Briefkopf Wenner

Mittwoch, 7. März 1917 – Ehekorrespondenz

Fritz Wenner schreibt an seine Ehefrau – Papiertaschentücher waren noch nicht erfunden:

Fratte [di Salerno, Süditalien, Wohnort von Fritz und Maria Wenner-Andreae], 7. März 1917.

Mein liebes Frauchen

Ich hoffe es geht Dir immer besser u. dass Du ordentliche Nächte habest; ebenso die Kleinen. Durch Max Salis hörte ich, dass Du am Montag bei seiner Frau warst, u. das ist mir ja ein gutes Zeichen. – Also ich denke[,] Euch morgen früh zu sehen; aber am Abend muss ich wieder zurückreisen, damit ich am Freitag tüchtig hier arbeiten kann; denn es giebt [sic] in diesen Tagen recht viel zu tun und mann wird so wie so während der Arbeit immer so häufig gestört, dass es nicht viel ausgiebt. – Die Wäsche schicke ich Dir durch unsern Kurier. Brot, Honig u. Mellins’s Food hoffe ich Dir selbst morgen zu bringen. – Ich wäre Dir dankbar, wenn Du mir gelegentlich ein Dutzend ganz einfacher Taschentücher (nicht zu gross u. mittelfein) besorgen könntest, denn ich bin sehr schlecht drank in diesem Artikel, natürlich ohne gestickten Namen, da es sonst zu lange gehen würde, denn ich möchte sie gerne bald haben. – Grüsse alle Lieben von mir tausend mal [sic], besonder die l. Bübchen u. sei Du selbst von ganzen Herzen umarmt von Deinem Dich innigst liebenden

Maritino.

In einem früheren Brief vom 26. Februar 1917 verabschiedete sich Fritz Wenner mit den Worten: Mille bacioni a tè[,] Gianni e Dimy [die Söhne Giovanni und Diethelm]! Es umarmt Dich in Eile[,] aber von ganzem Herzen Dein Fritz.

Maria Wenner-Andreae weilte zusammen mit ihren beiden ältesten Söhnen, Giovanni (genannt Gianni) und Diethelm (genannt Dimy/Dimi) im Parker Hotel in Neapel. Sie war in dieser Zeit zum dritten Mal schwanger. Valentin (genannt Pipo) Wenner kam im Sommer 1917 zur Welt.

Zu Fritz und Maria Wenner-Andreae vgl. auch die Beiträge vom 12. Januar 1916 und vom 24. Januar 1916.

Ein weiterer Beitrag zum Ehepaar, diesmal mit einem Brief von Maria Wenner-Andreae an ihren Ehemann wird am 13. April erscheinen.

Mellin’s Food war ein spezielles Kleinkinder-Milch-Getreidepräparat, hergestellt in Boston USA, vermutlich ähnlich wie das Nestlé-Kindermehl aus Lausanne.

Nächster Beitrag: 8. März 1917 (erscheint am 8. März 2017)

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1

Kinder mit Christbaum

Dienstag, 17. Oktober 1916 – Der Staat kauft Wald, und Arbeiter-kinder erhalten eine Christ-baumfeier

In seiner Sitzung vom 17. Oktober befasste sich der Regierungsrat zunächst erneut mit dem Budget 1917 (Nr. 2364). Danach erteilte er eine ganze Reihe Holzschlagbewilligungen: Die Ortsgemeinde Stein brauchte Geld für den Strassenbau (Nr. 2365), die Korporation Oberschan wollte Schulden abtragen (Nr. 2366), die Rhode Altstätten die Kriegssteuern abtragen (Nr. 2367) und das Frauenkloster Wattwil benötigte Nutz- und Brennholz (Nr. 2368). Ausserdem bewilligte der Regierungsrat den Ankauf von 35 Aren Wald in der Gemeinde Henau (heute: Uzwil, Nr. 2369).  

Die Beurteilung eines Perimeterrekurses in der Stadt St.Gallen zieht sich im Protokoll über gute zwölf Seiten hinweg (Nr. 2376), und auch das Gesuch der Marie Kuratle-Eberle in Wattwil um Wiedereinsetzung in die elterliche Gewalt gab zu reden (Nr. 2383): Kein anderer Armen- und Vormundschaftsfall habe das Waisenamt [Oberbüren] je so beschäftigt, wie der vorliegende, wurde berichtet, und der Regierungsrat urteilte im Namen des Kindeswohls schliesslich: 1. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Entzug der elterlichen Gewalt gegenüber Frau Kuratle, geborene Eberle, seinerzeit ein wohlbegründeter war. […] 2. Seither hat sich die Bezeichnete neuerdings verheiratet und hat neben der Besorgung eines ausserehelichen Kindes noch für 6 weitere Kinder aus erster Ehe ihres derzeitigen Ehemannes zu sorgen. Es erscheint schon aus diesem Gesichtspunkte unzweckmässig, der Beschwerdeführerin auch noch die vier Kinder ihrer ersten Ehe anzuvertrauen. 3. Es ist offensichtlich, dass es der Frau Kuratle-Eberle nur darum zu tun ist, die allmählich mehr verdienstfähig werdenden Kinder aus ihrer ersten Ehe zum Zwecke der wirtschaftlichen Ausbeutung in ihre Gewalt zu bekommen. 4. Es ist in keiner Richtung ausgewiesen, dass heute die Voraussetzungen, welche seinerzeit zum Entzug der elterlichen Gewalt geführt haben, nicht mehr vorliegen. […] 

Ebenfalls mit Kindeswohl hatte die Bewilligung zu tun, mit welcher der Regierungsrat  dem Verein der Arbeiter und Arbeiterinnen der Textilindustrie St.Gallen erlaubte, eine Kollekte durchzuführen, um eine Christbaumfeier mit Weihnachtsbescherung für arme Kinder zu organisieren (Nr. 2381). (Nebenbei: Das Beitragsbild zeigt zwei Kinder aus einer bürgerlichen Familie, die einer armen Familie eine Weihnachtsfreude bereiten. Das Bild stammt aus einem Lesebuch für das zweite Schuljahr.)

 Sämtliche Beschlüsse sind hier im vollen Wortlaut nachzulesen:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und ZNA 01/9997.0020 (Bild: Lesebuch für das zweite Schuljahr, bearbeitet von der Thurgauischen Lehrmittelkommission, Frauenfeld, ca. 1910, S. 72)

 

Feldmühle Rorschach, um 1908

Dienstag, 5. September 1916 – Freiwillige Sammlung der Stickereiindustrie-Betriebe zur Linderung der Notlage

Zur Linderung der Notlage in der Stickereiindustrie hatte die Vereinigung Schweizerischer Stickerei-Exporteure auf freiwilliger Basis eine Summe von 505’000 Fr. gesammelt (Nr. 2035): Von der Feldmühle Rorschach, mit welcher laut obiger Ziffer 1 die Verhandlungen noch nicht zum Abschluss gelangt sind, ist mit Zuschrift vom 4. September 1916 folgende spezielle Mitteilung eingegangen:

Die genannte Firma habe bis jetzt für ihre eigene Arbeiterschaft zu Hilfszwecken für Betriebseinschränkungen etc. einen Betrag ausbezahlt, der in seiner Höhe mehr als das Doppelte desjenigen ausmache, das irgend ein Exporteur an den Hülfsfond [sic] zeichnete; es sei zu befürchten, dass in Anbetracht der heutigen Geschäftslage, besonders auch des erschwerten Stoffbezuges, noch manches geleistet werden müsse, um die Arbeiter der Firma für die Zeit, da keine Beschäftigung geboten werden kann, zu entschädigen. Die Firma werde noch bedeutende Beträge zuschiessen müssen und glaube, auf diese Weise ihrer Arbeiterschaft gegenüber ihre Verpflichtungen in weitgehenderem Masse erfüllt zu haben, als durch Leistung einer runden Summe an den Fond.

Bezüglich der Arbeitslosenversicherung sei die Firma seinerzeit gerne bereit, ihren Anteil zu leisten, sobald die Angelegenheit ihrer Verwirklichung nahe rücke. Angesichts des Umstandes, dass mit vorstehend angeführten Ergebnissen die freiwillige Sammlung noch nicht als zum Abschluss gelangt zu betrachten ist, vielmehr noch weitere Eingänge zu gewärtigen sind, beschränkt sich der Regierungsrat zurzeit darauf, von vorstehenden Mitteilungen Kenntnis zu nehmen und gewärtigt die seinerzeitigen weiteren Mitteilungen des referierenden Departementes.

In ihrer Sitzung fällte die Regierung darüber hinaus folgende Beschlüsse:  

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und W 238/02.12-65 (Auszug aus Ansichtskarte zu Rorschach, 1908)

Handsticker am Pantograph mit Fädlerin, um 1900

Mittwoch, 30. August 1916 – Klagen einer Handsticker-Frau

Aus der Stickerei-Industrie.

Notleidende Handsticker.

Durch Vermittlung ist uns ein Brief einer Frau, deren Mann Handsticker ist, zugekommen. Wir erachten es als Pflicht, das Tatsächliche aus diesem Briefe hier wiederzugeben; denn die Not in den Kreisen der Handsticker auf dem Lande ist viel grösser, als man gemeinhin annimmt. Wer sich die Mühe nimmt, die Leute zu besuchen, lernt Zustände kennen, die einen im Innersten ergreifen müssen. Unterernährung, Kränkeln, Verbitterung oder stummes Sichdareinschicken, das ist’s, was man am Pantograph findet.

Als geplagte Stickersfrau, so heisst es u.a. in dem erwähnten Briefe, möchte ich schildern, wie es um unsern Verdienst steht. Ich fürchte zwar, es nütze nicht viel. Man redet immer, dass Hilfe nötig sei; es wird ja, wenigstens auf dem Lande, nichts getan; man meint, das Elend sei noch nicht gross genug. Ist es nicht genug, wenn Familienväter wegen Unterernährung an der Maschine krank werden? Wenn unterernährte Handsticker wegen ungenügender Ernährung keine Kraft mehr haben und so der Krankheit erliegen, wann ist es denn genug? Mein Mann und ich müssen jeden Tag 13 Stunden arbeiten. Im Sommer, wenn wir kein Petrol brauchen, können wir, falls kein Abzug gemacht wird, 2 Fr. im Tag zusammenbringen; im Winter aber nur Fr. 1.30, weil wir für das Petrol, also für das Licht noch 70 Rp. ausgeben müssen. Ich frage: Wir können drei Personen heute leben mit 2 Fr. Verdienst im Sommer und Fr. 1.30 im Winter? Wir haben nur ein Kind und wissen kaum, wo aus und ein. Wie machen es jene, die mehrere Kinder haben? Ich will Ihnen vorrechnen zum Beweis, dass ich die Wahrheit schreibe: Wir haben auf gewöhnliche Ware 27 Rp. Lohn auf 4/4 Rapport 2000 Stiche; im Tag macht das Fr. 5.40. Wir brauchen aber 2½ Strang Garn, macht 2 Fr., 1 Fr. für den Hauszins, 40 Rp. für Nadeln, Wachs, Maschinenöl; alles zusammen Fr. 3.40 Spesen. Uns bleiben also noch 2 Fr. reiner Verdienst, vorausgesetzt, die Ware bringe keinen Abzug. Nun müssen wir mit 2 Fr. essen, für Kleider sparen, Steuern und Krankengeld bezahlen. Wie weit reichen heute 2 Fr. im Tage, wenn man an die hohen Lebensmittelpreise denkt? Haben da gewisse Herren, die in der Armenbehörde sitzen, das Recht zu sagen, ein Kind sollte man denn doch noch erhalten können? Wissen jene Herren, wie man das macht? Wissen sie, was Not und Unterernährung heissen? Das ist eben das Traurige, dass Mann und Frau, die vom frühen Morgen bis spät arbeiten, ihr einziges Kind fast nicht mehr ernähren können.

Sieht mein Mann sich nach anderer Arbeit um, dann heisst es, er sei zu alt (56 Jahre) und zu schwach. Wer kann stark und kräftig werden durch Unterernährung?

Wir hatten noch die halbe Zeit keine Arbeit; seit drei Jahren fehlt uns überhaupt ständige Beschäftigung. So haben wir das in besseren Zeiten mühsam ersparte Geldchen bis zum letzten Rappen aufgebraucht. Die Automaten und Schiffli haben uns uns um den Verdienst gebracht; Spezialware erhalten wir auch keine.

So ist die Lage der Handsticker auf dem Lande. In der Stadt werden Bürger, die unter den Zeitverhältnissen leiden und in Not geraten, ohne weiteres unterstützt. Die Auffassung des Begriffes «unterstützungsbedürftig» ist auf dem Lande bei vielen Armenbehörden heute noch eine veraltete, was selbstverständlich die Notleidenden empfinden müssen. Es gibt heute noch Armenbehörden, die arm gleichstellen mit ehrlos usw. Deshalb gelangen Unterstützungsbedürftige, die in ihrer Armut doch noch das alte Ehrgefühl bewahren wollen, nur im äussersten Falle an die Armenherren. Manche hungern lieber, als dass sie sich wie Bettler betrachten lassen wollen. Ist es nicht so?

Wir haben letzthin einen Handsticker auf dem Lande besucht. Auch dieser klagte bitter über die traurigen Verhältnisse in den Handstickerkreisen. Nach Abzug des Lohnes für die Fädlerin, der Spesen für Garn, Licht, Zutaten bleibt nichts mehr übrig. Der Mann bot das Bild schwerer Unterernährung. Seine Kost besteht aus dünnem Milchkaffee, Brot, wenn es gut geht, langt’s noch zu Kartoffeln. Der Riebel [Mais] ist ihm zu teuer. Butter ist nicht zu erstehen; das Geld langt nicht. Am Abend wird kein Licht angezündet; das Petrol ist zu teuer. Ein bisschen schlechter Tabak ist die einzige Freude, die der arme Mann noch hat. Auch er würde gerne behördliche Unterstützung annehmen, allein er fürchtet die strenge Armenbehörde seiner Gemeinde und – stickt nun um einen Hungerlohn, solange er kann.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 909 (St.Galler Tagblatt, Nr. 203, 30.08.1916, Abendblatt) und W 238/10.00-03 (Bild um 1900, Handsticker am Pantograph mit Fädlerin, offenbar vor der Krise)

Freitag, 16. Juni 1916 – „Für 2.50 & 3.- muss man schaffen wie ein Ross, man geht fast zugrunde“

Tagebucheintrag von Josef Scherrer-Brisig (1891-1965), Sekretär des Schweizerischen Christlichen Textilarbeiterverbands (1910-1916), später Kantonsrat und Nationalrat, Mitbegründer der Christlichsozialen Bewegung:

[…]

Textil-Versammlung der Firma Ottiker Uzwil. Sitzung abends 7 Uhr im Arbeiterinnenlokal in Oberuzwil. Uzwil

Ich referiere über die Arbeitslosenversicherung der Arbeiterinnen. Anwesend sind 13 Arbeiterinnen und 5 Arbeiter. Letztes Mal waren nochmals so viele Arbeiterinnen anwesend. Die Verhältnisse im Geschäft Ottiker sind keine gute[n]. Man treibt die Arbeiterinnen zur Arbeit. 18 Cts. pro 1000 Stich nach dem Kriege statt 30–32 Cts. vor dem Kriege. Heute hat man 25 Cts. pro 1000 Stich. Für 2.50 & 3.- muss man schaffen wie ein Ross, man geht fast zugrunde. Den Weberinnen sind die Löhne ein wenig erhöht worden. Man drückt die Löhne, trotz grosser Arbeit. – Die Weberinnen sind etwas enttäuscht, weil sie glaubten etwas zu bekommen, ohne der Kasse beizutreten. Die Löhne sind in der Bewähre 16 Cts. gewesen und jetzt 17 Cts. In 10 ½ Stunden Arbeitszeit 3.5 Fr. Der frühere Lohntarif wird nicht mehr gehalten. Der Fabrikant erklärte, wenn die Arbeiter mehr Lohn verlangen, so stecke er die Fabrik bei.

[…]

Ed. Ottiker

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108/1 (Tagebuch) und W 238/09.02-11 (Postkarte von Oberuzwil, erschienen bei G. Schoch, Oberuzwil)

Samstag, 27. Mai 1916 – Tüchtiger Sticker und tüchtige Fädlerin gesucht

Inserate im Anzeigenteil der Zeitschrift «Die Stickerei-Industrie» (Auszug):

Zu verkaufen aus Gesundheitsrücksichten ein fast neues Haus mit 6/4 Spezialmaschine, vollständig auf Langware montiert. Sämtliche Röhren und Anwindstuhl vorhanden. Zu erfragen bei Frau Forrer, Feld, Bütschwil.

Gesucht: Tüchtiger Sticker für Monogramm auf Sticharbeit und eine tüchtige Fädlerin. Hoher Lohn. Eintritt sofort. Math. Litscher, Fabrikant, Sevelen.

Stickereien-Einkauf jeder Art in roh und gebleicht Resten, Retourstreifen und Tüchli, Schiffli- und Hand-, sowie Plattstichwaren gegen bar Biedermann & Cie., St.Gallen, 4 Poststrasse 4

Stickfachverein Gossau. Gemeinsamer Spaziergang am Auffahrtstage, laut Beschluss. Abmarsch vom Verein[s]lokal aus punkt 1 Uhr mittags. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand.

Stickerheim mit ganz guter 4/4 Maschine und womöglich mit etwas Boden zu pachten gesucht. Offerten an Postfach 2653, Filiale Kaufhaus, St.Gallen.

Unterzeichneter wünscht einen 12er Tüchli-Apparat zu kaufen. K. Ittensohn in Will.

Prima Existenz. Grössere Sticker-Familie mit weiblichen Hilfskräften gesucht in kleinere Stickerei auf dem Lande. Gutbezahlte, sichere Beschäftigung auf Monogramm, Tüchli oder Band. Schöne, grosse, sonnige Wohnung vorhanden. Ed. Engelberger, Stickerei, Feldmoos, Thal.

Fädelmaschinen neuester bewährtester Konstruktion (speziell für Seide), sowie gut reparierte unter Garantie in jeder Preislage. Reparaturen sämtlicher Systeme. Ad. Boner, Masch.-Werkstätte, Bruggen. Telephon 1557.

Zu verkaufen oder zu verpachten: Ein Haus mit guter Stickmaschine 4/4 an sonniger, schöner Lage im Dicken-Nesslau von J. Steiger-Wagner, Neu St.Johann, Obertoggenburg.

Zu verpachten im Rheintal 2 Stickerheime mit prima 4/4 Tüchlimaschinen. Offerten unter Chiffre P. 170 St. an die Schweiz. Annoncen-Exped. Haasenstein & Vogler, St.Gallen.

P.P. Den Anfragen um Auskunft über Inserate in der Stickerei-Industrie sind stets 20 Cts. in Marken beizufügen. Haasenstein & Vogler St.Gallen.

Stickereifabrik Sevelen

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 017/5 (Die Stickerei-Industrie, 32. Jahrgang, Nr. 11) und ZMH 72/002 (Stickereifabrik Sevelen)

 

Dienstag, 14. März 1916 – Schweizer Examen in Fratte di Salerno

In Fratte di Salerno bei Neapel befand sich seit dem 19. Jahrhundert eine bedeutende, von Schweizern aufgebaute Textilindustrie. Zu den führenden Unternehmern zählten die Familien Wenner, Vonwiller, Züblin und Andreae von St.Gallen sowie Schlaepfer aus Rehetobel AR. Die Ausgewanderten bildeten eine eigene Kolonie und hatten sich organisatorisch in der sogenannten Fremdengemeinde Fratte zusammengeschlossen, die sich neben Freizeitaktivitäten vor allem um die Schulbildung der Unternehmerkinder und religiöse Belange kümmerte.

IV. Sitzung des Komite der Fremdengemeinde in Fratte di Salerno, Dienstag, den 14. März 1916, abends 6 Uhr auf dem Bureau der Herren Schlaepfer Wenner & Co. bei Anwesenheit aller 5 Mitglieder.

1.) Herr Schlaepfer begrüsst zuerst der neugewählte [sic] Schriftführer und verliest hierauf das Protokoll der III. Komite-Sitzung [sic] vom 7. Januar 1916 & ersucht alsdann Herrn Wenner dasjenige der ausserordentlichen Generalversammlung vom 6. Februar 1916 zu verlesen. Beide Protokolle werden gutgeheissen.

2.) Die Gratifikationen an die Lehrkräfte für das zu Ende gehende Schuhljahr [sic] 1915/16 werden wie folgt bestimmt: Frl. Brühlmann: Lit. 100.- wie letztes Jahr da ihr bereits in diesem Jahre d.h. für 1916/17 eine Gehaltserhöhung von L. 200.- laut Beschluss der ausserordentlichen Generalversammlung vom 6. Februar a.c. zugesprochen wurde. Herr Manser soll Lit. 150.- erhalten, ohne Gehaltsaufbesserung.

3.) Examen: Herr Schlaepfer schlägt vor[,] die Examen auf Samstag & Sonntag, den 15./16. April 1916 festzusetzen und zwar:

Samstag, 15. April von 9-11 Uhr vorm. Frl. Brühlmann

Sonntag, 16. April von 8 1/2-12 Uhr vorm. Herr Manser,

mit welchem Vorschlag sich die übrigen Mitglieder einverstanden erklären. Herr Wenner wird beauftragt, sich mit den Lehrern bezüglich des näheren Programms der Examen in’s Einvernehmen zu setzen.

4.) Die üblichen auf die Examen folgenden Ferien sollen Montag, den 17. April beginnen und bis zu Anfang des neuen Schuljahres d.h. Montag, den 1. Mai dauern.

5.) […]

6.) Herr Wenner erkundigt sich noch, ob die sr. Zt. von Herrn E. Ludwig vorgeschlagenen Reparaturen auf dem Friedhof ausgeführt wurden, worauf Herr Stüssi erklärt, dass das eiserne Eingangstor angestrichen wurde. Dagegen sind die zerfallenen Grabkreuze noch nicht durch neue ersetzt worden. Herr Schlaepfer & Herr Stüssi werden sich demnächst an Ort & Stelle begeben, zur weiterer [sic] Besprechung dieser Frage.

Schluss der Sitzung abends 6 ½ Uhr.

Die Schaffhauserin Marie Brühlmann war als Unterstufenlehrerin von 1914 bis zur Auflösung der Schweizerschule in Salerno 1921 tätig. Sie unterrichtete die erste bis vierte, später die erste bis sechste Klasse. Ausserdem erteilte sie Handarbeitsunterricht. Der Sekundarlehrer Hans Manser, laut Eigenaussagen ein liberaler Katholik (vgl. StASG, W 054/4.15), stammte aus St.Gallen. Er war für die fünfte bis neunte Klasse zuständig und von 1915 bis 1920 angestellt.

Quellen: StASG, W 054/21.1 (Auszug aus dem Vorstandsprotokoll der Fremdengemeinde in Fratte) und W 054/29.8 (Maskenball der Fremdengemeinde Salerno um 1910)

Sonntag, 6. Februar 1916 – Ostschweizer Industriellen-Familien in Neapel

In Fratte di Salerno bei Neapel befand sich seit dem 19. Jahrhundert eine bedeutende, von Schweizern aufgebaute Textilindustrie. Zu den führenden Unternehmern zählten die Familien Wenner, Vonwiller, Züblin und Andreae von St.Gallen sowie Schlaepfer aus Rehetobel AR. Die Ausgewanderten bildeten eine eigene Kolonie und hatten sich organisatorisch in der sogenannten Fremdengemeinde Fratte zusammengeschlossen, die sich neben Freizeitaktivitäten vor allem um die Schulbildung der Unternehmerkinder und religiöse Belange kümmerte:

Ausserordentliche Generalversammlung

Der Fremdengemeinde in Fratte, Sonntag den 6. Februar 1916 vormittags 11 Uhr im Schullokal. –

Der Herr Präsident eröffnet die Versammlung durch Namenaufruf. Anwesend sind 19 Mitglieder; entschuldigt abwesend 12; unentschuldigt 17. –

Zur Tagesordnung übergehend wird:

  1. in Anbetracht der Abwesenheit des Schriftführers [Aktuars] das Protokoll der ordentlichen Gemeindeversammlung vom 25. April 1915 auf Aufforderung des Herrn Präsidenten hin von Herrn Fritz Wenner jr. verlesen und von der Versammlung ohne Bemerkung gutgeheissen.
  2. Der Herr Präsident teilt mit, dass der Anstellungskontrakt [Anstellungsvertrag] der Lehrerin, Frl. M. Brühlmann, in diesen nächsten Monaten abläuft und der Vorstand der Ansicht sei, dass es im Interesse der Schule wäre[,] den Kontrakt für weitere 2 Jahre mit einer Gehalterhöhung von Lit 200.- mit Frl. Brühlmann zu erneuern, womit Frl. Brühlmann einverstanden wäre. Da niemand etwas gegen diesen Vorschlag einzuwenden hat[,] wird derselbe einstimmig durch Händeaufheben von der Gemeindeversammlung angenommen.
  3. Zur Aufnahme eines neuen Gemeindemitgliedes bemerkt der Herr Präsident, dass es sich um die Aufnahme des Herrn Peter Flury in Nocera handelt, dass sich aber am Tage vor der Versammlung auch noch Herr Hermann Scherler zur Aufnahme gemeldet habe und die Gemeinde somit über die Aufnahme dieser beiden Herren abstimmen müsse. In der geheimen Abstimmung, welche folgt, werden beide Herren einstimmig aufgenommen.

[…]

Kinderfest Fratte 2

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/21.1 (Auszug aus dem Protokoll der Fremdengemeinde) und W 054/29.6 (Bilder)

Stickmaschine

Dienstag, 1. Februar 1916 – Die Stickerei-Industrie wartet auf Rohstoffe

Die Regierung traf sich vormittags um neun Uhr zu einer ausserordentlichen Sitzung. Darin befasste sie sich u.a. mit der Versorgung von Rohbaumwolle:

01-02-1916

Ausserdem befasste sie sich mit folgenden Fragen:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B 2-1916 (Texte) und W 276/02.04-05 (Visitenkarte der Firma K. Kürsteiner in Mörschwil)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kutscher der Familie Wenner, Antonio Cosimato, in Fratte di Salerno, ca. 1916

Montag, 24. Januar 1916 – Fritz Wenner kehrt nach Italien zurück. Die Reise mit Handgepäck über den Simplon ist schneller als die Gotthard-Route.

Fritz Wenner, Textilindustrieller in Fratte di Salerno mit St.Galler Wurzeln, war auf der Rückreise von einer Geschäftsreise in die Schweiz. Er war seit 1913 mit Maria Wenner-Andreae verheiratet und Vater von zwei kleinen Knaben, Giovanni (genannt Gianni, 1914-2010) und Diethelm (genannt Dimi, 1915-1996).

Gina Andreae (1891-1977) war die jüngste Schwester von Maria Wenner. Sie verheiratete sich 1922 mit dem Juristen Fritz Bek und lebte in Bern.

Silvia Wenner (1886-1968) war die jüngste Schwester von Fritz Wenner. Sie war ab 1925 mit Hermann Ochsenbein (1888-1947?) verheiratet. Ochsenbein arbeitete ab 1916 Spinnereidirektor bei der Firma Roberto Wenner in Fratte.

Fritz Wenner schrieb aus Mailand.

Meine herzliebste Maria

Endlich kann ich Dir wieder einmal ohne Bedenken u. Furcht vor Censur etc. schreiben u. Dir vor allem meine glückliche Ankunft von gestern Abend hier melden. Eben erhielt Vater Deine Zeilen, aus denen wir mit grosser Freude u. Dankbarkeit entnehmen, dass es Dir u. den beiden Schatzelchens u. allen in Fratte gut geht. – Auch hier traf ich alle Lieben gesund u. wohl u. recht aufgeräumt an. – Gina sieht blass aus u. Mutter sagt mir aber, dass man uns Gina gerne so bald als möglich auf Besuch geben möchte; ich denke es passt Dir auch u. kannst Du darüber an Mutter schreiben. Weisst Du[,] es ist nicht ausgeschlossen, dass ich kaum nach meiner Heimkehr jetzt Ende dieser Woche gleich nach einigen Tagen wieder für eine Sitzung nach Mailand werde reisen müssen u. zwar wegen Onkel Robert; aber bestimmt weiss ich es nicht, wahrscheinlich finde ich hierüber etwas in Fratte vor. Wenn es so ist, so werde ich Gina mit nach Hause bringen können. Was sagst Du wohl zu alle dem?

Von meiner Schweizerreise werde ich dann mündlich ausführlicher erzählen können. Heute habe ich nun hier einige Besuche zu machen u. morgen nachmittag will ich nach Turin zu Onkel Emil reisen. Am Mittwoch abend gedenke ich die Reise nach Rom fortzusetzen, den Donnerstag dort zuzubringen u. am Abend spät abzureisen, um am Freitag vormittag um 9¼ Uhr in Salerno einzutreffen. Wenn das Auto frei ist, so könnte es mich an der Bahn abholen, sonst schickt mir Papa vielleicht den Wagen. Gepäck habe ich ja keines ausgenommen meinen Handkoffer. – Gestern ging an der Grenze alles sehr glatt vonstatten. Ich reiste also via Simplon u. konnte darum leider die Bekannten in Lugano u. Locarno nicht noch aufsuchen, aber es hätte mir eben einen grossen Zeitverlust gebracht, wenn ich wieder die Gotthard-Route genommen hätte. –

Nun freue ich mich schrecklich[,] wieder zu Euch Lieben zu kommen u. zu hören[,] wie es Euch in dieser Zeit ergangen ist, u. was für Fortschritte die Kleinen gemacht haben. Wenn Du wüsstest, mein liebes Frauchen, wie meine Gedanken so viel bei Dir sind u. wie oft ich Dich im Geiste fest umarme! Ich gehe jetzt in die Stadt u. will Dir einen telegraphischen Gruss senden. Übermittle ihn dann auch den l. Eltern u. Silvia. Empfange Du selbst mitsamt unsern Söhnchen einen, (nein tausend) herzinnige Küsse von Deinem treuen Maritino Fritz. Alle Deine Lieben hier senden ebenfalls innigste Grüsse.

Fritz Wenner hatte in der Schweiz Erbschaftsangelegenheiten der Familie Pfister zu regeln (vgl. Beitrag vom 12. Januar). Die Familie Pfister war Miteigentümerin von Wenners Schwesterfirma Aselmeyer & Pfister. Diese fusionierte 1916 mit der Firma Schlaepfer Wenner zur CORISAL (Cotonifici riuniti di Salerno). Ausgelöst worden war dieser Vorgang durch den Krieg. Man versuchte damit, den deutschen Einfluss in der auf italienischem Boden angesiedelten Firma zu verringern. Wenners Reise in die Schweiz sollte den Zusammenschluss der Firmen vorbereiten. (Mitteilung von Markus Kaiser)

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/69B.19.09 (Bild)