

Herr Bühr hat diese Woche eines Abends im Tagblatt gelesen, man solle die alten Zeitungen u. Bücher nicht auf die oberste Bühne oder in einen anderen Winkel versorgen. Sonst werden sie von Motten zerfressen. Die schweizerischen Papierfabriken schreiben, man solle sie an die Lumpensammler verkaufen. Diese verkaufen sie weiter an die Papierfabriken. Dort werden sie eingestampft. Aus der Masse macht man neues Papier u. Karton. Die Papierfabriken leiden an Rohrmaterialmangel [sic]. Die kriegführenden Länder brauchen sehr viel Holz für militärische Zwecke. Viele Zeitungen sind eingegangen. (Sie werden nicht mehr gedruckt; sie erscheinen nicht mehr.)

Am Montag kaufte Frau Bühr schwarzen Stoff zu einem Konfirmationskleid. Es ist die Letzi für ein Patenkind. Frau Wildi im Stoffmagazin erzählte, in einigen Wochen bekomme man keinen schwarzen Stoff mehr. Die schwarze Farbe beziehen wir meistens vom Ausland. Die kriegführenden Länder brauchen die Farben selbst für militärische Zwecke. Am Dienstag Nachmittag kam Willi Bühr vorzeitig aus der Schule. Sein Kamerad Philipp Lafont stützte ihn. Er war beim Turnen gefallen. Sie übten Weitsprung. Als Willi 2,45m sprang, fühlte er plötzlich im Kreuz einen heftigen Schmerz. Er konnte fast nicht mehr atmen. Der Lehrer schickte ihn nach Hause. Willi musste zu Bett gehen u. ruhig liegen. Jetzt geht es ihm wieder besser. Am Sonntag war Klara Schwarz da auf Besuch. Diese erzählte, dass ihr Bruder im Krieg schwer verwundet sei. Man habe ihm ein Bein abnehmen müssen. Der Bruder musste im vergangenen Oktober einrücken. Er war erst 18 Jahre alt. Gestern hat man in der Ostschweiz gelesen, dass er gestorben sei.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und P 907, 23.02.1916, Morgenblatt der Zeitung «Die Ostschweiz» (Todesanzeige für den Bruder einer ehemaligen Schülerin (?) der Taubstummenanstalt St.Gallen)

Mittwoch, 2. Februar 2016 – Korsett-Inserate irritieren Geistliche

Das von den Pfarrherren beanstandete Korsett-Inserat war in der „Ostschweiz“-Ausgabe vom 25. Januar 1916 erschienen. Die Betriebskommission der Buchdruckerei „Ostschweiz AG St.Gallen“ nahm nun diesbezüglich Stellung:

[…]

10. Die Herren Redaktor Buomberger und Regierungsrat Rukstuhl nahmen Veranlassung, in Sachen der von H.H. Regens Dr. Rohner St.Georgen und Kaplan Bochsler in Gossau angedrohten Massregelung der Ostschweiz für den Fall der Wiederaufnahme von Korsett-Inseraten mit den beanstandeten Clisches, mit dem Hochw. Bischof Dr. Robertus Rü[c]ksprache zu nehmen, welcher sich dazu verstehen konnte, den Standpunkt der Ostschweiz zu billigen und die Befprchtungen [sic] der beiden eingangs erwähnten geistlichen Herren als zu weitgehend zu bezeichnen und zwar sowohl von sittlich religiöser als geschäftlicher Grundlage aus.

Nachbemerkung: „Die Ostschweiz» war die Nachfolgerin der Zeitung «Neues Tagblatt aus der östlichen Schweiz». Sie erschien von 1874-1997 (Jg. 1 bis Jg. 124).

Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 088